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26.12.2019, Jamal Tuschick

Amphetamin-Amok - James Earl Ray (1928 - 1998) widerrief bis zu seinem Tod Jahrzehnte ein Geständnis, das ihn zum Mörder von Martin Luther King erklärte. Seine vom Gericht festgestellte Einzeltäterschaft trug dazu bei, den expressiven Teil der Bürgerrechtsbewegung in der zivilgesellschaftlichen Spur zu halten. Nicht wenige glaubten im High von Achtundsechzig, eine Art tiefer Staat habe sich Amerika bemächtigt, und Kings Herausnahme aus dem Powerplay sei dafür ein Beweis.

Einzelgänger auf Speed

Martin Luther King

Eine Lichtgestalt der Bürgerrechtsbewegung wird von der ganz großen Bühne gerissen. James Earl Ray wundert sich bis zu seinem Lebensende darüber, wie wuchtig der Ermittlungsdruck war, dem er nach Kings Ermordung ausgesetzt wurde. Tenor: Das alles nur wegen eines N... 

Im Juli 1967 schlüpft der wegen zig Delikten in den Vereinigten Staaten zur Fahndung ausgeschriebene James Earl Ray über die Grenze nach Kanada. Er nennt sich Eric Stravo Galt, vielleicht, so spekuliert Antonio Muñoz Molina, in Anlehnung an den „größenwahnsinnigen Oberschurken aus den James-Bond-Romanen … Ernst Stavro Blofeld“. Wieder erfindet sich Ray neu, diesmal als Seemann. Nach einem Raubüberfall, der nicht bereits im Ansatz scheitert, staffiert er seine Legende mit Krokodillederschuhen aus.

Er denkt nicht weiter als er gucken kann und ist doch so umsichtig wie ein Baumwipfelbewohner auf dem Waldboden. Längst ist ihm die Angst zur Gewohnheit geworden. Mit Übungen hält er seine Form. Als totaler Außenseiter der zivilisierten Welt balanciert er auf einem Grat zwischen Angriff und Flucht, ohne sich zu verraten. Er verbirgt das archaische Programm unter einer Maske der Unauffälligkeit.

Molina, der seinen Helden nie denunziert, obwohl das oft naheliegender wäre als verschrobene Würdigungen eines notorisch Delinquenten, beschreibt Rays ausgedachtes, auf einem Phantasiesockel basierendes Repertoire als idiotische Glanzleistung. Als Waldläufer oder bäurischer Eremit käme ihm seine idiosynkratische Findigkeit zupass; als Feind der bürgerlichen Ordnung ist Ray ganz einfach zu schwach.

Er ist das Produkt der katholisch-walisisch-schottisch-irischen Migration. Das betrifft lauter unterdrückte und auf eine Staatsnorm getrimmte Minderheiten im Geleit der angelsächsischen Suprematie. Sein Vater ist ein anmaßender Mann; ein krimineller Spinner, frei von Verantwortungsgefühl. In seinem Tross wechselte die Familie Städte, Staaten und Namen in einem Potpourri des rußschwarzen Schwachsinns. In Missouri endete Rays Kindheit. Seine kriminelle Karriere startete er 1949 in Kalifornien. Von da an war das Gefängnis sein zweites Zuhause. Es diente Ray als Akademie. Er bewies einen unerschütterlichen Lerneifer nach den Regeln des Fernstudiums.

In der Gegenwart von Siebenundsechzig sind alle Ausbildungen abgeschlossen. In Kanada erlebt Ray zum ersten Mal die Liebe als solide Veranstaltung.

Zumindest behauptet das Molina. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass man in einem Roman ist und nicht von einer Dokumentation eingesogen wurde. Ich überlese Molinas gut geschriebenen Selbstbespiegelungen. Stünden sie allein, würden sie mich interessieren. In der Kombination mit Rays Geschichte sind sie mir im Weg.  

Ray versorgt sich mit dem rätselhaften Stoff, der ihn über den Dingen schweben lässt. Unter Verkrachten erscheint er als etwas Besonderes. Er ist ein Schausteller stählerner Ruhe. Er kauft ein Auto, angelt sich einen Führerschein und legt sich eine Filmkamera zu.

Man wähnt Ray auf einer Kreuzung. Sollte er den Weg in die Legalität einschlagen wollen, wäre der Augenblick günstig.

Molina überliefert wenigstens ein Dutzend Zeugenaussagen. Jeder Zeuge scheint einen anderen Mann getroffen zu haben. Ob diese Variabilität einem schauspielerischen Talent geschuldet ist, bleibt unklar.

Molina zeigt einen Einzelgänger auf Speed. In dreißig Stunden reißt Ray zweitausend Kilometer ab, um mit „seinem weißen Mustang in Puerto Vallarta“ aufzukreuzen.

Jeder Depp kann einen Richard Löwenherz aus dem Sattel schießen. Nun hat Ray in Antonio Muñoz Molina aber einen Fürsprecher gefunden. In seinem Roman „Schwindende Schatten“ beschreibt Molina die Nummer Eins unter den zehn 1968 meist gesuchten Verbrechern der Welt als bemerkenswert einfallsreichen Einzelgänger. Weit davon entfernt ein Draufgänger zu sein, bestand Ray vor allem Abenteuer des Geistes. Er experimentierte mit Hypnose und Autosuggestion und arbeitete erstaunlich effektiv an sich. Wo immer er landete, suchte Ray die verrufenen Quartiere auf und bewegte sich da wie ein Fisch im Wasser, ohne sich gemein zu machen. Er war der Pepsi-Typ unter Saufgestalten.

Genie der Autosuggestion

Vermutlich gab es in der langen Geschichte der spirituellen Gymnastik neben allen möglichen Scharlatanen jede Menge nicht anschlussfähiger Autodidakten und Neuerfinder existierender Formen. Das Unsortierte, Wuchernde und Schräge, vor allem jedoch das Yoga-grammatisch und -orthografisch Zweifelhafte fordern eine argwöhnische Betrachtung heraus. Gleichzeitig fasziniert dieser Karneval der Bemühungen um Körperbeherrschung. Auch James Earl Ray verfolgt seinen eigenen Weg. Er hat sich das Laufen auf den Händen beigebracht. Er kann sich zusammenfalten und seinen Puls herunterregulieren. Unter gewissen Umständen kontrolliert er seine Atmung wie ein veritabler Fakir. Aber jetzt versagt das Training. Von Flugangst gepeinigt, krümmt sich Ray in der Sitzschale, während ihn ein Tycoon unter Konditoren ins Gespräch zieht.

In diesem qualvollen Augenblick kommt Ray nichts ungelegener als seine Legende dem Elchtest der Neugier einer wenig kultivierten und offensichtlich moralisch insolventen Führungspersönlichkeit auszusetzen.

Ray, der sich Sneyd nennt und jederzeit als Sniper im Zirkus auftreten könnte, verfügt über besondere Eigenschaften und Kenntnisse. Doch sein ganzes, in Jahrzehnten auf der Flucht verfeinertes Repertoire der Verstellung und Täuschung hängt von einem in der Kabine ausgeschlossenen Faktor ab – Bewegungsfreiheit. Ray verflucht im Stillen seine Lage, bis in der Reihe Ruhe einkehrt und sich der Vorhang vor der inneren Bühne hebt. Der Hausherr erscheint sich selbst als James Bond, wenn auch in einer verdünnten Ausgabe.

Antonio Muñoz Molina, „Schwindende Schatten“, Roman, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Penguin, 512 Seiten, 26,-

Ray mischt sein ausuferndes Kreuzworträtselwissen mit biografischer Tristesse. Sein Leben ist eine Geschichte der Demütigung. Im Winter verheizte sein Vater Bodenbretter und Dachsparren. Bevor Ray ins Klassenzimmer durfte, musste er sich der peinlichen Prozedur einer Läusekontrolle unterziehen.

Die Lehrerin ekelte sich vor ihm und machte keinen Hehl aus ihrer Aversion. Rays Anblick löste Allergien aus. Aber das Kind dramatisch verwahrloster Leute kannte die Namen aller Hauptstädte und wusste wie hoch genau der Mount Everest in den Himmel ragt.

Die Welt schließt ihm ein Eklektizismus auf, der von liegengebliebenen Magazinen und Taschenbüchern angeheizt wird. Ständig lernt Ray dazu. Er drückt sich so gewählt aus wie manche Analphabeten. Das sichert ihn ab als kleiner Mann auf der Durchreise.

Ray könnte alles Mögliche sein.

Aber er ist nur ein Gefangener/auch noch auf der Flucht. Ray existiert so gründlich außerhalb der bürgerlichen Ordnung, dass alle Verbindungen klapprig und brüchig sind. Ich könnte ihm ewig folgen, so einnehmend ist Antonio Muñoz Molinas Erzählton.

Ohne einen Unterschied zwischen Autor und Erzähler erkennen zu lassen, begibt sich Molina mehr als fünfzig Jahre nach Rays europäischem Abstecher „mit (vor Erschöpfung) brennenden Augen“ auf Spurensuche.

Nach der Ermordung von Martin Luther King setzt sich Ray via Toronto und London nach Lissabon ab. Von da will er weiter nach Angola, um als Söldner anzuheuern; es gibt vermutlich nicht viele Amerikaner seiner Klasse, die wissen, dass Angola eine portugiesische Kolonie ist. Er wähnt sich schon auf einem Heldenparcours.

In seiner Wahrnehmung hat der Erdkreis das Interieur der Groschenromane. Ray ist ein altes Kind, das mit Waffen spielt, und sich mit einer Art Ganoven-Voodoo abschirmt.

Man glaubt zuerst, der infantile Habitus markiere ihn als vollkommen unzuständig für jede geldwerte Beschäftigung, die mehr verlangt als das Zusammenschieben von Einkaufswagen vor einem Supermarkt.

Das ist ein Trugschluss. Die Laufkundschaft im Zeitzeugenstand hält Ray für einen Vertreter/Geistlichen/Professor.

Molina schneidet die Stationen seiner leuchtenden Entwicklung als Schriftsteller, Ehemann und Vater gegen Rays Armut auf allen Etagen. Er bemächtigt sich der nach Rays Tod übriggebliebenen Reisegegenstände, die immer noch von einer unglaublichen Trostlosigkeit erzählen.

Molina tastet sich vor und hinein in den Albtraum ständiger Überforderung. Wäre Ray nicht so findig, müsste er weniger aushalten. Aber diesem auf sich selbst gestellten Mündelwesen gelingen erstaunliche Dinge. Er ist ein Genie der Autosuggestion. Er zieht aus einem Hypnosehandbuch mehr als andere aus einem Studium.

Molina bringt es auf den Punkt. Ray besitzt „mentale Disziplin“. Er wählt seine Aliasnamen mit Bedacht, übt die Unterschriften, wechselt die Unterwäsche in zivilisierten Abständen, vollbringt Wunder der Mimikry und bewahrt sich in einer hausgemachten Gnade.

„Er verbirgt sich zwischen dem menschlichen Abschaum … gehört aber nicht dazu“.

Molina erfasst ihn in „einem Zustand hellwacher Trance“. Er verschafft sich Bewegung und macht sich Luft in einem Garten voller Standbilder von bewunderten Dichtern. Er erwähnt, wie Scott Fitzgerald auf Joseph Conrad reagierte. Von Conrads Helden der Finsternis Marlow kommt er zu Chandlers Trouble ist my Business-Marlowe und das fügt sich so wie die von Ian Fleming persönlich auf Effekt geschriebenen Szenen eines echten James Bond - dem fittesten aller Trinker und Raucher.

Only the fittest survive ist keine Stamina-Ansage. Es geht um Anpassung. Das hat Ray kapiert. Seine Freiheit hängt davon ab, dass sich kein von Berufs wegen Misstrauischer zu einem nachbohrenden Blick veranlasst sieht.

Fast wundere ich mich über das Erstaunen, mit dem Molina dem meistgesuchten Verbrecher der Welt nachsteigt. Hunderttausend Dollar sind auf Rays Kopf ausgesetzt.

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