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18.12.2019, Jamal Tuschick

Es gab keinen auf die Zukunft gerichteten Widervereinigungswillen vor Neunundachtzig. Mit dieser Behauptung schließt Frank Wolff in seiner Analyse „Die Mauergesellschaft“ zum Diskurs auf.

Als der Weltgeist Luhmann las

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Die sozialdemokratische Ostpolitik der Brandt-Ära hatte etwas Ergreifendes und etwas Einschläferndes. Der Hauptsatz „Annäherung durch Wandel“ fußte auf der Konvergenztheorie von Superminister Karl Schiller, einem der populärsten Politiker seiner Zeit. Ziemlich schnell erkannte auch der schwächste Denker, dass es nur eine einseitige Annäherung geben würde, die schließlich in der Übernahme der DDR mündete.

Vorgesehen war das nicht.

Es gab keinen auf die Zukunft gerichteten Widervereinigungswillen vor Neunundachtzig. Mit dieser Behauptung schließt Frank Wolff zum Diskurs auf.

Die Einheit war in den Jahren der deutschen Zweistaatlichkeit „nicht angelegt“. Vielmehr wurde sie nach Neunundachtzig hergestellt, und zwar „in einem nicht staatlichen Kommunikationsraum“. Das stellt Frank Wolff fest: im Widerspruch zu der Version von einem autonomen Wiedervereinigungsprozess.

Frank Wolff „Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989“, Suhrkamp, 1020 Seiten, 36,-

Man muss sich die Vorbehalte gegen eine Rahmung der Zusammenführung als natürlich, organisch, unvermeidlich etc. immer wieder erarbeiten, obwohl, so Wolff überzeugend, bereits in den Achtzigerjahren eine „supranationale Wertediskussion“ die „deutsch-deutsche Informationsgesellschaft“ erfasste. Der Weltgeist las Luhmann und wusste deshalb, dass auf Nationalstaaten beschränkte Gesellschaftsbegriffe „theoretisch nicht mehr satisfaktionsfähig“ waren.

Natürlich bekam das keiner mit. Die Geschichte behauptete einen Vorsprung im Verhältnis zu allen Experten, deren Expertisen auf zwei fundamentale Trugschlüsse hinausliefen: Die Aporie der Avantgarde und das Ende der Geschichte.

Konzertierter Landwechsel

Mitte der Achtzigerjahre reisten zehntausende DDR-Bürger auf dem Ticket der Helsinki-Schlussakte (Stichwort: KSZE) in den Westen, um da zu bleiben. Dieses Kapitel der bundesrepublikanischen Migrationsgeschichte fand kaum akademische Beachtung. Auf dem Boulevard provozierte der konzertierte „Land-Wechsel“ (Heiner Müller) Anleihen an die diskursive Verarbeitung der Vertriebenen. Geschürt wurde die Angst vor härterem Wettbewerb und Verdrängung.

Der „Spiegel“ titelte:

„Die Deutschen kommen“.

Bald mehr.

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