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18.12.2019, Jamal Tuschick

Der Erzähler ist mit allem lückenlos versorgt, seine Zugehörigkeit lässt nichts zu wünschen übrig. Seine Mutter mästet seine Marotten. Auch Elsa macht ihm bei der ersten Gelegenheit klar, wie schnuckelig sie ihn findet. Sie geht so weit, ihn zu einer Spritztour im R5 einzuladen. Das zwischen den mit Nähmaschinenmotoren ausgestatteten Modellen R4 und R6 versteckte Kraftpaket ist ein perfekt in Schuss gehaltenes Geschenk vom Tscho. Der erzählende Scheibenwischer kommt da nicht weit mit seiner Dienstfertigkeit.

Erzählender Scheibenwischer

Eingebetteter Medieninhalt

Alle anderen trifft er, ob zufällig oder nicht. Elsa aber erscheint ihm. Der übergewichtig pubertierende, sich mit Diäten bis zur Bewusstlosigkeit traktierende, seinem Schöpfer sehr nahestehende Erzähler ergeht sich in der „altmodischen“ Sonderbarkeit des Namens.

Elsa kannte ich überhaupt nur von Grabsteinen.“

Wolf Haas, „Junger Mann“, Roman, Hoffmann und Campe, 238 Seiten, 22,-

Das Ich vergreift sich in seiner Verehrung für die Frau des Berufskraftfahrers Tscho auf der Tastatur seiner Möglichkeiten; zumindest ist das die erste Suggestion. Während es sich gefallen lassen muss, an der Tankstelle seiner Aushilfstätigkeit mit Fräulein angesprochen zu werden, verkörpert Elsas Kapitän der Landstraße handfeste Virilität in den Spielarten der Siebzigerjahre. In der Hochzeit des belgischen Radrennfahrergenies Eddy Merckx, allgemein ist die Leidenschaft für die Tour de France und das Berliner Sechstagerenne, fasst Tscho kein Fahrrad an. Mir gefällt der nie aufgeklärte, schon lange ins Sediment gesunkene, einst so populäre Widerspruch zwischen Fahrradverweigerung und Rennfaszination.

Verfolgt werden Sportereignisse, wo man steht und geht. Das Autoradio liefert richtungsweisenden Rundfunk.

Der Erzähler ist mit allem lückenlos versorgt, seine Zugehörigkeit lässt nichts zu wünschen übrig. Seine Mutter mästet seine Marotten. Auch Elsa macht ihm bei der ersten Gelegenheit klar, wie schnuckelig sie ihn findet. Sie geht so weit, ihn zu einer Spritztour im R5 einzuladen. Das zwischen den mit Nähmaschinenmotoren ausgestatteten Modellen R4 und R6 versteckte Kraftpaket ist ein perfekt in Schuss gehaltenes Geschenk vom Tscho. Der erzählende Scheibenwischer kommt da nicht weit mit seiner Dienstfertigkeit.

Dies erfährt er im Jahr des Ölschocks. Nachdem der persische Schah längst in aller Mund ist, machen sich nun auch die Scheichs aus Arabien bemerkbar.

Ich weiß nicht, warum ich mich in einer Beschreibung verrenne, die den narrativen Kern verfehlt. Elsa bemüht sich, auch wenn sie behauptet, sie wolle nur Englisch von dem Hilfswart (mit ausstehender Maturität) lernen.

Ein Höhepunkt: „Do you love me out?“

Die Hausmeisterin mit dem Traumjob, sie lebt in einem Haus, dessen Eigentümer, es höchstens zwei Wochen im Winter beanspruchen, offenbart einen unerwarteten Ehrgeiz.

Der Erzähler reagiert altersgerecht irritiert auf die Avancen, zeigt aber auch schon etwas von dem dicken Fell des schmähcharmeoffensiven Routiniers, der ihn in einer Zukunft als abgebrühter Haas erwartet.

„Der Tscho schüttelte den Kopf, als wäre es einfach unbegreiflich, dass die größten Deppen am längsten in die Schule gehen.“

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