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16.12.2019, Jamal Tuschick

„Mit … (zweiundvierzig) wurde mir mein Glück zum Verhängnis.“ Das erkennt Betty in Grégoire Delacourts einleuchtendem Roman „Die Frau, die nicht alterte“.

Lyrische Landschaftslinien

Mit zweiundzwanzig begibt sich Betty in Bapaume im Département Pas-de-Calais als Grundschullehrerin auf den Pfad „der höflichen Unscheinbarkeit“. Im folgenden Jahr heiratet sie ihren Geliebten …

Eingebetteter Medieninhalt

Betty gleitet über die Schienen der Jahre, berauscht von den Wirkungen stark verzögerter Alterungsprozesse. Prosaisch registriert sie magische Lichteinfälle und lyrische Landschaftslinien, während ihre beste Freundin Odette zeitgerecht altert und im Verfall den gültigsten Scheidungsgrund erkennt.

Grégoire Delacourt, „Die Frau, die nicht alterte“, Roman, aus dem Französischen von Katrin Segerer, 172 Seiten, 20,-

Jahrzehnte war es Odette leichtgefallen, Männer mit Sex an sich zu binden. Jetzt ist das Spiel für sie zu Ende. Da helfen auch keine aufgespritzten Lippen.

Les jeux sont faits - Das Spiel ist aus (Sartre)

Aber nicht für Betty. Die ewig Schöne macht mit viel Erfahrung Erfahrungen, die alle anderen nur mit geringer Erfahrung als junge Verführer*innen machen. In ihrer Person verbindet sich die gerissene Routine der besten Jahre mit der Attraktivität jugendlicher Kernschmelzen.

Grégoire Delacourt meißelt das Alleinstellungsmerkmal seiner Heldin aus dem grauen Block der Gewöhnlichkeit, in dem sich ihre Umgebung etabliert hat. Nicht jeder fällt der Dürftigkeit anheim. Bettys Mann André „verwirklicht seine Träume“ in der ersten Halbzeit seiner aktiven Spanne. Er ist ein von seinem Material besessener Schreiner mit einem mächtigen Originalitätsanspruch. Vor der Hochzeit bewährte er sich in Jahren als Bettys Liebhaber. Noch immer „gibt er ihr den Vorzug“, auch wenn die bleibende Exzellenz der Gattin‘ Glieder, die reine Haut und das ganze Pipapo für ihn gewöhnlicher ist als etwa eine besondere Scheibe aus der Riege kostbar verholzter Pflanzen. Vor dem Frühstück „beschert“ er Betty immer mal wieder „mit seinen rauen geschickten Händen … einen Orgasmus“, vollkommen losgelöst von der Gewissheit, selbst ein Objekt der Begierde aller möglichen Frauen zu sein, die nicht nur keinen Anspruch auf seine Schreinereien erheben können, sondern auch mit dem Makel sichtbaren Alterns behaftet sind.

Betty war jung zu der Musik von Janis Joplin und erscheint auch noch in der Queen-Ära jung. Delacourt schildert das Dilemma dieser Konstellation. Die Erfahrung findet keine Entsprechung. Betty fehlt der Autoritätsschmuck der Falten. Erst im Gegenlicht des Delacourt’schen Angebots, die Sache einmal so zu betrachten, als hülfe das Wünschen dem Menschen tatsächlich weiter, erkenne ich, eine wesentliche Funktion einschlägiger Manifestationen.

Ich bin bald sechzig und niemand erwartet von mir, dass ich mich auf den Höhen bewege. Auf dem weiten Feld zwischen mildem Spott, freundlicher Ironie, bösem Humor und der reinen Abschätzigkeit bleibe ich stets auf der sicheren Seite, da der Beweis meiner Unzuständigkeit für das Absolute ständig erbracht wird. Man wundert sich, wie gut ich die Treppen schaffe, wie solvent ich meine Halbblindheit quittiere, wie amourös ich mich selbst auf den Arm nehme. Was heißt, man wundert sich. Man bewundert mich.

Betty entbehrt das Glück der sichtbaren Hinfälligkeit. Vierzigjährig wird sie zur Gegnerin von Frauen, die wirklich jung sind und ihren goldenen Moment (die einmalige Frist) zu nutzen wissen.

Betty ist doch immer nur im Easyjet geflogen. Doch plötzlich.

Plötzlich verhakt sich ihre Existenz in den Normalverläufen der anderen. Solide Enttäuschungen und Selbstentzauberung vereinen die Regulären in einer Liga noch kräftiger Verlierer*innen. Betty sollte da mitspielen, aber ihre Zugehörigkeit lässt sich nicht so einfach belegen. Ihr Spieler*innenpass ist ungültig. Ehemalige Kommilitonen, die anderswo vor die Hunde gegangen sind, halten sie für eine jüngere Schwester jener bezaubernden Betty, die einst als studierende Ikone, changierend zwischen Brigitte Bardot und Jean Seberg, zu Neil Youngs Ohio gesellschaftskritisch tanzte.

„Mit … (zweiundvierzig) wurde mir mein Glück zum Verhängnis.“

Von Einsamkeit glorifiziert

In seinem Roman „Die Frau, die nicht alterte“ erzählt Grégoire Delacourt von einer im Weiteren durchschnittlichen Französin, die Mediziner vor Rätsel stellt. Ein Arzt wundert sich: „Das ist wirklich sonderbar, Ihre Epidermis ist deutlich jünger als Sie.“

In einem narzisstischen Selbstschöpfungsakt kommt Martine, die sich bald Betty nennen wird, mit achtzehn noch einmal zur Welt. In ihrer Schönheit findet sie den Trost, der sich ihr seit dem frühen Tod der Mutter entzogen hat. Sie erkennt sich als Eingeschlossene im Elfenbeinturm ihres körperlichen Zenits und versöhnt sich mit den von Einsamkeit glorifizierten Tatsachen ihres Lebens.

„Plötzlich war ich funkelnagelneu, unberührter Schnee, ich hatte ein Feuer gefunden.“

Die Skizze könnte die Rummelbude eines trivialen Auftakts in der Manier einer Dorian-Gray-Verwurstung umreißen. Aber so ist es nicht. In Bettys beständiger Blüte erklingt der Schlussakkord einer Entwicklung. In Bettys Biografie verbindet sich die Schönheit der Achtzehnjährigen mit einem Endpunkt.

Banken fällen Stammbäume, Ferienhäuser wuchern wie Tumore …

Grégoire Delacourt verkleidet eine „genetische Replik, (die) Balz, (den) Tanz ums Weibchen“ (Kerstin Ehmer) mit Kritik an der französischen Agrarpolitik, in deren Konsequenz Bauerndynastien stier gingen, während auf ihren angestammten Feldern der Aushub im Plural freizeitindustrieller Planungen losging. Betty wüsste davon nichts, wäre ihr Liebhaber André nicht Sohn ländlicher Modernisierungsverlierer, die sich selbst als Opfer von Machenschaften begreifen.

André entwirft den Prospekt mit Grill und Planschbecken als einer urbanen Konstellation, die auf dem umgewidmeten Grund von einem Mangel an Geistesgegenwärtigkeit enteigneten Bauern als Okkupationsensemble wirkt.

André erinnert Betty an Dinge, die sie nie bedacht hat. Er erwähnt die „erloschenen Augen“ seiner Eltern in einem Zusammenhang mit den posttraumatischen Belastungsstörungen französischer Soldaten, um die sich keiner kümmert; die im gesellschaftlichen Diskurs nicht vorkommen, anders als amerikanische Vietnamveteranen, die in ihrer Verwüstung als „Abgehängte“ einen festen Platz in der Gedächtniskultur einnähmen.

Betty fehlt der Sinn für die Tragik anderer. Sie studiert Literatur, arbeitet an ihrem Latein und liest Proust. Vor allem analysiert sie das Verhältnis ihres Vaters zu Françoise – der Nachfolgerin ihrer Mutter mit der gebotenen Skepsis und einer altklugen Exkulpationsbereitschaft.

Der kriegsversehrte Vater macht seine Geständnisse. Er erzählt von einer psychologischen Mission, die im Grauen mündete.

„Gräuel … wurden zur Droge“.

Jemand unterband den Selbstmord des Süchtigen. Da ist so viel, was gegen das Glück spricht. Bettys Existenz erscheint zu unbefestigt. Mit zweiundzwanzig begibt sich Betty in Bapaume im Département Pas-de-Calais als Grundschullehrerin auf den Pfad „der höflichen Unscheinbarkeit“. Im folgenden Jahr heiratet sie ihren Geliebten …

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