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19.12.2019, Jamal Tuschick

„Die kapitalistische Produktionsweise wütet ärger als Löwen und Hyänen.“ - Roswitha Schieb stellt in dem Band „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“ Held*innen im Kulturkampf vor.

Die Wirkung im Moment

Es gab sie schon im 19. Jahrhundert. Wandernde Agitatorinnen, die das Licht der marxistischen Aufklärung in die Keller des Prekariats trugen. Agnes Wabnitz (1841 – 1894) starb als Volkstribunin. Ihr erwiesen mehr Leute die letzte Ehre als sich sechs Jahre zuvor zur Verabschiedung von Kaiser Wilhelm I. bereitgefunden hatten.

Roswitha Schieb, „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“, Lukas Verlag, 299 Seiten, 24.90 Euro

Der Popularität folgte das Vergessen. Dem Vergessen voran ging ein politischer Kampf, der zugleich ein Kulturkampf war. Das erzählt Roswitha Schieb so anschaulich wie unterhaltsam.

Aus der Ankündigung

Roswitha Schieb beschreibt und befragt die Lebensläufe von dreißig Schriftstellern, Künstlern, Schauspielern, Wissenschaftlern oder Politikern aus den letzten zweihundert Jahren, in deren Biografie und Werk sich die Verwerfungen der deutschen Geschichte wie in einem Brennspiegel offenbaren. Dreh- und Angelpunkt all ihrer Studien ist die Zeit des Nationalsozialismus einschließlich seiner Vorgeschichte und seiner langen Nachwirkungen. Dabei beleuchtet sie besonders solche Persönlichkeiten, deren Wege abseits des Mainstreams verliefen und verlaufen. Bei den Porträtierten handelt es sich oft um Menschen, die nicht auf der Siegerseite standen und daher mit zwiespältigen Gefühlen und wacherem Blick wahrnehmen konnten, was mit ihnen und um sie herum geschah. Verstricktheit und Aufbegehren, Widersprüchlichkeit und Widerstand, Scheitern und Aufbruch werden in ihren vielfältigen Ausprägungen gezeigt. Dabei stehen stets die Auswirkungen der »großen Geschichte« auf die Einzelschicksale im Fokus.

Wabnitz, so Schieb, war keine Theoretikerin. Es gibt kein Œuvre, das die Aktivistin im Zug einer enthusiastischen Rezeption immer wieder ins Gespräch bringen könnte. Besonders bemerkenswert findet die Herausgeberin die Freiheit, die Wabnitz in dem wilhelminischen Regime zwischen Belle Époque und Fin de Siècle fand, um „deutschlandweit flammende Reden“ zu halten.

Sie setzte sich über die Einschränkungen der Sozialistengesetze vehement hinweg. Ihrer Performance wurden von der aktivistischen und publizierenden Zeitzeugin Bertha Glogau Girlanden gewunden. Glogau überliefert einen „herb-keuschen … nonnenartigen“ Auftrittsstil.

Wabnitz erhielt sich mit Näharbeiten. Ihre Vortragstätigkeit blieb eine unentgeltliche Angelegenheit.

Idealismus schrieb sie groß.

„Wer nichts waget, der darf nichts hoffen.“ Friedrich Schiller

Sie kam aus einem oberschlesischen Schankwirtschaftshaushalt und erwachte geistig in einer Atmosphäre religiöser Toleranz. Vorurteile blieben ihr fremd. Vor Anker ging sie in einer frei-religiösen Gemeinde. Auf einem „Feudalmustersitz“ erlebte Wabnitz als angehende Gouvernante die „Tyrannenherrschaft des Adels“. Noch war man es gewohnt, Knechte vor Kutschen zu spannen. Das Gesinde lebte mit dem Vieh zusammen auf beinah einer Stufe. Es gab den Nutzmenschen so wie es das Nutzvieh gab, gerahmt von den Begriffen der Leibeigenschaft, die sich über ihre Abschaffung hinaus auswirkte. Wabnitz warf mit Löffeln, trat in den Hungerstreik. Endlich ging sie nach Berlin zu ihrem sozialdemokratischen Bruder, der mit Druckerzeugnissen hausierte.

„Es drängte sie von der Nähmaschine zur Tribüne.“

Wabnitz zählte auf „die Wirkung im Moment“. Sie überschritt die Grenzen, die ein politisches Betätigungsverbot Frauen setzten. Vor allem jedoch bewirkte ihr Charisma, dass „Strolche und Raubmörder … vor ihr den Hut“ zogen, während Polizeispitzel Exzerpte ihrer Abhandlungen anfertigten.

1891 wurde die sprechende Freiheitsstatue in Frankfurt am Main wegen „Aufreizung“ der Werktätigen zum ersten Mal verhaftet.

„Die kapitalistische Produktionsweise wütet ärger als Löwen und Hyänen.“

Bald sah sich Wabnitz interniert im „Dalldorfer Irrenhaus“.

Ihren Selbstmord verübte sie schließlich auf dem „vornehmsten aller Gräber“ auf dem Friedhof der Märzgefallenen. Auf dem Grabstein stand: Ein unbekannter Mann. Heute liegt sie auf dem Friedhof der Freireligiösen Gemeinde an der Berliner Pappelallee.