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20.12.2019, Jamal Tuschick

#EliltaMesmer #MeToo #blackfeminism #intersectionality #feminismus #socialjusticewarrior #WomenEmpowerment

Exklusiv im Mainlabor. Elilta Mesmer erzählt ihr Leben parallel zu der literarischen Verarbeitung.

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Die Töchter der Kriegerin

The Mesmer-Fightclub

Wir sind evangelisch, meine Mutter hat uns in tiefem Glauben erzogen. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie in der ersten Zeit nach der Ermordung meines Vaters zum Beten vor die Tür ging, um Steine in den Himmel zu werfen.

Eingebetteter Medieninhalt

Kinder einer Gesuchten

Mein Vater wurde am 1. Februar 1975 umgebracht. So hat es meine Mutter mir gesagt. So habe ich es oft weitergesagt. Das Datum ist mir eingeschrieben. Es spricht allerdings einiges dagegen. Die spärlichen Quellen, unter Überschriften wie List of conflicts in Eritrea, weisen den 2. Februar als wahrscheinlicheren Todestermin aus.

During an engagement against both the EPLF* and ELF*, the Ethiopian Army had attacked the church where eighty to one-hundred-three villagers in Woki Duba had taken refuge.

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

Herzzerreißend! Ich möchte eine Ausgabe. Mika San 

Meine persönliche Opferzahl, auch sie eine rituelle Größe, in den ewigen Kreisläufen des Nichtzubewältigenden, liegt bei 120 Opfern eines Massakers, das die Besatzungsmacht unter unbewaffneten Zivilisten anrichtete. Natürlich waren darunter viele Frauen, Kinder und Alte.

Wikipedia weiß: Die Eritreische Volksbefreiungsfront (englisch Eritrean People’s Liberation Front, EPLF) war eine bewaffnete Gruppierung, die für die Unabhängigkeit Eritreas von Äthiopien kämpfte. Sie spaltete sich 1970 als christlich dominierter Flügel von der muslimisch/christlich dominierten Eritreischen Befreiungsfront (ELF) ab (wobei beide Gruppen offiziell marxistisch orientiert waren). Von 1972 bis 1974 befanden sich die beiden Organisationen in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Nachdem sich 1978 die EPLF in die Region um Sahel zurückzog, führte der wiederauflebende Konflikt zwischen den beiden Gruppierungen zu einem Rückzug der ELF in das sudanesische Nachbarland.

Wenn ich oft sage, wenn ich sage, ich habe oft gesagt, dann meine ich, so oft wie sich mir eine Gelegenheit bot. Und das war eher selten. Das Interesse an den tragischen Umständen meiner Existenz war nicht groß. Ich selbst unterstützte jede Vermeidung schwerer Themen. Ich machte mir gern etwas vor und weis, dass der Tod meines Vaters in Afrika geblieben, und dass die Fluchtgeschichte, die in meiner Biografie steckt, ein abgeschlossenes Kapitel sei. Erst jetzt erkenne ich die Folgen meiner Bereitschaft, mir die Taschen voll zu lügen. Ich sehe mich selbst, always lustig und mit falschen Wimpern, als Lady Bump von Ludwigsburg, und mir wird übel.

Was habe ich nicht alles gemacht, um zu gefallen. Wie oft ignorierte ich das Kopfschütteln der Erzengelin und Freiheitskämpferin, die das Vergnügen hatte, mich und meine nicht weniger routiniert rotierende Schwester Segen als konsumcouragierte Expertinnen polierter Oberflächen konsultieren zu dürfen.

„Mama, wir erklären dir die Welt. Wir sagen dir, wie der deutsche Hase läuft.“

Ich begriff nicht, dass meine Mutter in Deutschland unsichtbar geworden war. Dass sie in Eritrea zu einer Elite gehört hatte und davon hier niemand etwas wissen wollte.

Das Offensichtliche ließ sich leicht übersehen.

Das ist so furchtbar.

Ich will meiner Mutter Gerechtigkeit widerfahren lassen, um mir selbst gerecht zu werden.

Kinder einer Gesuchten

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Mein Vater war politisch nicht halb so vehement und zu allem entschlossen wie meine Mutter. Sie war die Unbeugsame, bis sie brach. Glatt in der Mitte durch, um als halbiertes Ich sich von ihren Töchtern fragen zu lassen, warum es bei uns nicht für die drei Streifen von Adidas reicht.

Nach meiner Mutter wurde gefahndet. Sie war eine Rebellin im Untergrund. Ihre vor Angst sabbernden Gören hielten sie davon ab, den letzten Schritt zu machen. Das war keine Frage von Mut, sondern nur von Verantwortung. Man hatte ihr den Mann genommen, der Tod wäre als Erlöser willkommen gewesen.

Aber da waren ja wir kleinen Scheißer und verlangten nach einer irdisch-nahbaren Mutter.

Während sie mit uns von Unterschlupf zu Unterschlupf hastete, endeten für siebzehn Waffenschwestern die äthiopischen Behandlungen mit dem Tod.

Wie Flummis schlugen wir mal hier und mal da auf in den Bergen zwischen Asmara und Keren.

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

Steingebet - Der Anfang einer Lebensbeschreibung

Am Anfang einer Abzweigung vom muslimischen Normalverlauf steht der Zufall. In einem Winkel des Abessinischen Kaiserreichs verwaist ein Knabe im Einzugsgebiet einer schwedischen Mission. Versprengt und isoliert erscheint die protestantische Exklave in einer der weltweit ältesten koptisch-christlichen Gesellschaften, die sich im Reich von Aksum hypostasiert. Dieser Mehrheit steht eine starke muslimische Minderheit gegenüber.

In Abessinien ist man entweder orthodoxer Christ oder sunnitischer Muslim.

Der christlich-jüdische Urtext reicht bis in die Zeit des Alten Testaments, als die äthiopische Königin von Saba mit dem israelischen König Salomon in Jerusalem tausend Jahre vor Christus den jüdisch-christlich-afrikanischen Motor anwarf und im Beischlafmodus die Dynastie der Meneliks gründete.

Abessinien ist nicht nur einer der ältesten christlichen Staaten, sondern einer der ältesten Staaten überhaupt. Er widerlegt die weiße Bekehrungsbigotterie, eine Fake News vergangener Tage.

Zur verbrämenden Begründung des Kolonialismus wird stets angeführt, man müsse die Heiden vor dem Fegefeuer im Bekehrungsweg bewahren. Wie vorgeschoben das Argument ist, zeigt eine militärische Aneignungspraxis, die, und das ist der zweite Punkt, den ich hervorheben möchte, in Äthiopien am Widerstand der Bevölkerung scheitert. Ganze Familien ziehen beherzt in den Freiheitskampf und triumphieren über die europäische Gewalt.

Um auf den Waisen zurückzukommen, der so untypisch in einem evangelischen Regime aufwächst. Für den Zögling ist der Protestantismus die Religion der Fürsorge. Er durchbricht die muslimische Traditionslinie. Amanuel fühlt sich berufen, bleibt aber nach dem Namensrecht mit seinem Taufnamen der Sohn eines nach Allahs Propheten Benannten. Deshalb kommt Elilta Mesmer bei einer Aufzählung im Rahmen des Familiennamens schnell auf Mohammed. Lebte sie in Eritrea, der Heimat ihrer früh verwitweten Mutter, würde sie sich so Älteren gegenüber ausweisen als Angehörige eines Stammes.

Neun Stammessprachen befeuern alle möglichen Differenzen in Eritrea. Elilta Mesmers Muttersprache heißt wie ihr Stamm Tigrinya. Die Eltern gehören verschiedenen Stämmen an. Sie entscheiden sich füreinander, gegen den Widerstand der Kernfamilie von Elilta Mesmers Vater. Vier Merkmale der Unterscheidung von konventionellen Lösungen ergeben sich im Spektrum zwischen unüblich und unerwünscht.

Die stammesübergreifende Verbindung

Die freie Partnerwahl aka Liebesheirat

Der evangelische Background, der die Familie der beinah kleinsten eritreischen Minderheit zuordnet.

Die ungezwungenen Willensäußerungen von Elilta Mesmers Mutter, der Widerstandskämpferin und Lehrerin Lula (Mihret, Äthiophia) Gherezghiher.

Sie ist die Radikale im Team, eine markante Persönlichkeit, die überall bleibenden Eindruck hinterlässt. Noch Jahrzehnte später äußert sich bei Diaspora-Eritreern, die von Lula Gherezghiher unterrichtet wurden, eine kniefällige Hochachtung.

Bald mehr.

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