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19.12.2019, Jamal Tuschick

Kindheit in einem besetzten Land - Elilta Mesmer erinnert sich - Meine Mutter war gerade da. Als ich ihr ein Bild zeigte, dass mir meine Schwester (Segen lebt in Dallas, Texas) aus ihrem Album abfotografiert hat, erinnerte sie mich an die Entstehungsgeschichte. Das rief so viel in mir wach. Ich bin außer mir. Die Aufnahme entsteht 1977 in einem bebenden Land. Wir leben in der Hauptstadt Asmara und befinden uns im Epizentrum der Unruhen. Die eritreische Aufstandsbereitschaft erzeugt einen Ausnahmezustand, der sich gesetzlich kaum regeln lässt. Er ist so etwas wie ein kollektiver Durchbruch – ein Zustand zwischen Ekstase und Depression. Alle haben den Riot Blues. Eines Tages sind wir (die Übriggebliebenen einer geschlagenen Familie) auf dem Weg zu Tante Hidat. Im Stadtzentrum sehen wir auf Höhe des Cityparks ein gewaltiges feindliches Aufkommen. Eine äthiopische Heerschar kommt im Gleichschritt auf uns zu. Ich erlebe die Marschkolonne wie einen wahrgewordenen Albtraum. Ich möchte aufwachen, obwohl ich weiß, dass mir das nicht im Schlaf widerfährt. Die Soldaten verkörpern die Mörder meines Vaters. Ich glaube nicht, dass sich jemand vorstellen kann, was sich in einem Kind abspielt, dass solcher Gewalt ohnmächtig ausgesetzt ist.

Die Mörder meines Vaters

Elilta Mesmer

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zu „Steingebet“. So heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

Herzzerreißend! Ich möchte eine Ausgabe. Mika San 

Der Anfang einer Lebensbeschreibung

Am Anfang einer Abzweigung vom muslimischen Normalverlauf steht der Zufall. In einem Winkel des Abessinischen Kaiserreichs verwaist ein Knabe im Einzugsgebiet einer schwedischen Mission. Versprengt und isoliert erscheint die protestantische Exklave in einer der weltweit ältesten koptisch-christlichen Gesellschaften, die sich im Reich von Aksum hypostasiert. Dieser Mehrheit steht eine starke muslimische Minderheit gegenüber.

In Abessinien ist man entweder orthodoxer Christ oder sunnitischer Muslim.

Der christlich-jüdische Urtext reicht bis in die Zeit des Alten Testaments, als die äthiopische Königin von Saba mit dem israelischen König Salomon in Jerusalem tausend Jahre vor Christus den jüdisch-christlich-afrikanischen Motor anwarf und im Beischlafmodus die Dynastie der Meneliks gründete.

Abessinien ist nicht nur einer der ältesten christlichen Staaten, sondern einer der ältesten Staaten überhaupt. Er widerlegt die weiße Bekehrungsbigotterie, eine Fake News vergangener Tage.

Zur verbrämenden Begründung des Kolonialismus wird stets angeführt, man müsse die Heiden vor dem Fegefeuer im Bekehrungsweg bewahren. Wie vorgeschoben das Argument ist, zeigt eine militärische Aneignungspraxis, die, und das ist der zweite Punkt, den ich hervorheben möchte, in Äthiopien am Widerstand der Bevölkerung scheitert. Ganze Familien ziehen beherzt in den Freiheitskampf und triumphieren über die europäische Gewalt.

Um auf den Waisen zurückzukommen, der so untypisch in einem evangelischen Regime aufwächst. Für den Zögling ist der Protestantismus die Religion der Fürsorge. Er durchbricht die muslimische Traditionslinie. Amanuel fühlt sich berufen, bleibt aber nach dem Namensrecht mit seinem Taufnamen der Sohn eines nach Allahs Propheten Benannten. Deshalb kommt Elilta Mesmer bei einer Aufzählung im Rahmen des Familiennamens schnell auf Mohammed. Lebte sie in Eritrea, der Heimat ihrer früh verwitweten Mutter, würde sie sich so Älteren gegenüber ausweisen als Angehörige eines Stammes.

Neun Stammessprachen befeuern alle möglichen Differenzen in Eritrea. Mesmers Muttersprache heißt wie ihr Stamm Tigrinya. Die Eltern gehören verschiedenen Stämmen an. Sie entscheiden sich füreinander, gegen den Widerstand der Kernfamilie von Mesmers Vater. Vier Merkmale der Unterscheidung von konventionellen Lösungen ergeben sich im Spektrum zwischen unüblich und unerwünscht.

Die stammesübergreifende Verbindung

Die freie Partnerwahl aka Liebesheirat

Der evangelische Background, der die Familie der beinah kleinsten eritreischen Minderheit zuordnet.

Die ungezwungenen Willensäußerungen von Elilta Mesmers Mutter, der Widerstandskämpferin und Lehrerin Lula (Mihret, Äthiophia) Gherezghiher.

Sie ist die Radikale im Team, eine markante Persönlichkeit, die überall bleibenden Eindruck hinterlässt. Noch Jahrzehnte später äußert sich bei Diaspora-Eritreern, die von Lula Gherezghiher unterrichtet wurden, eine kniefällige Hochachtung.

Das Ehepaar unterrichtet an der evangelischen Schule von …

Bald mehr.

Meine Mutter, die Widerstandskämpferin Lula (Mihret) Gherezghiher*.

*In Eritrea behalten die Frauen ihren Mädchennamen. Der Nachname ist immer der Vorname des Vaters. Mein ermordeter Vater hieß Mesmer mit Vornamen.

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

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