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21.12.2019, Jamal Tuschick

Jón Kalman Stefánsson beschreibt die Heftigkeit der Liebe und des Wetters in isländischen Spielarten.

Das Glück zwischen Geilheit und Lektüre

Eingebetteter Medieninhalt

Helga und Sigvaldi ganz am Anfang. Erfüllt von der Gewissheit, ein Mädchen zur Welt zu bringen, genießt Helga ihre Schwangerschaft. In einem Glück zwischen Geilheit und Lektüre, lesen die Liebenden gemeinsam Romane. In den Tonarten der Narration träumen sie von ihrer Zukunft, diesem irdischen Paradies.

Jón Kalman Stefánsson, „Ástas Geschichte“, Roman, ins Deutsche von Karl-Ludwig Wetzig, Piper, 458 Seiten, 24,-

Helga ist knapp neunzehn in Ástas Zeugungsnacht. Der zehn ältere Sigvaldi hat Mühe, seiner Familie (in einer unterentwickelten Gesellschaft) die Atemnot der Armut zu ersparen.

Island in den Neunzehnhundertdreißigerjahren. Die Gesellschaft tastet sich vor zu den Standards des 20. Jahrhunderts. Sammler- und Jägerfertigkeiten sind gefragt. Im Sommer streicht Sigvaldi Häuser an, im Winter fährt er zur See.

Die eisigen Dezemberfischzüge sind brandgefährlich. Die Arbeit verlangt einen brachialen Zugriff. Das Elementare schlägt zu, ob als Wetter oder Ozean. Jón Kalman Stefánsson schildert eine archaische Welt, die wie ein Fossil im Bernstein der erweiterten Gegenwart steckt. In einer Szene kombiniert der Autor einen hart ausgetragenen Arbeitskampf der Seeleute mit einem Liebesakt auf dem schwer erschütterten Küchentisch.  

Stefánsson beschreibt die Heftigkeit der Liebenden als Folge einer Untätigkeit, die der Streik Sigvaldi aufzwingt, ohne dass ihn eine Inbrunst der klassenkämpferischen Solidarität erlösen könnte.

Ein Zeitsprung von dreißig Jahren ergänzt das Geschehen. Sigvaldi stürzt von einer hohen Leiter auf den Bürgersteig. Anders erzählt: Kurz vor oder nach dem Orgasmus, schlägt der fischende Anstreicher hart auf. Sigvaldi stürzt in die Auslassungen von Jahrzehnten. Die Verknüpfung von Eros & Thanatos erscheint naiv und funktioniert doch.

Wie man sich als versierter Leser denken kann, übersteigt Ástas Geschichte die Komplexität der Elternbiografien. Ásta badet aus, was sich von Helga und Sigvaldi noch auf eine exzentrische Weise aussitzen ließ. Die Vorgänger vergrößern latschend einen Abwegigkeitstriumphzug, in dem sich andere kolossal aufspielen. Sigvaldi wird von seinem dichtenden Bruder in den Exaltationsschatten gestellt. Der Dichter vergleicht seinen Schreibzwang mit einem Tumor. Sollte er dem Zwang nicht gehorchen, käme gleich ein Krebs um die Ecke.

Eine vor Güte vibrierende Ziehmutter tritt nicht nur an Helgas Stelle und braucht bald „einen anstrengenden Zweitjob, um zusätzlich Kleider für Ásta anzuschaffen“.

Die Nenntochter erweitert den Kreis schwererziehbarer Jugendlicher. Man schafft sie in eine Gegend, die „sich wie ein Schrei dem Eismeer“ öffnet.

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