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14.12.2019, Jamal Tuschick

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar. Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

Raue Hände

Links sehen Sie die Widerstandskämpferin Lula (Mihret) Gherezghiher*.

*In Eritrea behalten die Frauen ihren Mädchennamen. Der Nachname ist immer der Vorname des Vaters. Elilta Mesmers ermordeter Vater hieß Mesmer mit Vornamen.

Rechts sehen Sie Elilta Mesmer

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Meine Kindheit steckt in Liedern und Gerüchen. Manchmal versuche ich, Erinnerungen heraufzubeschwören. Ich richte Szenen ein wie eine Set-Designerin und doch bewirkt der Aufwand wenig. Ich bin nicht die Herrin der eigenen Geschichte. Flucht bedeutet eben auch Verluste an der Imaginationsfront, da wo Phantasie und biografisches Tatsachenmaterial zusammenfließen. Nach der Ermordung meines Vaters wurde mein Leben, das Leben einer Vorschulschönheit, unwirklich. Das spürte ich auch bei meiner Mutter und bei meiner Schwester Segen, die ein Jahr jünger ist als ich. Die Zurückgebliebenen wurden zu Treibgut in Prozessen der Veräußerlichung.

Ich formuliere das so apodiktisch, obwohl ich nur für mich garantieren kann. Der gewaltsame Tod meines Vaters in einem besetzten Land schwächte sämtliche Verbindungen zwischen mir und der Welt.

Alle mussten sich verstellen, alle hatten Angst, aber uns war das Schlimmste passiert. Wir waren über die Ufer der Befürchtungen hinausgespült worden in etwas buchstäblich Unbegreifliches. Gleichzeitig erwartete man von uns Anpassung und Zurückhaltung.

Uns war keine selbstständige Gemütsäußerung erlaubt, über die notorischen Niedlichkeiten hinaus, für die kleine Mädchen berüchtigt sind und die von Verwandten gern gebucht werden.

Ich existierte in einem Zustand toter Niedlichkeit. In der Selbstentfremdung schuf ich mir einen Schutzraum. Es war ungeheuer verletzend und bedrohlich, zu wissen, dass auch meine Mutter sich so zurückziehen - und uns zumindest temporär in ihrem eigenen Wolkenkuckucksheim vergessen konnte.

Meine Mutter rechnete nicht länger mit dem Schlimmsten. Ihr war das Schlimmste schon passiert. Sie bemühte sich erst gar nicht um einen adäquaten Ausdruck ihrer Trauer. Es gab nichts Angemessenes. Meine Mutter verzichtete auf alle Symbole des Schmerzes und verlegte sich ganz auf die Rolle der sich in der Volkserziehung sowie im Freiheitskampf selbstlos Verausgabenden.

Wir sind evangelisch von ganzem Herzen. Jungfrauen haben im Protestantismus keine herausgehobene Stellung. Trotzdem verwandelte sich meine Mutter wie nach einer Initiation für Charismatikerinnen in die jungfräuliche Witwe und Mutter. Das ist eine doppelt paradoxe Figur, die sie jedenfalls gründlich davor bewahrte, noch einmal persönlich werden zu müssen.

In der höllenhaft-gespenstischen Unwirtlichkeit unserer Realität quiekten meine Schwester und ich nach den Regieanweisungen Erwachsener und unversehrter oder vielleicht auch nur anders versehrter Kinder fröhlich mit. Der Überlebensmotor einer Fünfjährigen ist eine Rennmaschine.  

Ich wuchs in einer Idylle auf, die jederzeit zur Vorstadthölle werden konnte. Die Kapitale Asmara verliert ihre Gravitation an lauter Vor- und Außenposten mit ruralem Gepräge. Man ist zwar noch in einer Großstadt, doch das Ländliche und Dörfliche bestimmt die Szenen.

Nach unserer Flucht aus Asmara fanden wir zuerst Zuflucht bei meinen Großeltern. In der Sphäre meines Großvaters Gherezghier war der Geruch von Heu dominant. In die Schlafräume gelangte man auf einem Weg durch den Stall. Die hilflose Mächtigkeit der Kühe verängstigte mich.

Ich denke an die rauen Hände meiner sanften Großmutter Letensie. Ihr oblagen die schwersten Arbeiten wie einem Sträfling. Ihr Geschlecht machte sie zu einer Gefangenen der Dorfgesellschaft. Ich rivalisierte mit meiner Mutter um die besondere Gunst ihrer Mutter. Mein Liebesdurst ließ sich nicht stillen. Ich trocknete bis auf den Grund aus, sobald der Nachschub stockte.

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

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