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28.12.2019, Jamal Tuschick

Zu den exquisiten Verstörungen, die der „Leopard“ bei seinen Lesern auslöst, zählt die undemokratische Parteinahme des Autors für einen Autokraten. Giuseppe Tomasi di Lampedusa schildert den Fürsten von Salina als liebenswerten Dinosaurier. Er findet ihn erhabener als den mediokren Rest. Selbst der allseits beliebte Tancredi schneidet schlechter ab als der Italo-Deutsche Kammerherr eines gestürzten Königs.

Die Verachtung des Fürsten

Eingebetteter Medieninhalt

Während der Fürst von Salina sich ob dräuender, die überkommene Ordnung und mit ihr seine Herrschaft pietätlos berührenden Erhebungen und Verwerfungen rund um den Risorgimento von 1861 grämt, peitscht der Putschist und Restaurator der französischen Kaiserwürde Napoleon III. die Verbesserung von Paris gegen alles Zögerliche durch. Die Hausman(n)ia greift um sich. Wer verschläft oder schwerhörig ist, fliegt mit seinem Haus in die Luft. Walburga Hülk erzählt davon in ihrem „Rausch der Jahre – Als Paris die Moderne erfand“. Der bei Hoffmann und Campe erschienene Titel passt zum „Leoparden“ als historischer Kommentar. Salina bemerkt den Mangel an Legitimität, mit der Napoleon III. Macht ausübt. Abschätzig vergleicht er die zweifelhafte Effizienz des Franzosen mit der Trägheit des zweifellos legitimen Königs beider Sizilien Ferdinand II. Salinas Chef gerät gegenüber den nationalistischen Piemontesen unter Garibaldi zwangsläufig ins Hintertreffen. Piemont gehört zur Herrschaft der Savoyen, die außerdem Sardinien im Griff haben. Die Savoyen werden im künftigen Italien die herausragende Rolle spielen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Der Kammerherr eines nachlassenden Königs sieht die Suprematie der Savoyen kommen. Auf Deutschland übertragen, entspricht Ferdinands Position im Machtgefüge der Inferiorität diverser Dynastien im Verhältnis zu den Hohenzollern. Wer weiß, was aus dem Wittelsbacher Ludwig geworden wäre, der als König von Bayern ältere Rechte besaß als sein preußischer Gegenspieler, wenn Legitimität unter allen royalen Vorrechten (auch nach Ludwigs eigenen Staatsbegriffen) an erster Stelle gestanden hätte. Ludwig ließ sich seine Bedeutung im Fürstenspiel initiativ abkaufen.

Die bayrischen Partikularisten standen auf verlorenem Posten. Da gebärdeten sie sich patriotisch gegen die preußischen Usurpatoren.

Ich glaube, für den Leoparden Salina ist nichts wichtiger als Legitimität. Er wähnt sich nicht im Besitz der besseren Mittel im Vergleich mit der politischen Konkurrenz. Er hält sich lediglich für legitimer im Rahmen der alten Ordnung, die von Repräsentanz ausgeht und eben nicht von dem zufälligen Können des einzelnen Potentaten.

Die Position steht über der Person.

Giuseppe Garibaldi rumort in den Kulissen. Das Risorgimento, die nationalstaatliche Vereinigung der italienischen Fürstentümer, entfaltet seinen Furor wider den separatistischen Neigungen provinziell-irrlichtender Potentaten.

Don Fabrizio Corbera sagt dem Sinn nach: Es ist noch nichts Besseres erfunden worden als die Monarchie. Er verachtet die Durchstechereien seines „liberalen“ Verwalters, eines Protagonisten der bürgerlichen Emanzipation wider dem Adel. Don Ciccio Ferrara existiert außerhalb des Darstellungsreichtums seines Schöpfers. Er taucht als „hageres Männchen“ auf; Tomasi speist den Leser mit ein paar Pinselstrichen ab. Er denunziert den Buchhalter als mediokren Grenzgänger. Tomasis Interesse gilt dem von den Kalamitäten der Gegenwart verschnupften Fürsten, der eine Art Schutzbrief in unsicheren Zeiten erwartet. 

Der Untergebene erscheint am Vorabend eines Umsturzes als Mann des Volkes überlegen, aber auf eine lächerliche Weise. Die erniedrigenden Begleitumstände des Bedeutungszuwachses halten Ferrara nicht davon ab, sein Portfolio zu vergrößern. Er überschreitet gerade den Rubikon zwischen verstohlener Unterschlagung und offenem Diebstahl.

Wieder braucht Tomasi nicht viel, um eine Metamorphose im Sozialen zu schildern. Wieder stören die parteiischen Charakterisierungen der Antagonisten nicht. Wer sich als Leser gegen den Fürsten einnehmen lässt, hat erst mal nichts, wovon er ausgehen kann. Da ist im Übrigen nur Gewimmel.

Um an einer anderen Stelle weiterzumachen. Don Fabrizio Corbera, der Fürst von Salina, ist zu keinem Zeitpunkt des Tages und der Nacht allein. Subalterne, die Großmut verlangen, spiegeln Salinas Existenz. Insofern gleicht Tomasis Held einem König am Ende der Monarchie. Die Bücklinge sind mit dem Wind. Die Zukunft zeigt Salina den schlimmen Finger. Trotzdem ist der Hausherr nicht weg vom Fenster. Es sieht so aus, als wollten auch die Günstlinge der Zukunft nicht auf den Fürsten verzichten.

Natürlich möchte sich Salina nicht zufriedengeben und sich nicht abspeisen lassen. Er will seinem Rang entsprechend leben oder sterben und nicht als Großgrundbesitzer bloß großbäurisch dahinvegetieren.

Tomasis Genie zeigt sich da, wo es ihm gelingt, den gefesselten Fürsten auf einem Silbertablett der Narration zu servieren. Die Bindung der anderen (an die Konventionen) setzt Salinas Bindung vorbildlich voraus.

Joyce verdoppelt sich im „Ulysses“. Stephen Dedalus trägt die schöne Jugendstirn eigensinnig zur Schau. Leopold Bloom verkörpert den gehörnten Narren, der sich seelisch von Kleinanzeigen ernährt und seiner Frau Molly als Beispiel für die fadeste Impotenz dient. Joyce spaltet einen Dubliner Bürger in alt und jung, in hochfahrend und gedimmt.

Tomasi macht das Gleiche mit seinem aristokratischen Ahnen. Das Gegenstück zum alten Fürsten ist der junge Tancredi: Salinas Mündel und Neffe. Tancredi holt die feudalen Kartoffeln aus dem republikanischen Feuer, das Garibaldi entzündet hat. Er bleibt Reaktionär, insofern er Privilegien zu bewahren sucht. Progressiv ist er nur in der Wahl seiner Mittel. Tancredi marschiert beim Feind mit und betreibt Verzahnung im Rahmen einer False Flag-Operation.

Dieser Aufwand degradiert den Fürsten zum Statthalter. In dieser Rolle schwadroniert er zur Beruhigung der Damen über die Mäßigkeit der Bewaffnung des Feindes. Entgegen landläufiger Annahmen ging der Fortschritt bei Schusswaffen lange von zivilen Innovationen aus. Hochstehende Jäger ließen sich von Büchsenmachern immer bessere Gewehre bauen, während die regulären Truppen mit überholter Technik ins Feld gejagt wurden.

Salina erwähnt das nebenbei, so selbstverständlich erscheint die Menschenverachtung hinter der Kontinuität. Da verbirgt sich auch der Grund für die verschleppte Entwicklung mehrläufiger Apparate. Der feudale Lustschießer ließ sich von seinen Domestiken ein schussfertiges Gewehr nach dem nächsten reichen.

Salina erläutert beim Mittagessen, der wichtigsten Mahlzeit in seinem Haus, der Familie „die geringe Leistungsfähigkeit … der Gewehre“. Er spricht „vom mangelnden Drall der Rohre dieser riesigen Schießprügel und von der geringen Durchschlagskraft ihrer Geschosse“.

Dann wird eine Rumgeleetorte serviert, Tochter Carolina fiel vorher eine Locke aus dem Gesicht „auf den Teller“.

Der Nachwuchs sitzt da mit falschen Locken und begreift gewiss kaum, was der väterliche Haushaltsvorstand zum Besten gibt. Wer da gegen die Regulären des Königs beider Sizilien vorgeht, ist ein Graf von Savoyen (Sardinien und Piemont), dessen Vorgänger sich zu behaupten wussten nicht zuletzt mit einem (von Machiavelli empfohlenen) stehenden Heer (im Gegensatz zu Mietkriegerverbänden), das noch im Jetzt des Romans den Grundstock der italienischen Streitkräfte sichern wird. Und diese Sieger der Geschichte sind so schlecht in Schuss, dass sich Salina darüber mokiert.

Die Vollständigkeit des Panoramas überwältigt. Tomasi beweist seinen Epochenblick im Detail. Wer für ein Amt geboren wurde, das er nicht er nicht ausübt, erscheint den Zeitgenossen so zweifelhaft wie ein Abtrünniger. Tomasi delegiert Manifestationen des Machtverlustes an Salinas Stammhalter Paolo, den Herzog von Querceta. Mit Paolo komplettiert sich eine Dreifaltigkeit: Tancredi repräsentiert die Zukunftsfähigkeit der Salinas. Paolo dient der Illustration eines rückwärtsgewandten Illusionismus als Prügelknabe. Der Fürst steht dazwischen und verteilt Noten. Ihm erlaubt Tomasi Paolos Vernichtung als Nachfolger:

„Die persönliche Eifersucht, das Ressentiment des braven Frömmlers gegenüber dem vorurteilsfreien Cousin, des Trottels gegenüber dem Geistreichen (tarnt) sich mit politischer Argumentation.“

Der vital alternde Opportunist Salina lässt seinen Sohn genauso fallen wie seinen König. Er stiftet der Loyalitätselastizität des europäischen Adels gelungene Beispiele. Als geborener Äquilibrist der Macht neigt er sich automatisch zur richtigen Seite. Auf halber Strecke entledigt er sich des Deppen von seinem Samen. So weist er Tancredis Kritiker in die Schranken:

„Besser Dummheiten machen, als den ganzen Tag nur immer die Pferdekacke betrachten. Tancredi ist mir lieber denn je.“

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