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29.12.2019, Jamal Tuschick

Der Blaumann als Lebensform

Kurz vor Kehraus erzähle ich Euch noch schnell eine Geschichte aus dem Prenzlauer Berg. Da gibt es eine Kneipe ohne Namen. Die Kneipe habe schon so viele Namen gehabt, heißt es in verschiedenen Tonfällen. Deshalb braucht sie keinen mehr. Sie sei auch schon an vielen Stellen gewesen. Man ist sich trotzdem sicher, dass es sich um ein und dieselbe Kneipe handelt. Eine Erklärung dafür liefert das Publikum. Es setzt sich zumindest an einem Tisch zusammen aus Leuten, die immer schon in diese Kneipe gegangen sind, egal, wie sie gerade hieß und egal, wo sie gerade war. Natürlich kam die Kneipe niemals aus dem Prenzlauer Berg heraus. Während kein Gast aus der Gegend gebürtig ist. Man wurde sonst wo geboren, in Pankow, in Mitte oder an der Mulde in einem sächsischen Dorf und stieg dann in den Berg ein. Wichtig ist, wann das war.

Vor einem halben Jahr nahm mich einer, den ich gelegentlich schon in der Kneipe ohne Namen gesehen hatte, in eine gesellige Runde auf. Seine Art erinnerte mich an Gewerkschaftler in meiner Jugend: handfest & gemütlich. Der Blaumann als Lebensform.
„Ich bin der Klaus und was trinkst du so.“
Ich quatschte mit halbem Ohr mit. Die Unterhaltung brauchte mich nicht. Ein Mann, klein und kompakt, suchte Anschluss. Sein Auftritt strotzte vor Zugehörigkeit. Ich dachte trotzdem an ein Trojanisches Pferd als Honigkuchen.
Klipp und klar gab ihm Klaus Bescheid: „Mit dir rede ich nicht.“
Er meinte, mir die Ablehnung erklären zu müssen. „Der ist Stasi, der hat hier ganz schön mitgemischt.“
Ich bin Einzelgänger und an Grenzfällen interessiert. Ich sagte: „Ich rede mit dir.“
Der Mann lachte, um zu zeigen, dass er mich nicht nötig hatte. Er stemmte die Ellenbogen auf den Hochtisch, einem schwungvollen Ausläufer des Tresens. Er war mir auf Anhieb sympathisch. Vermutlich sagte er seinen Namen, den habe ich vergessen. Ich nenne ihn Willi. Willi suchte produktiven Streit, offenbar fühlte er sich von der Ablehnung angenehm herausgefordert. Er bestand auf eine Auseinandersetzung, in der Klaus bald den Rückwärtsgang einlegte.
Klaus war so sehr im Recht, wie man nur sein kann. Die Kneipe stand wie ein Mann hinter ihm. Willi brachte „Die Kritik der reinen Vernunft“ an, er warf Klaus eine „unwissenschaftliche Betrachtungsweise“ vor.
Willi kreuzte die Arme wie ein alter Ringer. Er ließ keinen Zweifel daran zu, dass er mit sich im Reinen war.
„Ich war Offizier der Staatssicherheit.“
Die Sieger der Geschichte hielt er für vorläufig, er zitierte Fatzer: „Von nun an und für eine lange Zeit wird es auf dieser Welt keine Sieger mehr geben.“
Ich half mit Heiner Müller aus: „Das Scheitern, das den Siegern bevor steht.“
*
Gestern Abend sah ich Willi wieder in der Kneipe ohne Namen. Ich fand es selbstverständlich, mich zu ihm zu setzen. Erst jetzt fällt mir auf, dass er bis dahin allein gesessen hatte.
Andere greifen in der Kneipe zur Gitarre oder setzen sich an ein Klavier, ich bin Kneipenkrauler. Blau werde ich zum Trockenschwimmer. Dazu sind Steigerungen möglich. Ich zeige auch gern, wie man eine imaginäre Hantel optimal zur Hochstrecke bringt. Doch soweit war es noch nicht. Ich befand mich in einem Stadium, in dem es mir reicht, über Sport zu sprechen. Ich behauptete, dass in der DDR im kubanischen Stil geboxt wurde.“
Willi korrigierte: „Der erste Trainer der Kubaner kam aus der DDR, das war Kurt Rosentritt. Der hat den Kubanern das Boxen beigebracht und Teofilo Stevenson entdeckt.“
So ging das den ganzen Abend. Ich wusste was, Willi wusste es besser. Selbst da, wo ich zuhause bin, überblickte er die Kontinente.

Da er zum resignativen Typ nicht taugt, hat sich Willi auf Fatalismus verlegt. Das einzige, was Willi wirklich wurmte so kurz vor dem nächsten Frühjahr, war der „lieblose Zustand“ der Hecken vor dem ehemaligen Gaswerk an der Danziger Straße. Die wären unter Honecker mit größerer Sorgfalt gestutzt worden.

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