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21.12.2019, Jamal Tuschick

Der angehende Arzt Víctor Dalmau gehört als Parteigänger der Republik zu den Verlierern des Spanischen Bürgerkriegs. Seine Freiheit verliert er in Frankreich. Er gerät in das Lager Argelès-sur-Mer, wo vor allem Kombattanten der Ejército Popular de la República (EPR) interniert sind. Freund Hein räumt auf. Die Reihen lichten sich. Einige verziehen sich in die Fremdenlegion, weil es sich selbst unter Ausgestoßenen besser sein lässt als an dem „höllischen Strand“ in einer südfranzösischen Idylle. Dalmau glückt der Absprung nach Paris. Er trifft die hochschwangere Braut seines gefallenen Bruders, eine überwältigende Pianistin, und konsultiert Pablo Neruda, der als chilenischer Botschafter wie ein römischer Konsul schalten kann. Der Dichter rät zur Scheinehe. Das erzählt Isabel Allende in ihrem neuen Roman „Dieser weite Weg“.

Weiße Vorrechte

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„Auf der Landkarte war Chile nur ein weit entfernter Strich.“

Roser heißt die flamboyante Klavierspielerin, die Víctor heiratet, um mit ihr und dem Marcel seines Bruders eine Notgemeinschaft zwischen Verzweiflung und Leidenschaft zu bilden. Das ist der Dreh des Überlebens auf allen Ebenen der sinnlichen Auffassung. Familien haben Vorrang. Neruda lädt auftragsgemäß „nützliche“ Migranten ein, zählt dazu aber irregulärer Weise auch Künstler und Intellektuelle.

Im Gespräch bezeichnete Isabel Allende die Fähigkeiten der Migranten als einen Schatz, den Chile heben durfte.

Am 4. August 1939 gehen die Dalmaus in Pauillac-Trompeloup an Bord der weltberühmten „Winnipeg“.

Dalmau verlässt das blutende Europa als Ehemann der Geliebten seines gefallenen Bruders und als angeblich leiblicher Vater seines Neffen.

Marcel führt eine Backpacker-Existenz, allerdings im selbstgenähten Rucksack der Mutter, die unter dem Bordgestank leidet. Unter den Bewunderern der Virtuosin befindet sich ein Korkeichenpflanzer, der entschlossen war, die Chile mit der Korkeiche vertraut zu machen.

Dem Kork katalanischer Eiche sagt man eine sagenhafte Qualität nach. Geerntet wird wie seit zweihundert Jahren eh und je.

Die Frau des Pflanzers kommt über Rosers filigranen Finger nicht hinweg.

An Deck bricht Gegnerschaft aus. Die Nivellierung der Differenzen im Kampf gegen Franco hat die Gräben vertieft. Als die Flüchtlinge vom „Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich“ erfahren, muss manche Meinungsflamme erstickt werden, um den Frieden auf hoher See zu wahren.

Man belauert sich gegenseitig. Viele Matrosen sind Kommunisten. Ihnen ist der Kapitän ein Dorn in Auge. Im Gegenzug traut der konservative Chef der Mannschaft nicht.

Allende schildert toxische Verhältnisse, weit entfernt von dem aktuellen Dekolonisierungsprogramm. Die Freiheit ist immer noch ein weißes Vorrecht. Neruda lässt eine Broschüre verteilen, in der es heißt: „Dreihundert Jahre lagen spanische Eroberer beständig im Krieg mit den unbeugsamen Araukanern.“

Was die Spanier im Land der Araukaner zu suchen hatten, sagt die Broschüre nicht. Was sagt das über Neruda? 

Lassen Sie uns kurz über die Araukaner sprechen.

Es gab sie vom Río de la Plata bis zu den bolivianischen Anden und überall sprachen sie dieselbe Sprache. Manche lebten nomadisch, andere bäurisch. Sie zeigten den verblüfften Eindringlingen keine Mangelerscheinungen. Sie strotzten in ihren Lederstrümpfen. Ihre Hauptwaffe war die Bola. Krieg interessierte nicht. Kam es zum Streit, bot jede Partei hundert Reiter auf, die nach dem ersten Ausfall den Rückzug antraten. Jeder Friede wurde mit einem Fest gefeiert.

Nationales Symbol

Allende gibt dem chilenischen Nationalgenie ein arabisches Aussehen. Nun erlebt Dalmau zum zweiten Mal eine faschistische Übernahme. Er spielt Schach mit S. Allende, als der Präsident noch glaubt, die Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte auf seiner Seite zu haben. Kurz darauf erkennt S. Allende seine Lage. An einem „historischen Scheideweg“ gibt er seinem Leben die Bedeutung eines nationalen Symbols. 

Pablo Neruda

Sein letzter Ehrgeiz war, nicht vor Franco zu sterben. Zehn Monate bevor Pinchot Salvador Allende entmachtete, ehrte man Neruda in jenem Fußballstadion, dass dann zum Internierungslager für die geschlagenen Verteidiger*innen der Demokratie wurde.

Die kurzen Sommerhosen der Anarchie

Als chilenischer Konsul in Paris verhalf Pablo Neruda im spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikanern zu einer Passage in die Freiheit. Er wählte nach Vorgaben seiner Regierung aus, interpretierte das Reglement aber frei heraus. Seine Vorliebe für Künstler*innen verstärkte die chilenische Kulturbasis. Nerudas politisches Engagement bildet das Kernstück in Isabel Allendes angenehm leichtgängigen Roman „Dieser weite Weg“.

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Der republikanische Standpunkt

„Wir schreiben Geschichte, wir fegen den Feudalismus fort … wir sind ein Vorbild für Europa.“

Alle Entscheidungen werden in Sekundenschnelle getroffen. Liegen lässt man (auf dem kalten Steinboden des Estació del Nord von Barcelona), wem nach ärztlicher Einschätzung nicht mehr zu helfen ist. Der Franquismus ist auf dem Vormarsch und mit ihm die Protagonist*innen einer Gegenrevolution. Die Falangist*innen betrachten sich als Zukunftsmacher*innen. Ihre Bewegung manifestiert sich zwar erst seit 1933 auf der Straße. Doch nahm sie bis dahin einen langen Anlauf. Ihr restaurativ-aufständisches Erbe wird sie durch alle Phasen des Franco-Regimes tragen, sie wird mit Vorbehalten im liberal getünchten Machtspiel eines Militärdiktators bleiben, der sich als Shōgun seines Königs begreift und legitimiert.

Der Verlust des Verbliebenen

Man nannte sie die Achtundneunziger. Ende des 19. Jahrhunderts verliert Spanien seine letzten überseeischen Territorien und damit seine Identität als raumgreifender Staat. In der Krise eines zerfallenen Imperiums bildet sich im Zusammenhang mit dem Jahr 1898 ein Generationsbegriff. Kuba, Puerto Rico und die Philippinen fallen von Spanien ab. Das Mutterland muss sich selbst genügen – auch als Schlachtfeld politischer Experimente. Es schwankt zwischen einer Monarchie und der 1930 endenden Diktatur von Miguel Primo de Rivera. Der Totalitäre setzt in Marokko Senfgas ein. Seine Kinder (der früh sterbende) José Antonio und (die ihren Bruder lange überlebende) Pilar gründen die faschistische Falange und schließen sich Franco an.

Der Caudillo kapert einen Revolutionszug, indem er sich an dessen Spitze stellt. Sein „Allerweltsgesicht“ verbirgt ein „kaltes, rachsüchtiges und brutales Wesen“. So schildert Isabel Allende Franco in ihrem neuen Roman. Die chilenische Autorin erzählt von einer Zeit „voller entfesseltem Hass, Rache und Terror“. Massenhaftes Blutvergießen folgt einem politischen Kalkül.

Schnullersoldaten

Isabel Allende, „Dieser weite Weg“, Roman, aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 384 Seiten, 24,-
In dem irdischen Fegefeuer beweist ein republikanisch-idealistischer Sanitäter Fingerspitzengefühl bei der Wiederbelebung eines aufgegebenen Schnullersoldaten. Víctor Dalmau rettet auf dem Nordbahnhof ein halbes Kind, dass für ihn namenlos bleibt, während es den Namen seines Retters in Erfahrung bringt und sich als Schriftzug auf die Brust tätowieren lässt.

Dalmau erinnert eine Wunde wie gemalt.

Er assistiert bei „Amputationen ohne Betäubung“; er tritt als Arzt auf, um den Verletzten „Sicherheit zu geben“. Endlich zerspringt sein Herz und sein „inneres Wesen“ tritt aus, um vor seinen Füßen im Dreck zu verglibbern.

„Massenflucht der Unerwünschten“

Nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen wurde, bleibt den Geschlagenen nur noch die Flucht über die Pyrenäen nach Frankreich. Das Erzählerauge schwenkt von Dalmau zu dessen Bruders hochschwangerer Braut. Unwirsche Köhler bieten ihr ein Nachtlager unter Wölfen. Allende setzt die Mittel des Abenteuerromans ein. Sie erzählt, was Flüchtlingen besser schmeckt als das „Kriegsbrot“, das in Barcelona gebacken wurde. Der Schmuggler im Stück verrät sich mit seiner Erscheinung und spricht wie auf der Bühne:

„Du kannst ruhig schlafen … Ich bin Schmuggler, kein Mörder.“

„Sie tranken noch einen trüben Kaffeeersatz.“

Ich will nicht, dass Sie den Roman zu kritisch betrachten. Er behält einen flüchtigen Reiz, man könnte so viel dazusetzen … „sie wanderten Stunde um Stunde, kämpften sich durchgefroren und schwer atmend durch den Schnee“.

Auf der französischen Seite kassiert Gendarmarie die Wanderer ein und kaserniert sie fürs Erste in einem überfüllten Heuschober.

In der Gegend von Latour-de-Carol stranden im Februar Neununddreißig massenhaft Kombattanten in den kurzen Sommerhosen der Anarchie. Die weggebrochene katalonische Front (26. Abteilung), alles in allem zwölftausend Mann, drängt nach Frankreich. Viele werden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie.

Allende spricht „von einer Massenflucht der Unerwünschten“, die auch mit senegalesischen und algerischen Auxiliartruppen zu Pferd kanalisiert wird.  

Die Häuser sind rot. Rot ist eine bourgeoise Farbe in Frankreich: die Farbe des bürgerlichen Selbstbewusstseins. La ville rose nennt man Toulouse. Die Stadt wuchs um ein rotes Rathaus herum.

Kommt man von der französischen Seite, fährt man entlang der Ariège, die ihrem Raum den amtlichen Namen gibt. Hier leben Leute, die Okzitanisch sprechen. Hinter Perpignan verläuft die Grenze nicht weit vor Portbou: Walter Benjamins Endstation.

...

Dalmau folgt seiner Beinahschwägerin in einem Sanitätstross. 

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