MenuMENU

zurück zu Main Labor

22.12.2019, Jamal Tuschick

Tomasis „Leopard“ transportiert auch ein Traktat über die Lächerlichkeit der Macht.

Da, der Sieger ist das Männchen im grauen Mantel

Einmal verliert der Fürst von Salina eine Hochstimmung.

Sie kommt ihm abhanden/bei dem ungebetenen Gedanken

an einen französischen Schinken von besonderer Delikatesse. Das Gemälde zeigt einen Strauß österreichischer Befehlsgockel in Galauniform. Sie scheinen sich vor einem „Männchen im grauen Mantel“ zu produzieren. Jedes Kind muss den kleinen Grauen am Rand des Auftriebs für unbedeutend halten. Das aber ist Napoleon bei der Entgegennahme einer Kapitulation.

Der Fürst treibt Aufwand mit seiner Garderobe. Passend gekleidet zu sein, gehört zu den „Guten Manieren“, die Tomasi als „Schutzgöttin“ anspricht. Er sucht sein Wohlbefinden und findet es bei jeder Gelegenheit durchkreuzt …

Tomasi dreht und wendet das Sujet am Spieß seiner Spottlust. Er lässt seinen Helden Don Fabrizio in der kläglichen Rolle eines Kupplers pfauenhaft in Erscheinung treten. Mit einer Pinzette hat er sich zuvor bearbeitet.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Seine Grandezza verschwendet er an einen Bürgermeister, der kaum ein halbes Jahrhundert vor der Handlungsgegenwart Anfang der 1860er Jahre sich bis zum Boden vor dem Fürsten hätte bücken muss. Nun sieht sich der Fürst dazu veranlasst, seinen Neffen, den tolldreisten, ungemein geschmeidigen, doch degoutant mittellosen Herrenreiter Tancredi Falconeri, dem Weilervorstand anzupreisen. In einem maskierten Augenblick verschärfter Klassengegensätze erklärt der Fürst seinen Vorsprung als dynastische Angelegenheit. Der Subtext lautet: Du Bürgermeister schickst dich zwar an, mir den Rang als größter Grundbesitzer im Zentrum meines Stammesgebiets abzulaufen. Dein Reichtum und die Schönheit deiner Tochter erlauben dir sogar, dich unter meinem Dach ein bisschen wie Zuhause zu fühlen, jedoch ist dein ganzes Vermögen ein Nichts im Vergleich zu jeder aristokratischen Herkunft.

Wenn der Fürst davon anfängt, dass die Familie Falconeri mit Karl von Anjou nach Sizilien kam, deutet er gleichermaßen rechthaberisch, bewundernd und diskreditierend ein Übermaß an Distinktion und Elastizität an. Er erklärt dem Vater von Tancredis nicht standesgemäßer, dafür reicher Braut, was Sache ist. Den Stammbaum deines Schwiegersohns kannst du mit allem Geld der Welt nicht kaufen. Mit einer „perfiden Insinuation“ versucht der Fürst den Mann aus dem Volk, den er als schlauen Tölpel begreift, einzuweihen.

Die Falconeri genossen „unter den Aragonesen, Spaniern und Bourbonen“ ritterliche Privilegien.

Als Vollstrecker des päpstlichen Willens trat Karl von Anjou den umstrittenen, von ungnädigen Chronisten auf die schwarze Seite der Geschichte geschriebenen Staufer Manfred vom Thron. Während Manfreds Söldner ob der veränderten Machtverhältnisse im Verlauf der Entscheidungsschlacht 1266 bei Benevento desertierten, winkte Karl das Glück. Folglich winkte es auch dem ersten sizilianischen Falconeri.

Der Fürst deutet an, wie gering der Einsatz der bürgerlichen Partei in diesem Spiel ist. Er beweist seinen Hochmut zu der Zeit, da Garibaldi die Reichseinheit erzwingt und der König beider Sizilien seiner Entmachtung in den Tod entgeht. Der Fürst zählt zu den düpierten Nobilitierten, der Crème de la Crème im Eimer der Geschichte.

Vielleicht sollten Sie sich eingehender mit Don Calogero beschäftigen, der den opportunistischen Verschwender Tancredi ganz anders taxiert als der schwülstige Mittler Don Fabrizio. Mit dem Pragmatismus des Aufsteigers entschlüsselt der Brautvater die Botschaft eines Vormunds, der sein Mündel unterbringen muss.

„Unbelastet von den hundert Fesseln, die eine … gute Erziehung dem Handeln vieler Menschen anlegen, bewegte (sich Don Calogero) im Urwald des Lebens mit der Sicherheit eines Elefanten.“

Don Calogero rammt das Verlangen des Verfeinerten, „die Brutalität des (Ehe)-Vertrags mit Poesie zu verschleiern“ mit dem Bulldozer seines Materialismus. Der Fürst registriert „vulgäre Unbildung“, ihn droht ein Ekel zu schütteln, aber er hält durch, zeigt sich zäh … und beneidet letztlich doch nur den Neffen, der sich aufs Vortrefflichste versorgt hat. Das Geld der Bürgermeisterstochter Angelica wird Tancredi den Weg ebnen. Die andere Seite der Medaille, Angelicas Schönheit, lässt ihn nicht glauben, er könne treu sein.

Der Fürst verabschiedet den Brautvater, „dieses Häufchen von Schlauheit, schlecht sitzenden Kleidern, Gold und Ignoranz, das jetzt sozusagen zu seiner Familie gehörte.“

Niemand könnte den Niedergang des Feudalen leuchtender anzeigen, als der priesterschwarz gekleidete Don Calogero. Noch verkörpert er das Bürgertum (die kommende Klasse) in falscher Bescheidenheit. Noch zahlt er ein Vermögen für das Privileg, mit dem Fürsten um zwei Ecken verwandt zu sein.

Rafft man die Enden und fasst sie zusammen, entgeht man nicht der Einsicht, dass der Fürst der Geleimte ist. Keinem spielt die Zeit übler mit als ihm. 

Wenn aus der Würde eine Bürde wird

Nun kann der Fürst von Salina seinen Bedeutungsverlust nicht mehr ignorieren. Der zum Organisten aufgestiegene Sohn eines Feldhüters liest ihm die Leviten. Der Diener hat so Recht in allem, dass ihn Salina in Grund und Boden kujonieren muss.

Der Fürst ist zu allem bereit, nur nicht für die Wahrheit schwindender Macht in der Garibaldi-Ära.

Im August 1861 erscheint der Kammerdiener des rechtzeitig verstorbenen Königs beider Sizilien beinah als Appendix des leichtsinnigen und schnell schaltenden Fürstenneffen Tancredi Falconeri. Salina tritt als Kuppler auf und vertritt die Interessen seines gleichermaßen hochgeborenen und bettelarmen Mündels in einer Auseinandersetzung mit dem Vater der Braut, die Tancredi reich und zufrieden machen soll. 

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Was sich da anbahnt, ist für beide Seiten vorteilhaft, auch wenn sich der aristokratische Vorsprung des Bräutigams angeblich mit Geld nicht aufwiegen lässt. Es gäbe so viele Emporkömmlinge und so wenig unverfälschten Adel. Die Fürstin spricht vom „reinen Blut“ der Salinas. Das erlaubt mir, kurz durchzukehren. Vor der Ankunft der Griechen machen sich wenigstens zehn Völker auf Sizilien breit, dann geht es weiter mit den allseits bekannten Phöniziern, Karthagern, Römern, Vandalen, Ostgoten, Byzantinern und Arabern. Die Araber erzeugen eine Blüte mit dem Kelch Palermo. Ihnen folgen Normannen, Staufer (Schwaben), Franzosen, Aragonesen, Habsburger spanischer und österreichischer Provenienz. Und schon sind wir da, wo Salinas vom Autor übernommene Vorfahren walteten.

Eine Leistung des wahren Leoparden Giuseppe Tomasi di Lampedusa ergibt sich aus der kritischen Perspektive der eigenen Familiengeschichte, die bis zu ihm den länger und länger gewordenen Drachenschwanz eines Niedergangs überstanden hatte. Tatsächlich begann das Salina-Desaster bereits im 18. Jahrhundert. Eine dem Volk fremde, müßiggehende Oberschicht verzehrte das Erbe gestaltungsstarker Ahnen. Die barocke Prachtentfaltung der Bourbonen lief auf Sizilien leer. Die unproduktive Nebenlinie einer spanischen Dynastie stellte auch den König von Neapel. Daher kam schließlich der mit Garibaldi 1861 endende Modus König beider Sizilien.

„Per Dekret hob König Ferdinand im Jahr 1816 die Personalunion zwischen Sizilien und Neapel (Regno di Sicilia ulteriore) auf und vereinte beide Königreiche in einer Realunion. Der neu geschaffene Staat hieß „Königreich beider Sizilien“, Staatsoberhaupt blieb Ferdinand.“ Wikipedia

1799 griff sich Napoleon Neapel und bewegte den amtierenden Ferdinand zur Flucht. Der Entthronte reiste im Geleit von Admiral Nelson nach Palermo. Mit Nelson verband sich die britische Phase Siziliens. Das arrangierte Verhältnis der einigermaßen ohnmächtigen Elite vom Schlage des Leoparden zu den Engländern findet in Tomasis epochalem Abgesang Erwähnung. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wird die Unfähigkeit der Bourbonen und ihrer Nomenklatura immer sichtbarer.

Man kann den „Leoparden“ stellenweise so lesen, dass Salina fast froh erscheint, den leeren Pomp der impotenten Väter nicht länger mit sich herumschleppen zu müssen. Tancredis Opportunismus befreit auch den Fürsten. Die Entscheidungen des Neffen für Garibaldi und für eine bürgerliche Braut sorgen zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert für eine Aussicht auf Haushaltskonsolidierung.

Man bewegt sich mit der Verbürgerlichung in die richtige Richtung. Tomasi beschreibt, wie sich unter den Dienern Widerstand gegen die Anpassung regt. Kunstvoll zeigt der Autor den Unterschied zwischen der feudalen Unterschicht, die sich ihren Dünkel in der Besitzlosigkeit noch leisten kann, und dem lavierenden Fürsten. Salina verfügt über eine Streitmacht von acht Feldhütern. Ein halbes Jahrhundert war das ausreichend, um eine Reihe von Weilern unter Kontrolle zu halten. Das königliche Grün der Röcke und ein silbernes Abzeichnen garantierten der Polizei ein gewaltiges Prestige.

1861 können die Schergen im Kaspertheater mitmachen. Ihren König gibt es nicht mehr und der Fürst verliert gerade seine Stellung als größter Grundbesitzer der Gegend. Die Feststellung einer aufkeimenden Inferiorität (jetzt auch im Verhältnis zu ehemaligen Leibeigenen) begleitet Larmoyanz. Salina weiß sich von allen bestohlen, nur von dem Dümmsten nicht. Der platzt zwar vor Loyalität aus dem Hemd, kapiert aber nicht, wie der republikanische Hase läuft.

Salina bedenkt, was ihm die Ergebenheit des guten Mannes bedeutet. Nichts! Und dann passiert es dem Grandiosen zum ersten Mal, dass er auch noch bei dem einzig ernsthaft Ergebenen um Zustimmung bittet.

Der Fürst hat aufgehört, ein Fürst zu sein. Doch kann er nicht wie jedermann unter die Leute gehen. Die Würde wird zur Bürde.   

Atlantische Schaumkronen oder Das Amerika der Antike

Ich möchte einmal wieder von einer Bemerkung meines Großcousins Eckart Britsch ausgehen, der zuletzt Pablo Picassos Erkenntnis Gute Maler kopieren, großartige stehlen richtig einordnete und so gelehrt gegen den Strich des Landläufigen bürstete. Die meisten, so Britsch, lesen die Satz falsch. Es geht um das Begreifen in der Luft liegender Angelegenheit von erheblicher Tragweite. Großartige Künstler werden von dem Verlangen gesteuert, sich neuen Ideen hinzugeben, sich von ihnen mit- aus- und einnehmen zu lassen und sie gleichzeitig durchzuarbeiten (Sigmund Freud).

Mein Urgroßvater und Eckarts Großvater war Juwelier am Hof des dänischen Königs. Der schöne Emil Britsch ließ sich in einem weißen Smoking und in einem gläsernen Sarg beerdigen.

Die schöne Kollektivität, aber auch die Unvermeidlichkeit des Gemeinschaftlichen, fiel mir zuletzt im bretonischen Département Finistère ein: bei der Betrachtung einer sommerfrisch-schulmäßigen und doch ganz individuellen Landschaftsmalerei, die jeder, der im 20. Jahrhundert sozialisiert wurde, allenfalls als Vorstufe der brennenden Moderne im Geist einer Rebellion gegen alles versteht; da man sich zu lange nicht klargemacht hat, wie massiv und autonom die Einrede des Impressionismus gegen die Rücksichtslosigkeit der industriellen Revolution war.  

Unter den Impressionisten von Pont-Aven waren nicht wenige amerikanische Marinemaler, die eine von den offiziellen Kunstrichtern auf der niedrigsten Stufe angesiedelte Freiluftmalerei mit den drei Facetten Landleben, Strandansichten und Wettertheatralik feierten. Sie rückten Bretoninnen in ihren Trachten vor schroffe Küstenlinien und atlantische Schaumkronen. Manches erinnert an die sowjetische Malerei des frühen sozialistischen Realismus. Manches spielt mit Gauguin-Konstellationen. Manches lässt an Van Gogh denken und stammt doch von Gauguin und Camille Pissarro. Die Moderne suchte sich ihre Paten und lockte sie mit der Schönheit abgeernteter Felder.

Am liebsten möchte ich alles gleichzeitig erzählen, von der Bretagne, dem Geschlecht der Britschs, dem ich großmütterlicherseits angehöre, von Tancredi, dem sich revolutionär gebärdenden Neffen des Fürsten von Salina.   

Tancredi, diese Kreuzung zwischen einem gerissenen, skrupellos opportunistischen Penetrationsexperten (er umarmt den Feind auch da, wo er sich über Klassenschranken hinwegsetzt, um neben volkstümlicher Schönheit ein Vermögen zu gewinnen) und einem empfindsamen jungen Mann, der, wie jeder große Künstler, so sagt es Britsch, berühmte Zeilen zitierend, „das Neue im Erdkreis zu benennen“ sucht.   

Tancredi heißt wie eine Oper von Gioachino Rossini. Das wurde gewiss bedacht von seinem Schöpfer Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Tancredis Onkel, der alte Fürst, verliert den blinden Gehorsam seiner Untertanen. Politische Veränderungen dynamisieren die Verhältnisse aufstrebender Sizilianer, die sich bereits ihrem Herkunftsmilieu entfremdet haben, aber in einer intakten feudalen Gesellschaft von freier Entfaltung weit entfernt blieben. Nun vergrößert Garibaldi mit großer historischer Verspätung das Spielfeld der plebejischen Oberschicht (auch) auf Sizilien.

Der Fürst nennt die Tüchtigen Liberale. Das Abschätzige seines Urteils versteht sich von selbst.

Die Verschiebungen im Gefüge, das Nachlassen der alten Ordnung, dieses Klirren der Gläser im Vertiko einer Erbfolge, die man lange für göttlich dekretiert gehalten hat, beunruhigt den Fürsten. Mehr noch als beunruhigt erscheint er verstimmt von dem Verlust der Selbstverständlichkeit seiner Herrschaft.

Es geht nicht um den Verlust von Privilegien.

Es geht um die Lust an der Willkür; um anmaßende Herrschaft als absolute Selbstbestätigung.

Tomasi umkreist das Thema. Das fürstliche Begehren richtet sich auf die Unterwürfigkeit der Gattin und einer Tochter. Es wirkt gleichermaßen als Motor und als Treibstoff und es verfängt sich in der milchigen Brühe einer idiosynkratischen Geschichtswahrnehmung. Der Fürst beneidet seine Ahnen um die Unverfrorenheit, mit der sie sich an den Töchtern ihrer Dörfer vergreifen konnten, ohne in die Not von „Eiertänzen“ zu geraten.

Tomasi unterstellt seinem Helden einen „Anfall von atavistischer Wollust“ in einer Landschaft, deren Resilienz einer mörderisch herrschsüchtigen Sonne nicht zuletzt geschuldet ist. In der Gegend des Geschehens kommt das Anthropozän nicht zum Zug. Seit Sizilien als „Amerika der Antike“ wahrgenommen wurde, konnte kein Mensch durchgreifende Kultivierung erzwingen.

Die Landschaft gibt dem Fürsten recht, während die Zeit beide auslacht. Salina fühlt sich als Gefangener, da er nun, wie Jedermann gezwungen ist, seine Lage zu erwägen. Außerdem muss er mit dem Trotz des Volkes rechnen.

Dies geschieht diesem Mann:

Don Fabrizio Corbera ist nur zur Hälfte Sizilianer. Seiner deutschen Mutter verdankt er jenen teutonischen Gutteil, der den Italienern immer schon aufgefallen ist, auch als sie noch Römer waren.

Wir haben also einen Mordskerl vor uns. Tomasi macht ihn so kolossal, dass er „im adamitischen Zustand“ (in „titanischer Nacktheit“) Verwirrung auslöst. Dem „farnesischen Herkules“ schießt Badewasser in die Täler seines Leibes „wie die Rhône, der Rhein und die Etsch sich aus den Höhen der Alpen ergießen“. 

*

Zu den exquisiten Verstörungen, die der „Leopard“ bei seinen Lesern auslöst, zählt die undemokratische Parteinahme des Autors für einen Autokraten. Giuseppe Tomasi di Lampedusa schildert den Fürsten von Salina als liebenswerten Dinosaurier. Er findet ihn erhabener als den mediokren Rest. Selbst der allseits beliebte Tancredi schneidet schlechter ab als der Italo-Deutsche Kammerherr eines gestürzten Königs.    

Traditionslinien des Elends

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Mit dieser Binse bestürmt Tancredi seinen Onkel und Vormund, den Fürsten Salina. Mit dem Elan eines Lauffeuers bemüht sich der Neffe kurz vor Garibaldis Durchmarsch um einen Platz an der Spitze des Aufstands gegen den König beider Sizilien und folglich auch gegen den Chef seines eigenen Hauses, dessen Wappen Pardelkatzen zeigen, die als Leoparden interpretiert werden. Die Metaphorik ist meisterhaft: Der Leopardus sieht zwar aus wie eine Raubkatze, ist aber keine. Das entspricht der Lage des Fürsten aufs Haar.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Don Fabrizio Corbera erscheint als großer Mann, steckt jedoch bis zum steifen Hals in der Krise seiner Klasse. Der Neffe bringt die Sache auf den Punkt:

„Wenn wir bei (den Aufständischen) nicht mitmischen, dann bescheren sie uns die Republik.“

Salina versorgt den Pseudo-Renegaten mit einer Rolle Goldunzen. Der Adel muss sich arrangieren, auch wenn das König Ferdinand II. den Kopf kosten sollte.

Die Konfliktanordnung könnte kaum reizvoller sein. Der König ist ein Kasper auf dem Thron. Die Garanten seiner Herrschaft sind Lebemänner, Sex Pistoleros, Zocker, Florafreunde und Liebhaber volkstümlicher Belustigungen. Sie haben es mit der Mafia von Corleone zu tun: Paten unter sich.

Heute wäre Tancredi ein Hipster mit der Beretta* im Holster. Um das Jahr 1860 zieht er grün wie ein Jäger im Jugendstil seiner Zeit Epochenaufregungen entgegen. Unterwegs träumt er von (der seinem Namen Klang gebenden Insel) Salina. Im Verein mit Lipari, Vulcano, Filicudi, Alicudi, Panarea und Stromboli vervollständigt Salina im Tyrrhenischen Meer vor dem sizilianischen Nordkap den Archipel der Äolischen Inseln.

*In Brescia beweist ein Dokument, dass der Schmied Bartolomeo Beretta bereits in der Leonardo da Vinci-Ära Waffenläufe aus seiner Esse zog. Zur gleichen Zeit forderte Machiavelli ein stehendes Heer zum Nachteil des Söldnerwesens. In dieser Angelegenheit taten sich die Grafen von Savoyen hervor. Die Dynastie hielt sich besser als benachbarte Häuser, die nach der Renaissance und vor dem Risorgimento, dem historisch verbürgten Hauptereignis im „Leoparden“, ihre Bedeutung verloren. Jene Armee, die auf den angestammten Territorien des Geschlechts, namentlich Savoyen, Sardinien und Piemont, die Souveränität garantierten, bildete ab 1861 den Grundstock des italienischen Heeres. Alle Könige des vereinigten Reiches waren bis 1946 Nachfahren von Leuten, die einen allgemeinen Niedergang italienischer Patrizierhochburgen als Ausnahmen von der Regel mit Autonomie zu verbinden wussten.

Auch dem Fürsten von Salina und seinem Neffen ist klar, wo der Hammer hängt. Sie gehören in alter Verbundenheit einem Verlierer an. Versucht Tancredi in den Bergen über Palermo an den Lagerfeuern der nationalistischen Freischärler den Familienkarren aus dem Dreck zu ziehen? Oder hält er seinen Onkel nur zum Narren, wenn er Salina in dem Glauben lässt, fürstliche Interessen in einem Rebellenhaufen zu wahren?

Der alte Don zieht sich die Schnurrbartspitzen auf vertrautem Gebiet lang. Tomasi zählt auf, was Salina im Vorrat hält – raue Mengen ruraler Erzeugnisse, abgestaubt von Lehnsgütern. Dem Autor gelingt es manchmal mit nur einem Satz eine Traditionslinie des Elends zu zeichnen. Die Verhältnisse auf den königlichen Gütern, die Salina ausbeuten darf, sind lediglich de jure nicht mehr leibeigentlich. Der Mezzogiorno hinkt ein Jahrhundert hinter dem industrialisierten Norden her.

Garibaldi ist auch ein Botschafter der Zukunft, kaum vierzig Jahre weg von der Ästhetik des Futurismus. 

Geistiges Stirnrunzeln

Eingebetteter Medieninhalt

Man zerreißt sich das Maul über den König beider Sizilien und der König duzt sich burlesk die Welt zurecht. Am Ende läuft für diesen Ferdinand alles Glück auf Erden hinaus auf einen Teller Makkaroni und etwas, wozu der Schenkelduft einer neapolitanischen Wäscherin gehört. Das Irdische triumphiert über das Göttliche als der Garantin des Königlichen. Anders gesagt, Ferdinand hängt in den Seilen und erinnert so derangiert, wie er nun mal ist, seinen Haus- und Hoffürsten Salina an die Potemkin’sche Kulissenhaftigkeit der Arrangements.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Der Fürst von Salina, bekannt auch als Don Fabrizio Corbera lässt ein geistiges Stirnrunzeln durchblicken. Er hängt an dem seidenen Faden einer fadenscheinigen Monarchie. Davon hängen auch seine Mätressenwirtschaft und eine lustvolle Überheblichkeit ab. Anders gesagt, Salina wurde zur Dekadenz erzogen und kommt jetzt, da es um seine Privilegienwurst geht, nicht aus den Pantoffeln der Lethargie. In gewisser Weise lässt er sich seine Entmachtung so gefallen wie ein Stück auf dem Theater.

Der Fürst wohnt einem Schauspiel bei. Er betrachtet sich in einer Inszenierung. Keine Beobachtung lässt ihn aus. Er malt sich in jedes Bild.

Salinas stutzerhafte Nonchalance ist ein Kernstück der Faszination, die von Giuseppe Tomasi di Lampedusas epochalem Zufallstreffer „Der Leopard“ ausgeht. Tomasi lässt Salina in Zeitlupe untergehen: und zwar in dem geradezu schizophrenen Zustand gleichzeitiger Hellsichtig- und Uneinsichtigkeit.

Salina erkennt die Schwächen des Systems, das ihn oben hält.

Eines Abends empfiehlt er sich seiner Familie und dem Vorzugsgesinde, insgesamt zählt er vierzehn Köpfe über seiner Tafel, und düst, in abdeckender Begleitung eines gedungenen Seelsorgers, zu Mariannina, die sich - in „resignierter Schamlosigkeit“ - einmal zu dem Ausruf „Du Riesenfürst“ hinreißen ließ. Unterwegs schubst der Don den Jesuiten aus der Kutsche. Die Furcht der Ordensleute vor den Aufwallungen rund um Garibaldi, wir schreiben das Jahr 1860, übersteigt die Furcht der Fürsten vor dem Kommenden bei Weitem. Salina besucht Mariannina mit freiem Blick auf die revolutionären Lagerfeuer über Palermo und in Erwartung einer nationalen Erhebung. Er memoriert die Vorzüge der bäurischen Geliebten, findet sich selbst schwach und schweinisch …

„Und er selbst, was war er? Ein Schwein, nichts anderes“

… und ist in Gedanken doch viel mehr bei einem Vers, einem Pariser Zufallsfund, verfasst von „einem dieser Poeten, die Frankreich jede Woche hervorbringt und wieder vergisst“.

Salina mag in Augenblicken sich selbst geringschätzen, im Großen und Ganzen tut er es nicht. Befriedigt kehrt er im ehelichen Schlafzimmer ein und findet Stella zu seiner Zufriedenheit schlafend vor. Die Ehefrau und Mutter von sieben Salinas hat einen hysterischen Anfall mit Baldrian bezwungen.

Tomasi lässt sich Zeit mit seiner Zeitdiagnose. Er gewährt seinem aristokratischen Personal lange Ruhephasen im Müßiggang. Und doch. Sucht der Fürst sein Vergnügen, muss er den „städtischen Pöbel“ als Bedrohung in Kauf nehmen. Er bemerkt „im Volk eine stumme Gärung“. Die Hefe lässt sich nicht mehr so einfach nach dem fürstlichen Willen formen. Deshalb verliert Marianninas devote Zugänglichkeit das beiläufig Selbstverständliche. Das Handwerkliche der körperlichen Liebe, die erotische Verrichtung und das Manöver am Zuber verdienen sich ihre fürstliche Aufmerksamkeit mit dem Aufstandsfluidum vor der Schwelle.

Modernes Sizilien

Macht und Mathematik

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Herzog von Palma und Montechiaro (1896 – 1957), schrieb in den 1950er Jahren ohne Vorlauf einen Bestseller, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. Nun soll Burkhart Kroeber dem „Leoparden“ als Übersetzer so zu Leibe gerückt sein wie einst Hans Wollschläger dem „Ulysses“. Ich fand das Werk auch schon in einer früheren Übersetzung großartig. Das Romanpanorama wird ohnehin von Luchino Viscontis Filmbildern aus dem Jahr 1963 und der Präsenz von Claudia Cardinale und Burt Lancaster bestimmt.

Eingebetteter Medieninhalt

Er erfreut sich bester Gesundheit. Zur Vitalität gesellt sich Intelligenz. Der Fürst kombiniert astronomische Interessen mit der Konfination aller Unbequemlichkeiten. Er ist der Erste seines (von der im Titel bereits aufgegriffenen Raubtierheraldik geschmückten) Geschlechts, der das Finanzgeschehen begreift, das seine Haushalte entfalten. Seine Vorgänger waren einfältige Despoten. Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina, erscheint wenigstens im Vergleich mit älteren Leoparden als brillanter Tyrann. Er unterhält ein Stadthaus in Palermo und diverse sizilianische Landsitze. Er pendelt mit Gefolge.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Der Fürst geriert sich als geistiger und geistlicher Führer in der Verkörperung überbordender Anachronismen. Im ersten Tableau wirft er sich auf dem Balkon seines Ranges in die Brust. Dies geschieht 1860 am Vorabend eines weit großartigeren Auftritts. Giuseppe Garibaldi rumort in den Kulissen. Das Risorgimento, die nationalstaatliche Vereinigung der italienischen Fürstentümer, entfaltet seinen Furor wider den separatistischen Neigungen provinziell-irrlichtender Potentaten.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Herzog von Palma und Montechiaro (1896 – 1957), schrieb in den 1950er Jahren ohne Vorlauf einen Bestseller, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. Nun soll Burkhart Kroeber dem „Leoparden“ als Übersetzer so zu Leibe gerückt sein wie einst Hans Wollschläger dem „Ulysses“. Ich fand das Werk auch schon in einer früheren Übersetzung großartig. Das Romanpanorama wird ohnehin von Luchino Viscontis Filmbildern aus dem Jahr 1963 und der Präsenz von Claudia Cardinale und Burt Lancaster bestimmt. Da steckt inzwischen ein biografischer Grundstock im Material.

Tomasi weist den Leser ein wie einen Blinden. Er liefert ihm eine Geruchsoffenbarung auf jenem schmalen Grat, der keinen Unterschied zwischen Leben und Tod mehr kennt. Die Opulenz zwischen Fülle und Fäulnis steigt dem Fürsten nach der Andacht auf einem Spaziergang in die Nase. Selbstverständlich bleibt er auf seinem Grund, den er, das ist dann schon Metaphorik, historisch gar nicht so einfach verlassen kann als Mächtiger der Königreiche beider Sizilien, zu denen, nach einem Papstwort von 1265, Neapel gehört. Gleichzeitig wird ihm der Teppich unter den Füßen weggezogen. Seine Entmachtung entspricht einem Akt der Konstitution eines italienischen Königreichs über viele Grenzen hinweg. Das Regime der Renaissance in der Vielzahl seiner florentinischen und venezianischen Erscheinungen endet gerade: auch im Garten des Fürsten, wo Rosen vulgär riechen und obszön aussehen infolge einer geradezu verbotenen Fruchtbarkeit des Bodens. „Schamlos“ nennt Tomasi den Duft. Er ist so schamlos wie das Leben - und der Tod, der sich einschleicht in Gestalt eines von Rebellen getroffenen Infanteristen. Zum Sterben zog sich der Soldat auf das fürstliche Anwesen zurück. Seine Leiche stinkt mit den Blumen um die Wette. Die Unterscheidung des einen vom anderen bedarf der kräftigsten Hinweise. Die Entdeckung des für Salinas Interessen Gefallenen und der Abtransport reihen sich als Gipfel der Pietätslosigkeit aneinander.

Kein Wert kommt dem Leben eines gemeinen Mannes zu. In der Geburtslotterie hat er die erste Niete gezogen und auf dem Schlachtfeld die letzte. Tomasi betrachtet den irdischen Verkehr, er schwelgt in den Farben der herausgekleckerten Eingeweide. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass einer vom Fünften Jägerbataillon im grünen Rock die Unverfrorenheit besaß, unter Don Fabrizios Zitronen ins Gras zu beißen.

Tomasis Held beginnt ein Selbstgespräch über die Ordnung, kurz bevor sein Schöpfer dem Leser die Ordnung zeigt – als eine hochtrabend verkommene Angelegenheit.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen