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31.12.2019, Jamal Tuschick

Víctor Dalmau verkörpert den Prototyp der historischen Assistenzfigur als Sidekick von Pablo Neruda und Salvador Allende.

Bonvivants in Breeches

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Der Spanische Bürgerkrieg stellt die Weichen ihrer Leben. Als Gezeichnete gehen sie aus der Niederlage der Republik hervor. Sie schließen sich zusammen in einem Überlebensbündnis. Dies geschieht in Frankreich unter entwürdigenden Bedingungen. Die Pianistin Roser und der als Sanitäter im Krieg seelisch verbrannte Medizinstudent Víctor kombiniert ein Toter. Víctors gefallener Bruder, von dem Roser schwanger ist, liefert den Dreh- und Angelpunkt eines Arrangements, das transkontinental vierzig Jahre in Gang gehalten wird.

Einigermaßen willkommen

Roser und Víctor besiegeln ihre Notgemeinschaft mit einer Ehe. Víctors Neffe erscheint in der Konstellation als gemeinsames Kind. In dieser Verfassung ergänzen die Dalmaus ein Kontingent von zweitausend Flüchtlingen, die auf dem umgebauten Frachter Winnipeg den Atlantik überqueren und in Chile einigermaßen willkommen geheißen werden. Ihre Freiheit verdanken sie Pablo Neruda, der als Sonderbotschafter in Paris die Auswahl traf und dabei über die Anweisungen hinaushandelte. Als Antifaschist von internationalem Glanz begleitet er den Exodus mit ähnlichen Befürchtungen wie die meisten auf dem überladenen Schiff.

Isabel Allende, „Dieser weite Weg“, Roman, aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 384 Seiten, 24,-
Isabel Allende nennt Chile einen „Strich auf der Landkarte“. Das Land erweist sich für die Einwanderer als Glücksfall und umgekehrt. Drei Jahre nach Ende des II. Weltkriegs sind die Dalmaus in der gehobenen Mittelschicht angekommen. Víctor bleibt im Klinikdienst, wenn Roser und Marcel jedes Jahr für vier Wochen eine Strandhütte beziehen. Allende erzählt das schnurrig. Sie freut sich mit Víctor über „Junggesellenfreiheiten“. Der Arzt kann helfen, als der mit Haftbefehl gesuchte Senator Neruda einen Unterschlupf braucht. Víctor beherbergt Pablo, der in der Abgeschlossenheit des Apartments vulkanisch am Rad dreht. Der Hausherr versorgt einen ausgesprochen anspruchsvollen und in keinem Fall zurückhaltenden Gast.

Neruda fürchtet sich nicht vor der „Blutsaugern“ an der Macht und ihren Erfüllungsgehilfen. Der Dichter feiert seinen unbegründeten Optimismus. Er schwelgt in der Wanne eines Riesenegos. Er ist ein kolossaler Verbraucher – ein Gierschlund.

„Das Eingesperrtsein (macht) Neruda wahnsinnig.“

Seine Pariser Interventionen haben „das Land mit einem Schatz an Talenten … bereichert“. Republikanische Spanier schlagen die große Glocke der Weltgeltung auf ihren Fachgebieten. Víctor begleitet Neruda auf dessen Flucht nach Argentinien. Man reitet durch den Regenwald, befangen in einem Zwiespalt zwischen innerer Einkehr (angesichts einer überwältigenden Natur) und der Angst im Nacken.

Die Häscher sind schnell unterwegs. Das sind keine Lyriker; keine in eine Revolte gestolperten Träumer; keine Bonvivants in Breeches. Zum zweiten Mal bewegt sich Víctor in der Aura von Kampfhandlungen, immer noch mit dem Habitus des Amateurs, der vor jedem Wasserfall zum Landschaftsmaler impressionistischer Provenienz werden möchte. Das knarrende Sattelzeug, die Ausdünstungen einer zwischen Zeugung und Verwesung freidrehenden Vegetation, die Silhouetten und Profile der Landschaftsreliefs stimmen ihn wie ein Instrument.

Neruda trimmt sich um auf Miguel Ángel Asturias Rosales und vergnügt sich weiter als guatemaltekischer Schriftsteller, Diplomat und zukünftiger Nobelpreisträger.

Víctor weint ihm zum Abschied ins Ohr:

„Die Regierungen wechseln, die Dichter bleiben.“

Als sei Neruda der Tröstung bedürftig. Das ist lächerlich. Umstürze, überstürzte Abgänge, wüste Verfolgungsjagden gehören zur Gymnastik & Diät eines politischen Dichters, der unmöglich rechts sein kann. Ich rede von Mesoamerika im 20. Jahrhundert und von seinen Junta-Establishments. Auf dem Despotenthron hält sich vorübergehend überall ein bleistiftdünner Schnurrbartträger in einer Operettenuniform.

*

Die Jahre vergehen. Roser und Víctor lassen sich Raum für erotische Ausflüge in ihrer Kameradschaftsehe. Beide altern passabel. Víctor bleibt am Puls der Zeit. Er verkörpert den Prototyp der historischen Assistenzfigur auch als Schachgegner von Senator Allende.

Auf dem Weg zur Macht nahm Salvador Allende fast vierzig Jahre Anlauf.

Bald mehr.

Links Miguel Ángel Asturias Rosales - Der guatemaltekische Nobelpreisdichter als junger Poser. Rechts Pablo und Matilde Neruda - ein Arrangement aus Womanizer und Ehefrau.   

Im pazifischen Feuerring

Pablo Neruda - Zum Schluss wollte er nur noch Franco überleben

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„Die Regierungen wechseln, die Dichter bleiben.“ - Pedro Aguirre Cerda (1879 – 1941) war ein begeisterungsfähiger Mann. Als Pablo Neruda 1939 auf die prekäre Lage der im Spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikaner aufmerksam machte, wollte der chilenische Präsident - als Vorreiter einer enthusiastischen Willkommenskultur - seinem dichtenden Botschafter in Paris Carte blanche geben. Der Mitte-links-gemäßigte Aguirre war ein Jahr zuvor unter spektakulären Umständen an die Macht gekommen. Gegen den entscheidenden Rivalen, einem konservativen Kandidaten, hatte er sich um Haaresbreite durchgesetzt. Aguirre musste auf die Reaktion in seinem Land Rücksicht nehmen. Zumal die katholische Kirche, aber auch starke antidemokratische Kräfte, wie das im Selbstermächtigungsmodus agierende Movimiento Nacional-Socialista, organisierten Einschränkungen der präsidialen Großzügigkeit. Schließlich sollten nur noch Leute kommen, die zum Aufbau der (von einem Erdbeben erschütterten chilenischen Infrastruktur) beitragen konnten. Das Land im Pazifischen Feuerring brauchte Handwerker. Neruda, der als Antifaschist selbst auf der Flucht war, gewährte aber auch Künstlern das Ticket in die Freiheit. Gemeinsam mit den von ihm Geretteten bestieg er am 26. August 1939 in Trompeloup einen umgebauten Frachter namens Winnipeg.

Zweitausend Geflüchtete an Bord  

Auf der Winnipeg herrscht drangvolle Enge. Intimität ist ausgeschlossen. Das Schiff verwandelt sich in der Wahrnehmung seiner Passagiere von einem Gegenstand sehnsüchtigster Erwartungen in einen höllengleichen Glutofen. Die hygienischen Bedingungen streifen das Katastrophale. Kloake tritt aus. Der Gestank tötet die Unbefangenheit. Die politischen Gegensätze der gegen Franco vereinten, als Flüchtlinge wieder individuell dilettierenden Ex-Brigadist*innen erzeugen Spannungen. Dem reaktionären Kapitän trauen die Kombattant*innen eine Umkehr nach Frankreich zu. Viele glauben, er suche nur einen Vorwand zum Abbruch der Mission.

Isabel Allende, „Dieser weite Weg“, Roman, aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 384 Seiten, 24,-
Liebespaare ziehen sich in ein entlegen stationiertes Rettungsboot zurück. Es bildet sich eine Allianz zum Schutz der Zweisamkeit. Um nicht aufzufliegen, nutzt auch das in einer Scheinehe verbundene Pseudopaar Roser und Víktor Dalmau den Rückzugsraum. Unwillkürlich kommen sich Roser und Víktor da plaudernd näher. Sie war die Geliebte des Bruders ihres Ehemanns. Hochschwanger erfuhr sie vom Tod des Erzeugers. An dessen Stelle markiert nun Víctor den Vater.

Schlank ist unser Vaterland/ und auf seiner blanken Messerklinge/ flammt unsere liebliche Fahne. Pablo Neruda, Das Meer und die Glocken

Jedes Kapitel überschreibt ein Vers des Dichters, um den sich die Handlung dreht. Im chilenischen Parlament werden Brandreden gegen das Flüchtlingsaufkommen gehalten, man rechnet mit „Roten, Atheisten und mutmaßlichen Verbrechern“, als die Winnipeg am chilenischen Nordkap vor Anker geht.

Víktor rechnet mit den Einladungen einer eruptiven Vegetation, nur um eine Ähnlichkeit der Gegend mit der Sahara festzustellen. Er kommt nicht dazu, seiner Enttäuschung auf den Grund zu gehen. Bürokraten tauchen an Bord auf. Ramón Huidobro, einer der Regierungsvertreter, avanciert in den 1950er Jahren zu Isabel Allendes Stiefvater.

Die Winnipeg erreicht Chile am 3. September 1939. Während das Schiff vor Anker geht, erklären England und Frankreich Deutschland den Krieg. Unter den Aktivist*innen des Willkommens mischt sich auch ein Arzt aus Valparaíso. Salvador Allende bringt sich auf den neusten Stand. Zwar sagt Víctor Dalmau das nicht zu einem Präsidenten der Zukunft, aber er sagt doch:

„Was wir in Spanien durchgemacht haben, ist die Blaupause für das, was Europa bevorsteht. Die Deutschen haben ihre Waffen an uns getestet.“

Immer wieder kommt Isabel Allende auf die Verfassung des Bündnisses zurück, das Roser und Víctor unter den Vorzeichen einer Ehe schützt. Gewiss, Roser profitiert von dieser Konstellation mehr als Víctor, aber auch Víctor zieht aus der Beziehungstiefe die Seltenen Erden des Unverbrüchlichen. Weil er so wichtig für die Versorgung des Sohnes seines Bruders ist,

„sie liebt Víctor für dessen Liebe zu ihrem Sohn“,

ist er auch so wichtig für Roser, dass für die Erhöhung der körperlichen Spannung, die Freigabe der Anziehungskraft, die Sternschnuppenregen der Verheißung nicht die Totenkopfflagge der Kaperfahrer aufgezogen werden muss. Roser sorgt dafür, dass sich ihr Beschützer nicht wie ein Freibeuter und Verräter (seines Bruders) vorkommt; da er wieder einmal, vorgeblich gedankenlos, die Taille der „Kameradin“ in einen Arm spannt.

Noch drängt Roser nicht zu offen in die einzige Richtung, die der Sache Aussicht auf Bestand gibt.

Roser ist tough. Sie ergibt sich keinem Trug und verbietet der Sentimentalität den Zutritt. Was nicht lebbar ist, gehört auf den Kompost des Lebens, so sagt es „ihr unbestechlicher Pragmatismus“.

Kein „lähmender Groll“ entwickelt sich in ihr.

„Heiß und trocken lastet der Sommer auf Santiago.“

Überall steigt das Unerwartete in die Bütt. Víctor amüsiert eine Beamtengattin bis zur Untreue; Ofelia erkennt in ihm „den Mann ihres Lebens“. Sie begreift überhaupt nicht, wie gebunden dieser ausländisch-angejahrte Medizinstudent und Grottenolm der Gastronomie ist.

Isabel Allende schildert Rosers Stellungnahme zu dieser Verschiebung in ihrem Überlebensgefüge als „Reaktion auf der Haut“. Die Empörung sucht ihren schwächsten Ausdruck.

Víctor spielt mit den Zahnstochern ihrer Existenz. Ofelias familiärer Hintergrund bildet sich auf dem chilenischen Nationalhorizont ab.

Dem Sinn nach erklärt Roser:

Wenn das rauskommt, bewegt uns Ofelias Familienbande mit Arschtritten ins Meer.

„Es kommt nicht raus.“

„Alles kommt raus.“

Genau. Nichts lässt sich schlechter bewachen als ein Geheimnis. Isabel Allende umkreist den Topos der in der Inanspruchnahme falsch gewordenen Freiheit. Víctors Freiheit als Scheinehemann erschöpft sich in der theoretischen Nutzung. Er geht fremd im guten Glauben an alles Mögliche.

Hier beweist sich einmal mehr der Nutzen von Literatur. Keine andere Kunst oder Wissenschaft kann beschreiben, was zwischen Roser, Ofelia und Víctor zur Debatte steht.

Chile bleibt bis kurz vor Schluss neutral – „Wozu Stellung beziehen und riskieren, dass man sich irrt“.

Ofelia zieht sich eine Schwangerschaft zu, weil sie Víctors Umsicht überschätzt.

„Für ihn hatte es Lust ohne Risiko gegeben, für sie nur Risiko ohne Lust.“

„Die Regierungen wechseln, die Dichter bleiben.“ - Pedro Aguirre Cerda (1879 – 1941) war ein begeisterungsfähiger Mann. Als Pablo Neruda 1939 auf die prekäre Lage der im Spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikaner aufmerksam machte, wollte der chilenische Präsident - als Vorreiter einer enthusiastischen Willkommenskultur - seinem dichtenden Botschafter in Paris Carte blanche geben.  

Weißes Vorrecht

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Der angehende Arzt Víctor Dalmau gehört als Parteigänger der Republik zu den Verlierern des Spanischen Bürgerkriegs. Seine Freiheit verliert er in Frankreich. Er gerät in das Lager Argelès-sur-Mer, wo vor allem Kombattanten der Ejército Popular de la República (EPR) interniert sind. Freund Hein räumt auf. Die Reihen lichten sich. Einige verziehen sich in die Fremdenlegion, weil es sich selbst unter Ausgestoßenen besser sein lässt als an dem „höllischen Strand“ in einer südfranzösischen Idylle. Dalmau glückt der Absprung nach Paris. Er trifft die hochschwangere Braut seines gefallenen Bruders, eine überwältigende Pianistin, und konsultiert Pablo Neruda, der als chilenischer Botschafter wie ein römischer Konsul schalten kann. Der Dichter rät zur Scheinehe. Das erzählt Isabel Allende in ihrem neuen Roman „Dieser weite Weg“.

„Auf der Landkarte war Chile nur ein weit entfernter Strich.“

Roser heißt die flamboyante Klavierspielerin, die Víctor heiratet, um mit ihr und dem Marcel seines Bruders eine Notgemeinschaft zwischen Verzweiflung und Leidenschaft zu bilden. Das ist der Dreh des Überlebens auf allen Ebenen der sinnlichen Auffassung. Familien haben Vorrang. Neruda lädt auftragsgemäß „nützliche“ Migranten ein, zählt dazu aber irregulärer Weise auch Künstler und Intellektuelle.

Im Gespräch bezeichnete Isabel Allende die Fähigkeiten der Migranten als einen Schatz, den Chile heben durfte.

Am 4. August 1939 gehen die Dalmaus in Pauillac-Trompeloup an Bord der weltberühmten „Winnipeg“.

Dalmau verlässt das blutende Europa als Ehemann der Geliebten seines gefallenen Bruders und als angeblich leiblicher Vater seines Neffen.

Marcel führt eine Backpacker-Existenz, allerdings im selbstgenähten Rucksack der Mutter, die unter dem Bordgestank leidet. Unter den Bewunderern der Virtuosin befindet sich ein Korkeichenpflanzer, der entschlossen war, die Chile mit der Korkeiche vertraut zu machen.

Dem Kork katalanischer Eiche sagt man eine sagenhafte Qualität nach. Geerntet wird wie seit zweihundert Jahren eh und je. 

Die Frau des Pflanzers kommt über Rosers filigranen Finger nicht hinweg.

An Deck bricht Gegnerschaft aus. Die Nivellierung der Differenzen im Kampf gegen Franco hat die Gräben vertieft. Als die Flüchtlinge vom „Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich“ erfahren, muss manche Meinungsflamme erstickt werden, um den Frieden auf hoher See zu wahren. 

Man belauert sich gegenseitig. Viele Matrosen sind Kommunisten. Ihnen ist der Kapitän ein Dorn in Auge. Im Gegenzug traut der konservative Chef der Mannschaft nicht.

Allende schildert toxische Verhältnisse, weit entfernt von dem aktuellen Dekolonisierungsprogramm. Die Freiheit ist immer noch ein weißes Vorrecht. Neruda lässt eine Broschüre verteilen, in der es heißt: „Dreihundert Jahre lagen spanische Eroberer beständig im Krieg mit den unbeugsamen Araukanern.“

Was die Spanier im Land der Araukaner zu suchen hatten, sagt die Broschüre nicht. Was sagt das über Neruda?

Lassen Sie uns kurz über die Araukaner sprechen.

Es gab sie vom Río de la Plata bis zu den bolivianischen Anden und überall sprachen sie dieselbe Sprache. Manche lebten nomadisch, andere bäurisch. Sie zeigten den verblüfften Eindringlingen keine Mangelerscheinungen. Sie strotzten in ihren Lederstrümpfen. Ihre Hauptwaffe war die Bola*. Krieg interessierte nicht. Kam es zum Streit, bot jede Partei hundert Reiter auf, die nach dem ersten Ausfall den Rückzug antraten. Jeder Friede wurde mit einem Fest gefeiert.

*Die Schleuder (Bola) ist ein einfaches Ding. Zwei in Beuteln verwahrte Steine sind mit einem Riemen verbunden. Der Jäger nimmt einen Stein zur Hand und schwingt den anderen Stein am Riemen erst über dem Kopf. Dann schnellt er die Waffe im Ganzen nach einem Gegenstand.

Nationales Symbol

Salvador Allende gibt dem chilenischen Nationalgenie ein arabisches Aussehen. Nerudas letzter Ehrgeiz war, nicht vor Franco zu sterben. Zehn Monate bevor Pinchot Salvador Allende entmachtete, ehrte man Neruda in jenem Fußballstadion, dass dann zum Internierungslager für die geschlagenen Verteidiger*innen der Demokratie wurde. Nun erlebt Dalmau zum zweiten Mal eine faschistische Übernahme. Er spielt Schach mit S. Allende, als der Präsident noch glaubt, die Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte auf seiner Seite zu haben. Kurz darauf erkennt S. Allende seine Lage. An einem „historischen Scheideweg“ gibt er seinem Leben die Bedeutung eines nationalen Symbols. 

Die kurzen Sommerhosen der Anarchie

Als chilenischer Konsul in Paris verhalf Pablo Neruda im spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikanern zu einer Passage in die Freiheit. Er wählte nach Vorgaben seiner Regierung aus, interpretierte das Reglement aber frei heraus. Seine Vorliebe für Künstler*innen verstärkte die chilenische Kulturbasis. Nerudas politisches Engagement bildet das Kernstück in Isabel Allendes angenehm leichtgängigen Roman „Dieser weite Weg“.

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Der republikanische Standpunkt

„Wir schreiben Geschichte, wir fegen den Feudalismus fort … wir sind ein Vorbild für Europa.“

Alle Entscheidungen werden in Sekundenschnelle getroffen. Liegen lässt man (auf dem kalten Steinboden des Estació del Nord von Barcelona), wem nach ärztlicher Einschätzung nicht mehr zu helfen ist. Der Franquismus ist auf dem Vormarsch und mit ihm die Protagonist*innen einer Gegenrevolution. Die Falangist*innen betrachten sich als Zukunftsmacher*innen. Ihre Bewegung manifestiert sich zwar erst seit 1933 auf der Straße. Doch nahm sie bis dahin einen langen Anlauf. Ihr restaurativ-aufständisches Erbe wird sie durch alle Phasen des Franco-Regimes tragen, sie wird mit Vorbehalten im liberal getünchten Machtspiel eines Militärdiktators bleiben, der sich als Shōgun seines Königs begreift und legitimiert.

Der Verlust des Verbliebenen

Man nannte sie die Achtundneunziger. Ende des 19. Jahrhunderts verliert Spanien seine letzten überseeischen Territorien und damit seine Identität als raumgreifender Staat. In der Krise eines zerfallenen Imperiums bildet sich im Zusammenhang mit dem Jahr 1898 ein Generationsbegriff. Kuba, Puerto Rico und die Philippinen fallen von Spanien ab. Das Mutterland muss sich selbst genügen – auch als Schlachtfeld politischer Experimente. Es schwankt zwischen einer Monarchie und der 1930 endenden Diktatur von Miguel Primo de Rivera. Der Totalitäre setzt in Marokko Senfgas ein. Seine Kinder (der früh sterbende) José Antonio und (die ihren Bruder lange überlebende) Pilar gründen die faschistische Falange und schließen sich Franco an.

Der Caudillo kapert einen Revolutionszug, indem er sich an dessen Spitze stellt. Sein „Allerweltsgesicht“ verbirgt ein „kaltes, rachsüchtiges und brutales Wesen“. So schildert Isabel Allende Franco in ihrem neuen Roman. Die chilenische Autorin erzählt von einer Zeit „voller entfesseltem Hass, Rache und Terror“. Massenhaftes Blutvergießen folgt einem politischen Kalkül.

Schnullersoldaten

In dem irdischen Fegefeuer beweist ein republikanisch-idealistischer Sanitäter Fingerspitzengefühl bei der Wiederbelebung eines aufgegebenen Schnullersoldaten. Víctor Dalmau rettet auf dem Nordbahnhof ein halbes Kind, dass für ihn namenlos bleibt, während es den Namen seines Retters in Erfahrung bringt und sich als Schriftzug auf die Brust tätowieren lässt.

Dalmau erinnert eine Wunde wie gemalt.

Er assistiert bei „Amputationen ohne Betäubung“; er tritt als Arzt auf, um den Verletzten „Sicherheit zu geben“. Endlich zerspringt sein Herz und sein „inneres Wesen“ tritt aus, um vor seinen Füßen im Dreck zu verglibbern.

„Massenflucht der Unerwünschten“

Nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen wurde, bleibt den Geschlagenen nur noch die Flucht über die Pyrenäen nach Frankreich. Das Erzählerauge schwenkt von Dalmau zu dessen Bruders hochschwangerer Braut. Unwirsche Köhler bieten ihr ein Nachtlager unter Wölfen. Allende setzt die Mittel des Abenteuerromans ein. Sie erzählt, was Flüchtlingen besser schmeckt als das „Kriegsbrot“, das in Barcelona gebacken wurde. Der Schmuggler im Stück verrät sich mit seiner Erscheinung und spricht wie auf der Bühne:

„Du kannst ruhig schlafen … Ich bin Schmuggler, kein Mörder.“

„Sie tranken noch einen trüben Kaffeeersatz.“

Ich will nicht, dass Sie den Roman zu kritisch betrachten. Er behält einen flüchtigen Reiz, man könnte so viel dazusetzen … „sie wanderten Stunde um Stunde, kämpften sich durchgefroren und schwer atmend durch den Schnee“.

Auf der französischen Seite kassiert Gendarmarie die Wanderer ein und kaserniert sie fürs Erste in einem überfüllten Heuschober.

In der Gegend von Latour-de-Carol stranden im Februar Neununddreißig massenhaft Kombattanten in den kurzen Sommerhosen der Anarchie. Die weggebrochene katalonische Front (26. Abteilung), alles in allem zwölftausend Mann, drängt nach Frankreich. Viele werden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie.

Allende spricht „von einer Massenflucht der Unerwünschten“, die auch mit senegalesischen und algerischen Auxiliartruppen zu Pferd kanalisiert wird.  

Die Häuser sind rot. Rot ist eine bourgeoise Farbe in Frankreich: die Farbe des bürgerlichen Selbstbewusstseins. La ville rose nennt man Toulouse. Die Stadt wuchs um ein rotes Rathaus herum.

Kommt man von der französischen Seite, fährt man entlang der Ariège, die ihrem Raum den amtlichen Namen gibt. Hier leben Leute, die Okzitanisch sprechen. Hinter Perpignan verläuft die Grenze nicht weit vor Portbou: Walter Benjamins Endstation.

...

Dalmau folgt seiner Beinahschwägerin in einem Sanitätstross.  

Links der Spanische Bürgerkrieg nach Enzensberger als Aporie der Avantgarde und Lehrstück der Vergeblichkeit mit weggebrochenen Frontabschnitten, gebrochenen Versprechen und einer tragisch kolorierten Massenflucht ohne Happy End. Rechts der Spanische Bürgerkrieg nach Hemingway - Wem die Stunde schlägt - als Arena der persönlichen Bewährung und Spielplatz für Kommandounternehmen zwischen Brückensprengungen und Liebesabenteuern. Enzensberger Anarchisten sehen bei Weitem nicht so gut aus wie Ingrid Bergman und Gary Cooper im Einsatz für die Freiheit. 

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