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20.12.2019, Jamal Tuschick

Als chilenischer Konsul in Paris verhalf Pablo Neruda im spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikanern zu einer Passage in die Freiheit. Er wählte nach Vorgaben seiner Regierung aus, interpretierte das Reglement aber frei heraus. Seine Vorliebe für Künstler*innen verstärkte die chilenische Kulturbasis. Nerudas politisches Engagement bildet das Kernstück in Isabel Allendes angenehm leichtgängigen Roman „Dieser weite Weg“.

Der republikanische Standpunkt

„Wir schreiben Geschichte, wir fegen den Feudalismus fort … wir sind ein Vorbild für Europa.“

Alle Entscheidungen werden in Sekundenschnelle getroffen. Liegen lässt man (auf dem kalten Steinboden des Estació del Nord von Barcelona), wem nach ärztlicher Einschätzung nicht mehr zu helfen ist. Der Franquismus ist auf dem Vormarsch und mit ihm die Protagonist*innen einer Gegenrevolution. Die Falangist*innen betrachten sich als Zukunftsmacher*innen. Ihre Bewegung manifestiert sich zwar erst seit 1933 auf der Straße. Doch nahm sie bis dahin einen langen Anlauf. Ihr restaurativ-aufständisches Erbe wird sie durch alle Phasen des Franco-Regimes tragen, sie wird mit Vorbehalten im liberal getünchten Machtspiel eines Militärdiktators bleiben, der sich als Shōgun seines Königs begreift und legitimiert.

Der Verlust des Verbliebenen

Man nannte sie die Achtundneunziger. Ende des 19. Jahrhunderts verliert Spanien seine letzten überseeischen Territorien und damit seine Identität als raumgreifender Staat. In der Krise eines zerfallenen Imperiums bildet sich im Zusammenhang mit dem Jahr 1898 ein Generationsbegriff. Kuba, Puerto Rico und die Philippinen fallen von Spanien ab. Das Mutterland muss sich selbst genügen – auch als Schlachtfeld politischer Experimente. Es schwankt zwischen einer Monarchie und der 1930 endenden Diktatur von Miguel Primo de Rivera. Der Totalitäre setzt in Marokko Senfgas ein. Seine Kinder (der früh sterbende) José Antonio und (die ihren Bruder lange überlebende) Pilar gründen die faschistische Falange und schließen sich Franco an.

Der Caudillo kapert einen Revolutionszug, indem er sich an dessen Spitze stellt. Sein „Allerweltsgesicht“ verbirgt ein „kaltes, rachsüchtiges und brutales Wesen“. So schildert Isabel Allende Franco in ihrem neuen Roman. Die chilenische Autorin erzählt von einer Zeit „voller entfesseltem Hass, Rache und Terror“. Massenhaftes Blutvergießen folgt einem politischen Kalkül.

Schnullersoldaten

Isabel Allende, „Dieser weite Weg“, Roman, aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 384 Seiten, 24,-
In dem irdischen Fegefeuer beweist ein republikanisch-idealistischer Sanitäter Fingerspitzengefühl bei der Wiederbelebung eines aufgegebenen Schnullersoldaten. Víctor Dalmau rettet auf dem Nordbahnhof ein halbes Kind, dass für ihn namenlos bleibt, während es den Namen seines Retters in Erfahrung bringt und sich als Schriftzug auf die Brust tätowieren lässt.

Dalmau erinnert eine Wunde wie gemalt.

Er assistiert bei „Amputationen ohne Betäubung“; er tritt als Arzt auf, um den Verletzten „Sicherheit zu geben“. Endlich zerspringt sein Herz und sein „inneres Wesen“ tritt aus, um vor seinen Füßen im Dreck zu verglibbern.

„Massenflucht der Unerwünschten“

Nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen wurde, bleibt den Geschlagenen nur noch die Flucht über die Pyrenäen nach Frankreich. Das Erzählerauge schwenkt von Dalmau zu dessen Bruders hochschwangerer Braut. Unwirsche Köhler bieten ihr ein Nachtlager unter Wölfen. Allende setzt die Mittel des Abenteuerromans ein. Sie erzählt, was Flüchtlingen besser schmeckt als das „Kriegsbrot“, das in Barcelona gebacken wurde. Der Schmuggler im Stück verrät sich mit seiner Erscheinung und spricht wie auf der Bühne:

„Du kannst ruhig schlafen … Ich bin Schmuggler, kein Mörder.“

„Sie tranken noch einen trüben Kaffeeersatz.“

Ich will nicht, dass Sie den Roman zu kritisch betrachten. Er behält einen flüchtigen Reiz, man könnte so viel dazusetzen … „sie wanderten Stunde um Stunde, kämpften sich durchgefroren und schwer atmend durch den Schnee“.

Auf der französischen Seite kassiert Gendarmarie die Wanderer ein und kaserniert sie fürs Erste in einem überfüllten Heuschober.

Der Bahnhof von Latour-de-Carol

In der Gegend von Latour-de-Carol stranden im Februar Neununddreißig massenhaft Kombattanten in den kurzen Sommerhosen der Anarchie. Die weggebrochene katalonische Front (26. Abteilung), alles in allem zwölftausend Mann, drängt nach Frankreich. Viele werden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie.

Allende spricht „von einer Massenflucht der Unerwünschten“, die auch mit senegalesischen und algerischen Auxiliartruppen zu Pferd kanalisiert wird.  

Die Häuser sind rot. Rot ist eine bourgeoise Farbe in Frankreich: die Farbe des bürgerlichen Selbstbewusstseins. La ville rose nennt man Toulouse. Die Stadt wuchs um ein rotes Rathaus herum.

Tarascon-sur-Ariège

Kommt man von der französischen Seite, fährt man entlang der Ariège, die ihrem Raum den amtlichen Namen gibt. Hier leben Leute, die Okzitanisch sprechen. 

Links Katja Kippling am Grab von Walter Benjamin. Rechts sehen Sie KK gemeinsam mit dem Journalisten und Soziologen Paul Mason.

Hinter Perpignan verläuft die Grenze nicht weit vor Portbou: Walter Benjamins Endstation.

...

Dalmau folgt seiner Beinahschwägerin in einem Sanitätstross. Gelingt es ihm, eine Internierung zu vermeiden? Dazu bald mehr.  

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