MenuMENU

zurück zu Main Labor

28.12.2019, Jamal Tuschick

„Unter dem fordernden Vergrößerungsglas der Erinnerung“ erkennt der Mörder des Volkstribuns Martin Luther King eine trostlos-lächerliche Relation von Anmaßung und Unzuständigkeit. Antonio Muñoz Molina beschreibt in „Schwindende Schatten“ eine schattenlose Existenz, der die Substanz für Tragik fehlt. Den Schriftsteller interessiert nicht, ob Ray allein verantwortlich war für die Tat, die ihm zur Last gelegt wurde. Ihn fasziniert die Verlorenheit des Attentäters, der wie ein verlassenes Kind durch die Welt irrt, bis man ihn aufgreift und abschließend interniert. Im Gefängnis ist Ray so schlecht aufgehoben wie in einem Heim.

Amphetamin-Amok II. – Eine Reise ans Ende der amerikanischen Nacht

Eulen und Falken - Martin Luther Kings Ladestation ist die Bühne – und die Bewunderung der Schwergewichte in der Halbdistanz seines Lebens. Da sind Frauen wie Diane Nash. Nachts ruft King Mahalia Jackson an, um „die Stimme des Herrn“ zu hören.

James Earl Ray hört Drohungen, wo andere eine Friedensode vernehmen

Eingebetteter Medieninhalt

„Die Stimme des Radios am Ohr“ startet sein Kopfkino. Technicolor-Wunder entstehen aus gesprochenen Nachrichten. Die Verwandlungen vollziehen sich in den breiten Flussbetten einsamer Nächte.

James Earl Ray ist oft allein und so sehr daran gewöhnt, sich abzufinden, dass an sich kleine Erregungen die Krater seines Gemüts vertiefen als seien sie von Sensationsbomben getroffen worden.  

*

„Wir können jemanden jederzeit unwiderruflich ausschalten.“

Edgar Hoover im Oval Office-Gespräch mit Lyndon B. Johnson Montgomery, Alabama, 1955.

Antonio Muñoz Molina, „Schwindende Schatten“, Roman, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Penguin, 512 Seiten, 26,-

Wie alles anfing

Die Afroamerikanerin Rosa Parks weigert sich, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen. Das führt zu ihrer Festnahme und einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startet das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung ist die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wird 1964 Friedensnobelpreisträger.

*

Jeder kennt das. Plötzlich durchbricht ein unbedachtes Wort die Verbotsschranke. Ein unbedachtes Wort, wie gesagt, begleitet von einer fast zufällig-abfälligen Bewegung. Jemand geht dir fürchterlich auf die Nerven und aus dem tiefen Brunnen des sozialisierten Ressentiments steigt der giftigste Brackwasserodem auf. Du würdest dich über dich selbst wundern, bliebe dir für eine gütige Verarbeitung die Zeit.

Dass du so was zur Verfügung hast, war dir bis eben gar nicht klar.

Ein Wort ist ein Wort.

Was auf dem Theater gesagt wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden. Heiner Müller

Das Entweichen einer lange mit einfachen Mitteln kontrollierten Affektenergie zeitigt katastrophale Folgen. Es sind die Folgen des Verrats. Denn das Preisgegebene gehört zum Tafelsilber des familiär Beschwiegenen. Du verlierst deinen Job wegen einer Bemerkung. Du steigst in deine Keller und findest keinen Weg mehr nach oben. Ich male euch das nicht aus. Die Staubsauger des Lebens erfüllen unbesungen ihre Aufgaben und kein Hahn kräht danach.

Da, wo sich James Earl Ray bewegt, kann man nicht absteigen. Man existiert als erbärmliche Offenbarung, so geheimnislos wie eine vertrocknete Nacktschnecke. Niemand hat Ray je etwas beigebracht, das dem ehrgeizigen Autodidakten half, seinen Kleinkram auf eine sinnvolle Reihe zu kriegen. Ray besteht aus lauter Anfängen. Er figuriert als grandioser Armleuchter in Verworfenheitsszenarien.

Obwohl er nicht mit Stattlichkeit prahlen kann, „macht ihm seine Entschlossenheit immer wieder den Weg frei“.

Ray macht für sein Durchsetzungsvermögen unter Kleindarstellern eine nebulöse Gedankenkraft verantwortlich. Er agiert wie ein Schauspieler.

In der Molina-Version erschießt er King in der sturen Einsamkeit des (ins Herz der Finsternis) Alleinreisenden. Nach dem weltweit vernommenen Schuss hüllt ihn Taubheit ein. Er bewegt sich in absoluter Stille wie in einer transparenten Hülle. In dieser unirdischen Verfassung verlässt er eine Absteige. Auf dem Weg zu seinem Ford Mustang bemerkt er zwei Polizisten, übergewichtige, anscheinend unfähige Männer, die ihre Gürtel zu stramm unter den Wampen festgezogen haben.

Da schreitet die grundsolide Einfalt.

Panisch entledigt sich Ray der Dinge, die ihn auffällig erscheinen lassen. Genauso gut könnte er eine Visitenkarte hinterlegen. Ray sind die Konsequenzen seines Versagens unter Druck sofort klar. Er hätte genug Zeit für eine Korrektur. Stattdessen überlässt er den Behörden die Tatwaffe plus Fingerabdrücke.

Fehler werden von der Gegenwart kassiert, in der Vergangenheit eingelagert und nie wieder rausgerückt.

*

Für Ray ist King ein Mann, der Wasser predigt und Wein trinkt.

*

Eulen und Falken/Der Redner und die Sängerin

Kings Ladestation ist die Bühne – und die Bewunderung der Schwergewichte in der Halbdistanz seines Lebens. Da sind Männer wie Andrew Young und Frauen wie Diane Nash. Nachts ruft King Mahalia Jackson an, um „die Stimme des Herrn“ zu hören.

Beide, der Redner und die Sängerin, besitzen Kraft und Kontrolle. Sie vereinen in sich die Tugenden von Eulen und Falken. King kühlt den Empowerment-Impetus der Schwarzen Studenten bis zu einer brauchbaren Temperatur herunter.

Er führt den Kampf auf dem Boulevard der Legalität an.

Mit Mitteln der Bürokratie und der Bedrohung hält das weiße Establishment unter der Ägide von Gouverneur George Corley „Alabama“ Wallace die schwarze Bevölkerung von Rechten ab, die von der Verfassung garantiert werden. In dessen erste Amtszeit fällt der Bombenanschlag von Birmingham.

We shall overcome

Wallace repräsentiert ein Selbstverständnis, das Segregation in die Nähe eines Naturgesetzes rückt. Ray kennt nichts anderes.

Mitte der 1960er Jahre konzentriert sich der gewaltfreie Protest auf Selma, Alabama. Hier wurden in der Vergangenheit Versuche afroamerikanischer Bürger, sich als Wähler registrieren zu lassen, von Amts wegen besonders fintenreich obstruiert.

King im Gespräch mit Lyndon B. Johnson aus Stonewall, Texas:

„But even if we pass this bill, the battle will not be over“

Johnson fordert von dem „N...führer“ quid pro quo. King ist dem kultivierten Rotnacken allemal lieber ist als Malcolm X. King gilt der US-Regierungsspitze als kleineres Übel. so windelweich wurde er lange auch von Malcolm X gesehen.

Für Ray aber ist King das personifizierte Übel. Er sieht die Schwarzen um sich greifen und fühlt seine Berufung. Das personifizierte Nichts wähnt sich in der Gnade einer Mission. 

Diane Nash on march

Wie alles anfing - Die Afroamerikanerin Rosa Parks weigert sich, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen. Das führt zu ihrer Festnahme und einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startet das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung ist die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wird 1964 Friedensnobelpreisträger.

Genie der Autosuggestion

Eingebetteter Medieninhalt

James Earl Ray (1928 - 1998) widerrief bis zu seinem Tod Jahrzehnte ein Geständnis, das ihn zum Mörder von Martin Luther King erklärte. Seine vom Gericht festgestellte Einzeltäterschaft trug dazu bei, den expressiven Teil der Bürgerrechtsbewegung in der zivilgesellschaftlichen Spur zu halten. Nicht wenige glaubten im High von Achtundsechzig, eine Art tiefer Staat habe sich Amerika bemächtigt, und Kings Herausnahme aus dem Powerplay sei dafür ein Beweis.

Vermutlich gab es in der langen Geschichte der spirituellen Gymnastik neben allen möglichen Scharlatanen jede Menge nicht anschlussfähiger Autodidakten und Neuerfinder existierender Formen. Das Unsortierte, Wuchernde und Schräge, vor allem jedoch das Yoga-grammatisch und -orthografisch Zweifelhafte fordern eine argwöhnische Betrachtung heraus. Gleichzeitig fasziniert dieser Karneval der Bemühungen um Körperbeherrschung. Auch James Earl Ray verfolgt seinen eigenen Weg. Er hat sich das Laufen auf den Händen beigebracht. Er kann sich zusammenfalten und seinen Puls herunterregulieren. Unter gewissen Umständen kontrolliert er seine Atmung wie ein veritabler Fakir. Aber jetzt versagt das Training. Von Flugangst gepeinigt, krümmt sich Ray in der Sitzschale, während ihn ein Tycoon unter Konditoren ins Gespräch zieht.

In diesem qualvollen Augenblick kommt Ray nichts ungelegener als seine Legende dem Elchtest der Neugier einer wenig kultivierten und offensichtlich moralisch insolventen Führungspersönlichkeit auszusetzen.

Ray, der sich Sneyd nennt und jederzeit als Sniper im Zirkus auftreten könnte, verfügt über besondere Eigenschaften und Kenntnisse. Doch sein ganzes, in Jahrzehnten auf der Flucht verfeinertes Repertoire der Verstellung und Täuschung hängt von einem in der Kabine ausgeschlossenen Faktor ab – Bewegungsfreiheit. Ray verflucht im Stillen seine Lage, bis in der Reihe Ruhe einkehrt und sich der Vorhang vor der inneren Bühne hebt. Der Hausherr erscheint sich selbst als James Bond, wenn auch in einer verdünnten Ausgabe.

Antonio Muñoz Molina, „Schwindende Schatten“, Roman, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Penguin, 512 Seiten, 26,-

Ray mischt sein ausuferndes Kreuzworträtselwissen mit biografischer Tristesse. Sein Leben ist eine Geschichte der Demütigung. Im Winter verheizte sein Vater Bodenbretter und Dachsparren. Bevor Ray ins Klassenzimmer durfte, musste er sich der peinlichen Prozedur einer Läusekontrolle unterziehen.

Die Lehrerin ekelte sich vor ihm und machte keinen Hehl aus ihrer Aversion. Rays Anblick löste Allergien aus. Aber das Kind dramatisch verwahrloster Leute kannte die Namen aller Hauptstädte und wusste wie hoch genau der Mount Everest in den Himmel ragt.

Die Welt schließt ihm ein Eklektizismus auf, der von liegengebliebenen Magazinen und Taschenbüchern angeheizt wird. Ständig lernt Ray dazu. Er drückt sich so gewählt aus wie manche Analphabeten. Das sichert ihn ab als kleiner Mann auf der Durchreise.

Ray könnte alles Mögliche sein.

Aber er ist nur ein Gefangener/auch noch auf der Flucht. Ray existiert so gründlich außerhalb der bürgerlichen Ordnung, dass alle Verbindungen klapprig und brüchig sind. Ich könnte ihm ewig folgen, so einnehmend ist Antonio Muñoz Molinas Erzählton.

Ohne einen Unterschied zwischen Autor und Erzähler erkennen zu lassen, begibt sich Molina mehr als fünfzig Jahre nach Rays europäischem Abstecher „mit (vor Erschöpfung) brennenden Augen“ auf Spurensuche.

Nach der Ermordung von Martin Luther King setzt sich Ray via Toronto und London nach Lissabon ab. Von da will er weiter nach Angola, um als Söldner anzuheuern; es gibt vermutlich nicht viele Amerikaner seiner Klasse, die wissen, dass Angola eine portugiesische Kolonie ist. Er wähnt sich schon auf einem Heldenparcours.

In seiner Wahrnehmung hat der Erdkreis das Interieur der Groschenromane. Ray ist ein altes Kind, das mit Waffen spielt, und sich mit einer Art Ganoven-Voodoo abschirmt.

Man glaubt zuerst, der infantile Habitus markiere ihn als vollkommen unzuständig für jede geldwerte Beschäftigung, die mehr verlangt als das Zusammenschieben von Einkaufswagen vor einem Supermarkt.

Das ist ein Trugschluss. Die Laufkundschaft im Zeitzeugenstand hält Ray für einen Vertreter/Geistlichen/Professor.

Molina schneidet die Stationen seiner leuchtenden Entwicklung als Schriftsteller, Ehemann und Vater gegen Rays Armut auf allen Etagen. Er bemächtigt sich der nach Rays Tod übriggebliebenen Reisegegenstände, die immer noch von einer unglaublichen Trostlosigkeit erzählen.

Molina tastet sich vor und hinein in den Albtraum ständiger Überforderung. Wäre Ray nicht so findig, müsste er weniger aushalten. Aber diesem auf sich selbst gestellten Mündelwesen gelingen erstaunliche Dinge. Er ist ein Genie der Autosuggestion. Er zieht aus einem Hypnosehandbuch mehr als andere aus einem Studium.

Molina bringt es auf den Punkt. Ray besitzt „mentale Disziplin“. Er wählt seine Aliasnamen mit Bedacht, übt die Unterschriften, wechselt die Unterwäsche in zivilisierten Abständen, vollbringt Wunder der Mimikry und bewahrt sich in einer hausgemachten Gnade.

„Er verbirgt sich zwischen dem menschlichen Abschaum … gehört aber nicht dazu“.

Molina erfasst ihn in „einem Zustand hellwacher Trance“. Er verschafft sich Bewegung und macht sich Luft in einem Garten voller Standbilder von bewunderten Dichtern. Er erwähnt, wie Scott Fitzgerald auf Joseph Conrad reagierte. Von Conrads Helden der Finsternis Marlow kommt er zu Chandlers Trouble ist my Business-Marlowe und das fügt sich so wie die von Ian Fleming persönlich auf Effekt geschriebenen Szenen eines echten James Bond - dem fittesten aller Trinker und Raucher.

Only the fittest survive ist keine Stamina-Ansage. Es geht um Anpassung. Das hat Ray kapiert. Seine Freiheit hängt davon ab, dass sich kein von Berufs wegen Misstrauischer zu einem nachbohrenden Blick veranlasst sieht.

Fast wundere ich mich über das Erstaunen, mit dem Molina dem meistgesuchten Verbrecher der Welt nachsteigt. Hunderttausend Dollar sind auf Rays Kopf ausgesetzt.

Einzelgänger auf Speed

Jeder Depp kann einen Richard Löwenherz aus dem Sattel schießen. Nun hat Ray in Antonio Muñoz Molina aber einen Fürsprecher gefunden. In seinem Roman „Schwindende Schatten“ beschreibt Molina die Nummer Eins unter den zehn 1968 meist gesuchten Verbrechern der Welt als bemerkenswert einfallsreichen Einzelgänger. Weit davon entfernt ein Draufgänger zu sein, bestand Ray vor allem Abenteuer des Geistes. Er experimentierte mit Hypnose und Autosuggestion und arbeitete erstaunlich effektiv an sich. Wo immer er landete, suchte Ray die verrufenen Quartiere auf und bewegte sich da wie ein Fisch im Wasser, ohne sich gemein zu machen. Er war der Pepsi-Typ unter Saufgestalten.

Im Juli 1967 schlüpft der wegen zig Delikten in den Vereinigten Staaten zur Fahndung ausgeschriebene James Earl Ray über die Grenze nach Kanada. Er nennt sich Eric Stravo Galt, vielleicht, so spekuliert Antonio Muñoz Molina, in Anlehnung an den „größenwahnsinnigen Oberschurken aus den James-Bond-Romanen … Ernst Stavro Blofeld“. Wieder erfindet sich Ray neu, diesmal als Seemann. Nach einem Raubüberfall, der nicht bereits im Ansatz scheitert, staffiert er seine Legende mit Krokodillederschuhen aus.

Er denkt nicht weiter als er gucken kann und ist doch so umsichtig wie ein Baumwipfelbewohner auf dem Waldboden. Längst ist ihm die Angst zur Gewohnheit geworden. Mit Übungen hält er seine Form. Als totaler Außenseiter der zivilisierten Welt balanciert er auf einem Grat zwischen Angriff und Flucht, ohne sich zu verraten. Er verbirgt das archaische Programm unter einer Maske der Unauffälligkeit.

Molina, der seinen Helden nie denunziert, obwohl das oft naheliegender wäre als verschrobene Würdigungen eines notorisch Delinquenten, beschreibt Rays ausgedachtes, auf einem Phantasiesockel basierendes Repertoire als idiotische Glanzleistung. Als Waldläufer oder bäurischer Eremit käme ihm seine idiosynkratische Findigkeit zupass; als Feind der bürgerlichen Ordnung ist Ray ganz einfach zu schwach.

Er ist das Produkt der katholisch-walisisch-schottisch-irischen Migration. Das betrifft lauter unterdrückte und auf eine Staatsnorm getrimmte Minderheiten im Geleit der angelsächsischen Suprematie. Sein Vater ist ein anmaßender Mann; ein krimineller Spinner, frei von Verantwortungsgefühl. In seinem Tross wechselte die Familie Städte, Staaten und Namen in einem Potpourri des rußschwarzen Schwachsinns. In Missouri endete Rays Kindheit. Seine kriminelle Karriere startete er 1949 in Kalifornien. Von da an war das Gefängnis sein zweites Zuhause. Es diente Ray als Akademie. Er bewies einen unerschütterlichen Lerneifer nach den Regeln des Fernstudiums.

In der Gegenwart von Siebenundsechzig sind alle Ausbildungen abgeschlossen. In Kanada erlebt Ray zum ersten Mal die Liebe als solide Veranstaltung.

Zumindest behauptet das Molina. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass man in einem Roman ist und nicht von einer Dokumentation eingesogen wurde. Ich überlese Molinas gut geschriebenen Selbstbespiegelungen. Stünden sie allein, würden sie mich interessieren. In der Kombination mit Rays Geschichte sind sie mir im Weg.  

Ray versorgt sich mit dem rätselhaften Stoff, der ihn über den Dingen schweben lässt. Unter Verkrachten erscheint er als etwas Besonderes. Er ist ein Schausteller stählerner Ruhe. Er kauft ein Auto, angelt sich einen Führerschein und legt sich eine Filmkamera zu.

Man wähnt Ray auf einer Kreuzung. Sollte er den Weg in die Legalität einschlagen wollen, wäre der Augenblick günstig.

Molina überliefert wenigstens ein Dutzend Zeugenaussagen. Jeder Zeuge scheint einen anderen Mann getroffen zu haben. Ob diese Variabilität einem schauspielerischen Talent geschuldet ist, bleibt unklar.

Molina zeigt einen Einzelgänger auf Speed. In dreißig Stunden reißt Ray zweitausend Kilometer ab, um mit „seinem weißen Mustang in Puerto Vallarta“ aufzukreuzen.

Bald mehr.

Genie der Autosuggestion

Vermutlich gab es in der langen Geschichte der spirituellen Gymnastik neben allen möglichen Scharlatanen jede Menge nicht anschlussfähiger Autodidakten und Neuerfinder existierender Formen. Das Unsortierte, Wuchernde und Schräge, vor allem jedoch das Yoga-grammatisch und -orthografisch Zweifelhafte fordern eine argwöhnische Betrachtung heraus. Gleichzeitig fasziniert dieser Karneval der Bemühungen um Körperbeherrschung. Auch James Earl Ray verfolgt seinen eigenen Weg. Er hat sich das Laufen auf den Händen beigebracht. Er kann sich zusammenfalten und seinen Puls herunterregulieren. Unter gewissen Umständen kontrolliert er seine Atmung wie ein veritabler Fakir. Aber jetzt versagt das Training. Von Flugangst gepeinigt, krümmt sich Ray in der Sitzschale, während ihn ein Tycoon unter Konditoren ins Gespräch zieht.

In diesem qualvollen Augenblick kommt Ray nichts ungelegener als seine Legende dem Elchtest der Neugier einer wenig kultivierten und offensichtlich moralisch insolventen Führungspersönlichkeit auszusetzen.

Ray, der sich Sneyd nennt und jederzeit als Sniper im Zirkus auftreten könnte, verfügt über besondere Eigenschaften und Kenntnisse. Doch sein ganzes, in Jahrzehnten auf der Flucht verfeinertes Repertoire der Verstellung und Täuschung hängt von einem in der Kabine ausgeschlossenen Faktor ab – Bewegungsfreiheit. Ray verflucht im Stillen seine Lage, bis in der Reihe Ruhe einkehrt und sich der Vorhang vor der inneren Bühne hebt. Der Hausherr erscheint sich selbst als James Bond, wenn auch in einer verdünnten Ausgabe.

Antonio Muñoz Molina, „Schwindende Schatten“, Roman, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Penguin, 512 Seiten, 26,-

Ray mischt sein ausuferndes Kreuzworträtselwissen mit biografischer Tristesse. Sein Leben ist eine Geschichte der Demütigung. Im Winter verheizte sein Vater Bodenbretter und Dachsparren. Bevor Ray ins Klassenzimmer durfte, musste er sich der peinlichen Prozedur einer Läusekontrolle unterziehen.

Die Lehrerin ekelte sich vor ihm und machte keinen Hehl aus ihrer Aversion. Rays Anblick löste Allergien aus. Aber das Kind dramatisch verwahrloster Leute kannte die Namen aller Hauptstädte und wusste wie hoch genau der Mount Everest in den Himmel ragt.

Die Welt schließt ihm ein Eklektizismus auf, der von liegengebliebenen Magazinen und Taschenbüchern angeheizt wird. Ständig lernt Ray dazu. Er drückt sich so gewählt aus wie manche Analphabeten. Das sichert ihn ab als kleiner Mann auf der Durchreise.

Ray könnte alles Mögliche sein.

Aber er ist nur ein Gefangener/auch noch auf der Flucht. Ray existiert so gründlich außerhalb der bürgerlichen Ordnung, dass alle Verbindungen klapprig und brüchig sind. Ich könnte ihm ewig folgen, so einnehmend ist Antonio Muñoz Molinas Erzählton.

Ohne einen Unterschied zwischen Autor und Erzähler erkennen zu lassen, begibt sich Molina mehr als fünfzig Jahre nach Rays europäischem Abstecher „mit (vor Erschöpfung) brennenden Augen“ auf Spurensuche.

Nach der Ermordung von Martin Luther King setzt sich Ray via Toronto und London nach Lissabon ab. Von da will er weiter nach Angola, um als Söldner anzuheuern; es gibt vermutlich nicht viele Amerikaner seiner Klasse, die wissen, dass Angola eine portugiesische Kolonie ist. Er wähnt sich schon auf einem Heldenparcours.

In seiner Wahrnehmung hat der Erdkreis das Interieur der Groschenromane. Ray ist ein altes Kind, das mit Waffen spielt, und sich mit einer Art Ganoven-Voodoo abschirmt.

Man glaubt zuerst, der infantile Habitus markiere ihn als vollkommen unzuständig für jede geldwerte Beschäftigung, die mehr verlangt als das Zusammenschieben von Einkaufswagen vor einem Supermarkt.

Das ist ein Trugschluss. Die Laufkundschaft im Zeitzeugenstand hält Ray für einen Vertreter/Geistlichen/Professor.

Molina schneidet die Stationen seiner leuchtenden Entwicklung als Schriftsteller, Ehemann und Vater gegen Rays Armut auf allen Etagen. Er bemächtigt sich der nach Rays Tod übriggebliebenen Reisegegenstände, die immer noch von einer unglaublichen Trostlosigkeit erzählen.

Molina tastet sich vor und hinein in den Albtraum ständiger Überforderung. Wäre Ray nicht so findig, müsste er weniger aushalten. Aber diesem auf sich selbst gestellten Mündelwesen gelingen erstaunliche Dinge. Er ist ein Genie der Autosuggestion. Er zieht aus einem Hypnosehandbuch mehr als andere aus einem Studium.

Molina bringt es auf den Punkt. Ray besitzt „mentale Disziplin“. Er wählt seine Aliasnamen mit Bedacht, übt die Unterschriften, wechselt die Unterwäsche in zivilisierten Abständen, vollbringt Wunder der Mimikry und bewahrt sich in einer hausgemachten Gnade.

„Er verbirgt sich zwischen dem menschlichen Abschaum … gehört aber nicht dazu“.

Molina erfasst ihn in „einem Zustand hellwacher Trance“. Er verschafft sich Bewegung und macht sich Luft in einem Garten voller Standbilder von bewunderten Dichtern. Er erwähnt, wie Scott Fitzgerald auf Joseph Conrad reagierte. Von Conrads Helden der Finsternis Marlow kommt er zu Chandlers Trouble ist my Business-Marlowe und das fügt sich so wie die von Ian Fleming persönlich auf Effekt geschriebenen Szenen eines echten James Bond - dem fittesten aller Trinker und Raucher.

Only the fittest survive ist keine Stamina-Ansage. Es geht um Anpassung. Das hat Ray kapiert. Seine Freiheit hängt davon ab, dass sich kein von Berufs wegen Misstrauischer zu einem nachbohrenden Blick veranlasst sieht.

Fast wundere ich mich über das Erstaunen, mit dem Molina dem meistgesuchten Verbrecher der Welt nachsteigt. Hunderttausend Dollar sind auf Rays Kopf ausgesetzt.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen