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22.12.2019, Jamal Tuschick

Matthias Quent: Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können

Fatales Framing

Geborgenheit versus Globalisierung

Pessimismus hat Donald Trump an die Macht gebracht. Seine Wähler vereinen sich auf Plattformen der Zukunftsangst. Ihr Traum ist die nationale Geborgenheit, ihr Albtraum die Globalisierung. Die Hauptprofiteure des freien Welthandels sehnen sich nach kolonialen Reglements. Sie nehmen Zuflucht zu einem sonderbaren Altruismus, indem sie Entscheidungen treffen, die ihre Lage nicht verbessern.

Wer so agiert, hat keine Zukunft. Er ignoriert zu seinem Nachteil die zentrale Konfliktlinie. Der Epochen-Clash bezieht seine Energien nach wie vor aus der alten Weltordnung mit ihrem Ostwestgegensatz. Eine wesentliche Funktion der Verschiebung von Aufregungen Richtung Nord-Süd steckt in der Vermeidung einer direkten Ostwestkonfrontation. An der Stelle des alten Feindes droht China einfach nur effektiver als je die Sowjetunion.

Folglich ist die vorgebliche Neuordnung des politischen Raums eine List der Geschichte. Wir wurschteln in den Pantoffeln von gestern weiter. Die Gegenwart dringt nicht vor bis ins Bewusstsein. Die Ungleichzeitigkeit zwischen den Ereignissen und ihrem Begreifen nimmt weiter Fahrt auf. Indirekt konstatiert dies auch Matthias Quent mit einer abgegriffenen Zahl. Viele Analysen des rechten Gesellschaftsrandes gehen von Reaktionen auf mehr oder weniger aktuelle Ereignisse aus. Sie ignorieren die Tatsache, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung auch in einer uniformen Gesellschaft die nach ihren Begriffen gebotene Homogenität vermissen würde. Nach allem, was wir wissen, ändert die garantierte Abwesenheit aller kulturellen Aufreizungen nichts an der Konstante.

Matthias Quent, „Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können“, Piper, 304 Seiten, 18,-

Matthias Quent ruft die alte Zahl von dreizehn Prozent auf. Die Angabe verdankt sich einer antiken Umfrage.

„Knapp vierzig Jahre später ist eine rechtsradikale Partei mit 13 Prozent der Stimmen in den Bundestag eingezogen.“

Bevor die Gründe für die späte Kapitalisierung des rechtsradikalen Potentials in einem demokratischen Modus erläutert werden, so wie Quent sie begreift, erinnere ich daran, dass die in im Kohleschen Kontext von der Moralischen Wende erfolgte Rechtsausrichtung der Republik den Republikanern überhaupt erst eine Gründungsumgebung geboten hat.

Quent sagt, die alte Bundesrepublik habe „ihre eigene Rechtsradikalismusbelastung (solange) geleugnet“, bis sie sie im Osten als DDR-Folgeerscheinung entsorgen konnte. Ein weiteres Agens der verspäteten Manifestation liefert Quent mit einem Zitat:

„Die Zukunftsgewissheit der Nachkriegszeit bis 1975 ist unter der Hegemonie des Neoliberalismus einer diffusen Zukunftsangst gewichen.“ Karin Priester

Quent erkennt im einengenden Framing etwa der NPD, aber auch anderer einschlägige Parteien vor der AfD eine mit der AfD überwundene Krux. Die „Alternative für Deutschland“ bietet vor allem eine Alternative zu dem zwanghaften Repetieren stigmatisierter Vokabeln. Das Repertoire der Altvorderen bewirkte das Gegenteil jener Raumgewinne, die heute von Rechtsradikalen deshalb erzielt werden, weil sie ein herkömmlich-nationalsozialistisches Vokabular weitgehend vermeiden. Die Distanzierung vom III. Reich und die Solidarität mit Israel können der Verblendung von Überschreitungen dienen.

In einem bestimmten gesellschaftlichen Rahmen erfüllen alle einschlägigen Feststellungen lediglich die Funktionen von Protestnoten. Eine stabile Minderheit trifft sich im öffentlichen Schweigen.

Quent versäumt es nicht, klarzustellen, dass Abstieg und Verlust nur am Rand als Radikalisierungsmotoren wirken. Wichtig erscheint der Topos der kulturellen Entfremdung im Gegenstrom kosmopolitischer Dynamik. Ersehnt wird eine kollektive Moderation der Härten in den Aushandlungsprozessen. Die Individualität im Freiheitsspielraum verliert rapide an Bedeutung, sobald sich damit kein Prestigegewinn verbindet, und die Wimpel der Zugehörigkeit als anachronistische Marken wahrgenommen werden.

Bald mehr.

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