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23.12.2019, Jamal Tuschick

Zersplitterte Wahrnehmung ist ein schwaches Wort für die Zustände der Demenz. In „Für jene, die im Dunkeln sitzt und auf mich wartet“ erzählt António Lobo Antunes von den Verlusten einer alten Diva, die gegen das Nachlassen der geistigen Spannkräfte letzte Reserven mobilisiert.

Kino ohne Ausgang

In der lückenhaften Vergegenwärtigung eines fast vergangenen Lebens fällt vieles durch den Rost des Vergessens – und was sich erinnern lässt, das verrutscht in den Registern der Zeit ebenso wie in den Fächern verwandtschaftlicher Beziehungen.

António Lobo Antunes „Für jene, die im Dunkeln sitzt und auf mich wartet“, Roman, aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann, Luchterhand, 428 Seiten, 24,-

Wer – Von wem – Was - Woraus? Das lässt sich so ohne weiteres nicht mehr sagen, und da sind auch keine Zeugen, die berichtigen könnten. Eine Demenzhyäne jagt der Erzählerin die Brocken ab. Sie verhindert nachfassende und einrahmende Gedanken. Sie überlässt das moribunde Ich dem labyrinthisch Nebulösen.

Kontinuität und Kausalität sind futsch.

Ich stelle mir vor, dass man in diesem Zustand mehr sieht als begreift. Man lebt in einem Kino ohne Ausgang. Das Programm changiert zwischen Autor*innenfilm und Splatter Movie. Traumatisch sind die Abgründe, die von der weggebrochenen Reflexion aufgerissen werden. Man ist seinen Bildern ausgeliefert wie einer Panik.

Alles splittert.

Ihren ersten Ehemann vermisst die ehemalige Schauspielerin noch am wenigstens. Was sie alles nicht mehr weiß. Und doch weiß sie noch genau, wer in ihrer Familie als Schwachkopf geboren wurde.

Sie erinnert und erfindet Erinnerungen an ihre ersten Rollen. Es gibt nicht viel zu tun zuerst. Ein Gang über die Bühne/dazu ein aufgesetztes Lächeln. Zu gefallen, das ist einfach. Ein Jugendduft hält den Intendanten in Atem. Er vergeht sich linkerhand und so geckenhaft wie in einem Boulevardstück mit herrschsüchtigen Ansagen.

Die Elevin lernt, dem Ausnutzer einer halben Zwangslage dankbar zu sein. Sie lässt die näheren Umstände seines unverfrorenes „ich schenke dir einen zweiten Vater“ über sich ergehen. Das Verhältnis zwischen der Ergebenheit einer Abhängigen und einer Gehaltserhöhung bleibt ausnahmsweise nicht im Dunklen. Für die Begünstigte spricht in den Augen des Theater-Imperators „ein Mädchen, ohne die Laster Lissabons zu sein“.

Keine Reflexion bedeutet gewiss nicht zwangsläufig, aber doch im vorliegenden Fall: keine Wertung. Die kleinen Likes & Hates, die in den Sequenzen (Skizzen, Szenen) aufploppen, sind nicht die Rede wert.

Die Debütantin dekoriert die Bühne mit ihrer Erscheinung. Sie richtet einen Strauß in der Vase, bevor sie sich verkrümelt.

„Du sagst guten Abend Herr Graf und verschwindest gleich wieder.“

Es ist so richtig wie falsch, das sich verflüchtigende Subjekt im Romangeschehen als Erzählerin anzusprechen. Die Objektstellung besetzt einen vom Subjekt freigegebenen Innenraum. Das Besondere an den Schwankungen zwischen passiv und aktiv ist, dass beide Positionen als der Heldin inhärent geschildert werden

Die Erzählte zieht die Selbstanzeige einer Verschwundenen zurück

An keiner anderen biografischen Stelle scheint mehr späte Selbstvergewisserung möglich als in der Entpuppungsphase auf der Bühne. Da zieht sich ein Schleier zurück und Klarheit kommt auf. Die personifizierte Verlustanzeige nimmt alles zurück. Gleich mehr dazu.

Ein Du als lyrische Abwandlung

Das Ende ist so unbestimmt wie der Anfang. Die Eltern könnten von den Toten auferstehen, sich wieder zurechtfinden und breitmachen in den häuslichen Verhältnissen, die du so übernommen hast, wie sie sie zurückgelassen haben.

Das du ist die lyrische Abwandlung eines delirant-diffundierenden Ich. Diese marode Instanz, Sie sehen, ich sammle Annäherungsbegriffe, schwankt zwischen Distanz und Selbstannahme. Die Erzählerin (in diesem Fall) erinnert sich an einen Knopf, der vor Jahrzehnten von einer Jacke sprang, ohne im Augenblick den eigenen Namen parat zu haben. Sie weiß nicht mehr, wie weit sie in den Jahrzehnten ihrer Autonomie gegangen ist.

Verlässlich sind die Schmerzen, die längst ein Regime aus eigenem Recht errichtet haben.

Die aufblitzende Genauigkeit zwischen den Schluchten und Abgründen des Vergessens bietet keinen Trost.

Plötzlich ist sie wieder da, „die schlecht überspielte Traurigkeit“ des Vaters.

Die Trauerränder vergangener Erregungen/die aufgemalten Gesichtszüge eines Spielzeugs/ein Tischler vergreift sich im Ton/erlaubt sich einen Scherz, der den Bruder des Prinzipals herabsetzt. Der hausherrliche Unmut leuchtet dem Handwerker in der Kündigung ein.

Die Künstlerin als junge Braut begreift das durchgreifende Wesen ihres Chefs. In einem lichten Augenblick gibt sich eine Art Lebensvorschau zu erkennen. Das Versprechen lautet: Heiratest du meinen Bruder, verdopple ich dein Gehalt. Nichts wird deutlicher im Roman als diese Gleichung.

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