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26.12.2019, Jamal Tuschick

Paris/Berlin - Jens Bisky weist darauf hin, dass nicht erst die Zerstörung gewachsener Bindungen im Zuge der Industrialisierung für eine desolate Tendenz in Berlin sorgt. Die Verminderungen im Bürgerlichen waren eine Folge der feudalen Aneignungspolitik. Sie entsprachen einer Verstimmung und führten zu Verkümmerungen.

Auf einem Broadway der Antike

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Wie oft wurde die Stadt der Liebe belagert und wie selten ist davon die Rede. Es gab royale Ludwigs, die so arm waren, dass sie ihre Pisspottausschwenker anpumpten.

Was hat sie so arm gemacht?

Leute, die ihnen die Lebensbänder zu verkürzen die Muse besaßen. Jesus war gerade erst auferstanden, als Pariser sich gegen die Römer zur Wehr setzen mussten. Die Römer stellten ihre Überlegenheit aus, indem sie an der Seine ein Theater eröffneten. Auf einem Broadway der Antike vollzog sich die Romanisierung der Kelten. Ab 465 bespielten Merowinger unter Childerich I. und Chlodwig I. die Freilichtbühne mit Thermalbetrieb. Die Einheizer der Karoliner Renaissance machten Paris zur Hauptstadt. Die Franken bekamen es mit Dänen zu tun, denen sie sich auf den Umwegen von Niederlagen, Arrangements, überlebten Seuchen, verweigerten Schlüsselübergaben, erbrachten Tributzahlungen und Intrigen soweit zu erwehren wussten, dass Paris keine nordmännliche Herrschaft erlebte. Bedenkt man, wie erfolgreich Wikinger als Vernichter bestehender Machtverhältnisse waren, dann bleibt es bemerkenswert, dass ihre konzeptionelle Doppelaxt, Handel, wo möglich, Raub, wo nötig (oder umgekehrt), vor Paris nicht verfing. Sie etablierten sich in der Gegend und mauserten sich normannisch.

Ich zähle neunzehn Belagerungen von Paris. Für spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Engländer waren die Verwüstungen dieser Stadt ein Sport. Die Engländer waren Nachkommen normannischer Herzöge mit kontinentalen Territorien im königlichen Portfolio. Die vor Paris gescheiterten Dänen übernahmen in der normannischen Metamorphose bestimmende Rollen im europäischen Machtpoker.

Daran sollte man denken, sobald man sich Berlin zuwendet, „die im Grunde kleine Stadt“, um Jens Bisky in die Bütt zu rufen.

Jens Bisky, „Berlin. Biografie einer großen Stadt“, Rowohlt Berlin, 970 Seiten, 38,-

Nachdem wir uns die doppelstädtischen Anfänge von Berlin-Kölln anhand von Biskys brillanten Schilderungen klargemacht haben, sehen wir nun die Stadt nach dem Dreißigjährigen Krieg im Argen liegen. Sie hat ihre bürgerliche Freiheit an einen kurfürstlichen Anspruch verloren. Daraus ergibt sich eine Verschiebung vom Handel zum Militär.

Das hoheitliche Interesse untergräbt das bürgerliche. Der feudale Fokus richtet sich auf „Musterwirtschaften nach niederländischem Vorbild“.

Man nennt das „Verholländerung“.

„Verholländerung war das Regierungsprogramm in Brandenburg.“

Ich erinnere an altruistische Debatten zur Einrichtung von Zuchthäusern, im Rahmen einer Merkantilisierung von Delinquenz. Dies geschieht im Goldenen Zeitalter. Das Wort ist einer niederländischen Blüte im 17. Jahrhundert vorbehalten. Ich muss mich hüten, nicht alles auszupacken, was dazu bereits Besprechungsgegenstand war. Der Witz an dieser Stelle ist doch, dass Holland seine Spitzenleistungen auf dem vibrierenden Hochpunkt seiner Abwehrentschlossenheit absolviert. Auf das kleine Land richtet sich das Begehren der Habsburger Großmacht Spanien – fett geworden vom Gold der Inka und zum Imperialismus verurteilt wie alle Superstaaten.

Zur Verholländerung Berlins gehört die Calvinisierung des Hofes. Sie kommt bei den Berliner schlecht an, schreibt Bisky. Sie leben nun in einer Festung und müssen Einquartierungen hinnehmen. Der öffentliche Friede ist dauerhaft gestört.

Querelen allenthalben/Das gestockte Ei der Emanzipation

Bisky bringt das Berlin des 18. Jahrhunderts auf drei Punkte:

Die höfische Pracht entfaltet sich im arroganten Gegensatz zur „städtischen Ohnmacht“.

Migranten werden angelockt und angedockt.

Man imitiert Auswärtiges.

Bisky weist darauf hin, dass nicht erst die Zerstörung gewachsener Bindungen im Zuge der Industrialisierung für eine desolate Tendenz sorgt. Die Verminderungen im Bürgerlichen sind eine Folge der feudalen Aneignungspolitik. Sie entsprechen einer Verstimmung und führen zu Verkümmerungen.

Bisky spricht von „innerlicher Schwäche“ der aus der fürstlichen Perspektive antagonistischen Struktur. Eine soziale Marklosigkeit erlaubt den Potentaten einen weitreichenden Zugriff. Der Freiheit „frech gewordener“ Berliner wurde „ein Gebiss eingelegt“.

Der von der Obrigkeit zurechtgewiesene Berliner ist das eine; das andere ist der Luther-Protestant.

„Wer nicht lutherisch ist, der ist verflucht.“

Der Kurfürst, seine Frau sowie viele Beamte sind nicht lutherisch reformiert. Die Calvinistische Creme ist in den Augen hitziger Pastoren noch nicht mal christlich. Das schlagende Argument der Zeit, von Bisky überliefert: Kommt man einem entgegen, kann man auch jedem anderen gegenüber Konzessionen machen. Der Berliner Pfarrer Paul Gerhardt warnt vor Synkretismus.

Dazu bald mehr.

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