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16.12.2019, Jamal Tuschick

In „Maigret und sein Toter“ beobachtet Jules Maigret Erscheinungsformen der Überforderung bei einem Verdächtigen von schwachem Verstand.

Erscheinungsformen der Überforderung

Ein Mann behauptet, verfolgt zu werden, und muss erleben, dass ihm keiner glaubt. Das ist die Spielanordnung in einem Maigret, der so wenig ein Kriminalroman ist, dass ich mich dazu entschlossen habe, ihn im Mainlabor als die Geschichte eines Verfolgten vorzustellen. „Maigret und sein Toter“ entstand im Dezember1947 wieder in Rekordzeit. Die Episode einer in Jahrzehnten nicht aufgegebenen work in progress erzählt von einem kindlich gebliebenen und deshalb kindisch wirkenden Mann namens Albert Rochain. Bis zu seiner Ermordung führte der Rennbahn-Filou gemeinsam mit seiner Ehefrau Nine eine Schankwirtschaft. 

Eingebetteter Medieninhalt

Wenn das Nicht-Begreifen zur Flut wird, die alle Dämme des Verstandes übersteigt, dann gewährt die Mimik geistig Kurzatmiger dem Publikum oft ein besonderes Vergnügen.

Georges Simenon, „Maigret und sein Toter“, Roman, aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Sophia Marzolff, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe, 282 Seiten, 12,-

Maigret beobachtet Erscheinungsformen der Überforderung bei einem Verdächtigen von schwachem Verstand. Es versteht sich im Kontext der Simenon’schen Plausibilitätsverweigerung von selbst, dass der potentielle Delinquent einer Bande angehört, als könne auch nur der ehrgeizloseste Verein sich Deppen an der frischen Luft leisten. 

Maigret nimmt die Verfolgung auf. Das ist natürlich nicht interessant: diesen von Geburt alten Mann einem Strizzi nachlaufen zu sehen. Maigrets Schwerfälligkeit erlaubt nichts Spektakuläres. Die Last des guten Lebens, eines unangreifbaren Gewissens, einer robusten, nicht-vitalen Gesundheit verlangsamen den Ermittler und verweigern ihm das Potential der Greifer – der athletischen Polizei, die bei jeder Aktion ihre gesellschaftliche Ausnahmestellung als Gewaltmonopolisten demonstriert.

Viel interessanter für Simenon und deshalb auch attraktiver für den Leser ist die pointillistische Psychologie im Verhältnis der alten Gäste zu den neuen Wirten.

Was zuvor geschah

Ein Mann behauptet, verfolgt zu werden, und muss erleben, dass ihm keiner glaubt. Das ist die Spielanordnung in einem Maigret, der so wenig ein Kriminalroman ist, dass ich mich dazu entschlossen habe, ihn im Mainlabor als die Geschichte eines Verfolgten vorzustellen. „Maigret und sein Toter“ entstand im Dezember1947 wieder in Rekordzeit. Die Episode einer in Jahrzehnten nicht aufgegebenen work in progress erzählt von einem kindlich gebliebenen und deshalb kindisch wirkenden Mann namens Albert Rochain. Bis zu seiner Ermordung führte der Rennbahn-Filou gemeinsam mit seiner Ehefrau Nine eine Schankwirtschaft. Nine hielt den Laden zusammen – mit einer gut-bodenständigen Küche und einem exzellenten Gedächtnis für die Vorlieben ihrer Gäste. Das Paar bildete eine natürliche Barriere vor dem Treibgut, dass sich in Kneipenreusen zwangsläufig verfängt. Stammgäste spekulierten über einen Wohlstandsvorsprung der Frau. Die verdoppelte Fähigkeit zur Konsolidierung ständig bedrohter Verhältnisse stellte sich als Rätsel im sozialen Schlamm dar.

Solche Fragen stellte man sich in Charenton-le-Pont. Da mündet die Marne in der Seine. Paris liegt vor der Tür. Man fand zu Simenons Zeiten noch lauter Kontaktstellen zwischen Dorf und Vorstadt. Eine unterschwellige Negation des Überkommenen fusionierte mit Transitphänomenen. Für Maigret ergibt diese Milieu-Melange eine ideale Kulisse. Er ist das alles in Fleisch – ein zur Stadt metastasiertes gallisches Dorf – Reihenhausfestung und Marktplatz in einer Person.

Au Petit Albert heißt das Lokal der Rochains. Der Kommissar ersetzt den toten Wirt und dessen verschwundene Frau, mit einem untergebenen Kollegen und dessen Frau.

Emilé und Irma Chevrier vertreten die angestammten Wirtsleute. Das ist ihre Legende. Man beharkt sie, verhält sich übergriffig. Die alten Beißer prüfen Irmas Willfährigkeit und degradieren die als Frau eines Polizisten auf der sicheren Seite situierten Laienschauspielerin zum Faustpfand.

Irma verwandelt sich unter dem Druck eines zunehmend überlaunigeren Gatten und den losen Manieren der Schankraumbewohnern in ein Singspiel des trällernden Abwaschs.

Simenon schielt stets aus einem lüsternen Auge an der vermeintlich Verfügbaren vorbei. Ihn reizt die Darstellung eines dräuenden Durchbruchs des Archaischen auf allen möglichen Ebenen. Er serviert das mittelalterlich Maßlose … den Willen ländlicher Vorstadttypen, auf einem halb weggebrochenen Kellertreppenabsatz zum Zug zu kommen - im Rahmen von Revierbehauptungen, die allerdings nur durchsetzbar sind, wenn auf der Gegenseite Angst und Not herrschen.

Tatsächlich ändern sich gerade einmal wieder die Verhältnisse und die am Tresen Festgewachsenen sind wieder die letzten, die das begreifen.

Es ist auch schwer zu verstehen, dass mit Maigret die Zukunft und der Zugriff kommen. Das der Mann überhaupt für etwas Modernes steht. Die Anlage seiner Person erscheint rückwärtsgewandt. Und doch agiert er auf der Höhe seiner Zeit.

Maigret ermittelt modern, um Simenon als Kenner der Materie auszuweisen. Der Autor bleibt im Spiel als Streber.

Ein Erschossener wird als illegal in Frankreich eingewanderter Tscheche identifiziert.

Maigret hält sich mit der Ermittlungsarbeit auf. Seine Inspektoren telefonieren, klappern Lokale ab. Sie gehen informell auf Tuchfühlung mit der Unterwelt in all ihren Abteilungen. Bald kippt das Geschehen in eine wüste Geschichte rund um eine unversöhnliche Allianz, deren Protagonist*innen sich von zivilisierten Spielregeln losgesagt haben und in atavistischer Zügellosigkeit verderben. Es spielen grandios-üble Brüder und Schwester im Team der Verworfenen, Schädelspalter*innen aus Leidenschaft.

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