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16.12.2019, Jamal Tuschick

Gemeinsam mit dem Untertanen preußischer Provenienz nahm der Obrigkeitsstaat Gestalt an. Das und noch viel mehr erzählt Jens Bisky in seinem großartigen Berlinbuch. Mich reizt es, diesem historischen Sockel erste Überlegungen zu Kerstin Ehmers Roman „Die schwarze Fee“ einzufügen. Der Dunst über der Panke stinkt. Im Uferdschungel des dem Barnim entspringenden und die Spree bereichernden „Transportbandes“ für die Weddinger Kloake verfängt sich jede Menge Treibgut. Noch zieht die Zille-Fashion dem Quartier den Scheitel. Alles ist wie gehabt. Die Plagen stören in den engen, von Schlafburschen tagsüber belegten Wohnungen. Den Wänsten gehören die Straßen und das Hinterland der Brachen. Kerstin Ehmer schildert eine Kinderbande im Gefolge der Führungspersönlichkeiten Max und Erna. Wichtig ist auch Kalle, genannt Keule, ein Fünfjähriger von ausgesuchter Schweigsamkeit. Klar könnte er sprechen. Nur wozu sollte er das wollen?

Befragung eines Toten

Eingebetteter Medieninhalt

Und dann ist da auch Nike Fromm, die unter Magnus Hirschfelds Aufsicht „sexuelle Andersartigkeiten … in einem Naturschutzgebiet für erotische Extravaganzen“ erforscht. Die angehende Ärztin ist der Star in Ehmers Cabaret.

Die Verwandlung der Doppelstadt Berlin-Cölln in eine kurfürstliche Residenz vollzog sich zum Leidwesen der Bevölkerung unter Friedrich Wilhelm im 17. Jahrhundert. Seine Vorgänger hatten das bürgerliche Portfolio der Spreeperle gekapert und ihrem feudalistischen Prunkwanst einverleibt. Der „Berliner Unwille“ fand sein Ende in der Unterwerfung. Eine brandaktuelle Spiegel-Bilduntertitel zu Boris Johnsons Durchmarsch trifft den Nagel auf den Kopf:

„Friss mir aus der Hand oder stirb“

Friedrich Wilhelms Sohn machte sich als Friedrich I. zum ersten König von Preußen.

Wikipedia weiß: „Friedrich I. (* 11. Juli 1657 in Königsberg; † 25. Februar 1713 in Berlin) aus dem Hause Hohenzollern war der erste preußische König; seit 1688 als Friedrich III. Markgraf von Brandenburg und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches und souveräner Herzog in Preußen nahm er 1701 als König den Namen Friedrich I. an.“

Ihm und seinen Nachfolgern gegenüber geriet die Stadtgesellschaft weiter und weiter ins Hintertreffen. Eine politische Kreuzung gegensätzlich-konkurrenzfähiger Interessen wurde abgeriegelt und dichtgemacht. Das wars dann für lange Zeit.

Gemeinsam mit dem Untertanen preußischer Provenienz nahm der Obrigkeitsstaat Gestalt an. Das und noch viel mehr erzählt Jens Bisky hier:

Jens Bisky, „Berlin. Biografie einer großen Stadt“, Rowohlt Berlin, 970 Seiten, 38,-

Mich reizt es, diesem historischen Sockel erste Überlegungen zu Kerstin Ehmers Roman „Die schwarze Fee“ einzufügen.

Kerstin Ehmer, „Die schwarze Fee“, Roman, Pendragon Verlag, 398 Seiten, 18,-

Der Dunst über der Panke stinkt. Im Uferdschungel des dem Barnim entspringenden und die Spree bereichernden „Transportbandes“ für die Weddinger Kloake verfängt sich jede Menge Treibgut. Noch zieht die Zille-Fashion dem Quartier den Scheitel. Alles ist wie gehabt. Die Plagen stören in den engen, von Schlafburschen tagsüber belegten Wohnungen. Den Wänsten gehören die Straßen und das Hinterland der Brachen. Kerstin Ehmer schildert eine Kinderbande im Gefolge der Führungspersönlichkeiten Max und Erna. Wichtig ist auch Kalle, genannt Keule, ein Fünfjähriger von ausgesuchter Schweigsamkeit. Klar könnte er sprechen. Nur wozu sollte er das wollen?

Ehmers Personal strotzt vor Eigenarten und fügt sich zu einem Panoptikum. Selbst die Honorigen erscheinen in der trüben Melange als Marottenkönige. Das Unfertige und die Hast regieren gemeinsam. Man möchte Hund sein und Leine ziehen in solchen Verhältnissen.

Der Held tritt auf und verliert auf Anhieb das Bewusstsein

Unter dem Vorwand eines Geschehens zwischen Tumult und Erbitterung bittet Ehmer den Leser zur Deutschstunde. In einer blutigen Begegnung zeigt sich Kommissar Spiro seinem Gegner nicht gewachsen. Die Kollegen vermeiden jede Unterstützung, Spiro schließt politische Motive nicht aus.

Befragung eines Toten

Zeitgleich stellt Kommissar Hartmuth Bludau den Tod eines öffentlichen Verkehrsteilnehmers fest. Er ist so gestorben, als sei er bis zum Schluss zur Vermeidung jedweden Aufsehens entschlossen gewesen.

Bludau verbirgt einen Literaten hinter der eisernen Maske des preußischen Polizisten. Er hat ein Faible für Else Lasker-Schüler, die es sich gefallen lassen muss, sich nicht gemeinsam mit Gottfried Benn in der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen. Der Morgue-Dichter schätzt die Lyrik der Kollegin, nicht aber ihre Erscheinung.

Doktor Tod kuriert auch Heimweh

Leichen pflastern die Wege der Kommissare. Ich zähle nicht mit und melde Morde (inklusive der Freitode) nur sporadisch. Mich interessiert Ehmers Blick für die wilhelminische Einschüchterungsarchitektur mit ihren Showtreppenhäuser, Marmoraufbauten, gepanzerten Pförtnerlogen und überlebensgroßen Reiterstandbildern.

Das ist eine Wucht in jeder Hinsicht. In ihrem Kolossalschatten defiliert die russische Migration. Die Verlierer*innen der Oktoberrevolution fangen noch mal von vorn an.

Eine Russin „mit Festanstellung an der Berliner Staatsoper“ landet als Zinaida Jurewskaja im Leichenschauhaus.

Der Tod hat sie vom Heimweh kuriert.

Einst träumte Zinaida Jurewskaja „von dem großen leeren Himmel … über der Newa.“

In der Tucholskystraße ist die Frauenklinik der Charité.

„Hier wird gepresst, gehechelt und geschrien.“

Wollen wir noch mal bei Jens Bisky nachlesen, wie das war, lange bevor Gottfried Benn den Spießersnob in der Rosenthaler Vorstadt gab. Das war keine Frage, deshalb gibt es auch kein Fragezeichen.

„Dumm sein und Arbeit haben: das ist das Glück.“ Gottfried Benn

Man kann Bisky für seinen Fleiß gar nicht genug loben. Und alles ist so schön aufgeschrieben. Im 17. Jahrhundert verliert Berlin sein mittelalterliches Gepräge und wohl auch den Charakter einer Wüstung in Zukunft. Viele Brunnen sind verschlammt, viele Häuser in schlechtem Zustand. Die Regenten heißen Pest und Hunger und jetzt kommst du und willst schon etwas erlebt haben.

„Kot und Kehricht“ allenthalben. Dazu kommen Münzverschlechterungen, Bluterkrankungen, Marodeure mit schlechten Flinten. Trotzdem ist der amtierende Brandenburger Markgraf und preußische König entschlossen, seine Residenz umschleifen und auf modern trimmen zu lassen. Er deutet seine Verhältnisse neu, entwickelt ein aktuelles Narrativ. Das Ergebnis entspricht der Verwandlung einer Stadt in eine Festung. Deshalb, so Bisky aufschlussreich, führen die Ausfallstraßen nicht zwangsläufig durch die Stadttore. Der architektonische Betrieb folgt nicht mehr der Logik des Handels. Die baumeisterliche Intelligenz dient dem freien Schussfeld. Die Anordnungen des Fürsten garantieren in den folgenden Jahrhunderten ein Chaos. Die Weichen sind gegen den zivilen Verkehr gestellt worden. Der Garnisonsgeist entweicht nicht. Den marktgängerischen Bauern auferlegt wird per Dekret der Abtransport des Kots ihrer Viecher.

Bisky spricht von einer „Routine des Gehorsams“.

Der Kadavergehorsam steckt bestimmt auch noch in der alltäglichen Praxis der preußischen Polizei, der Spiro angehört. Der Beamte hat sich in die Tochter eines Mordopfers verguckt. Ich rede von Nike Fromm, die unter Magnus Hirschfelds Aufsicht „sexuelle Andersartigkeiten … in einem Naturschutzgebiet für erotische Extravaganzen“ erforscht. Die angehende Ärztin ist der Star in Ehmers Cabaret.

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