MenuMENU

zurück zu Main Labor

31.12.2019, Jamal Tuschick

Kailash lebt in einem Wirbelsturm der Übereinstimmung. Unter der Ägide von Professor Ehsaan, dessen Intellektualität klingenscharf ist, liest der Inder in New York Edward Said, Assia Djebar und Anton Shammas. Eine Kommilitonin erklärt, dass „es für eine Frau gar kein Exil gibt. Wenn Frauen ihre Heimat verlieren und woanders leben, folgen ihnen die Sitten des alten Landes dorthin.“ Nach außen feiern sie die Freiheit des Westens. Privat bleiben sie ihren Herkunftsgesetzen unterworfen. Viele tun, was von ihnen erwartet wird, obwohl niemand sie dazu zwingen kann. Die Prägung wirkt wie eine eiserne Klammer. Wer sich von seinen Ankern löst, so das Mantra des Verzichts und so die Studierende Negin, „eine Iranerin, die in Los Angeles aufgewachsen war“, läuft Gefahr, Treibgut zu werden und an einem fremden Strand zu verkommen.

Anlaufstelle mit Sogwirkung

Eine radikale Vergangenheit verschafft dem Pakistani Ehsaan einen besonderen Nimbus unter den Studierenden aus dem Globalen Süden. Sie erkennen in dem Professor einen Freiheitstheoretiker und Fortschrittsmotor auf den Strecken der Dekolonisierung. Ehsaan erinnert daran, dass „Palästinenser, die ihr Heimatland verließen … trotzdem die Schlüssel der Häuser aufbewahrten, die sie zwangsweise hatten aufgeben müssen.“

Amitava Kumar, „Am Beispiel des Affen“, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 318 Seiten, 23,-

Kailash begreift, dass die Wahrheit, die in der imperialistischen Logik stets die Wahrheit des Krieges ist, mit technischem Vokabular heruntergeschrieben und erträglich gemacht wird. Man bringt den Novizen bei, bestimmte Wörter an die Stelle bestimmter Empfindungen zu setzen, bis die Wörter wie Schwämme die Empfindungen aufgesogen haben. Amitava Kumar findet für diese mechanische Lösung beeindruckende Beispiele. Gemeinsam mit seinem Lieblingsprofessor stellt sich Kumars Sprachrohr Kailash die Frage: Wer kämpft und stirbt – und wer profitiert?

Er erinnert an den Marineinfanteristen Jeff Patterson, den ersten Kriegsdienstverweigerer im ersten, von Bush zum Vorteil der Ölwirtschaft geführten Golfkrieg.  

„Der Anstieg der Ölpreise verschaffte (den Konzernen) riesige Gewinne.“

Kriegsdienstverweigerer Jeff Patterson wollte kein Blut für Öl vergießen. Ich erinnere mich an einen Schulfreund, der als Wertpapierhändler bei einer Bank beschäftigt war und sich in den ersten Kriegstagen mit seinem Insiderwissen reich spekulierte. Manfred* wettete auf den steigenden Ölpreis, während Menschen starben, die keinen Zugang zu seinen Zugängen hatten. Niemand fand Manfreds Verhalten verwerflich. Nachts zog er durch die Frankfurter Clubs und schmiss mit Geld um sich. Seine Analysen waren so zutreffend wie zynisch. 

*Name von der Redaktion geändert.

Patterson ist ein Held in den Augen des Erzählers. Der Soldat störte auf Hawaii einen Startbahnbetrieb mit einer Ein-Mann-Sitzblockade. Im amerikanischen Alltag gäbe es, so Patterson „für alles alternative Energie. Nur ein Unternehmen sei von einer so gewaltigen Energiezufuhr abhängig, dass keine Alternative zum Öl funktionieren würde - und das sei der Krieg ... Dieser Krieg solle sicherstellen, dass Amerika weiter Krieg führen könne.“ 

Anlaufstelle mit Sogwirkung

An einem Wintertag von ausgesuchter Unwirtlichkeit vertieft Kailash die Bekanntschaft zu einer Studierenden mit markanten Zügen. Die beiden erfühlen sich im Ollie’s um die Ecke. Sie lassen sich Mock Duck (scharf) in dampfenden Reisbetten servieren, während der Frost um die Häuser zieht.

Nina ist klein, athletisch und von herausforderndem Wesen. Ihre Lippen bilden eine Anlaufstelle mit Sogwirkung. Ungezwungen diskutiert sie über Nagisa Ōshimas Nouvelle Vague-Klassiker Im Reich der Sinne. Kailash antwortet in einem triefenden Haiku. Nina quittiert die Dreistigkeit mit einer minimalen Entblößung.

Man ist sich einig. Das vergrößert die Unsicherheit des Minnesängers in New York. Er kauft sich Ruth K. Westheimers „Romance for Dummies“. Die Expertin „forderte einen auf, beim Sex laut zu sein“.

Leuchtende Heimsuchung

Die gegengeschlechtliche Anziehungskraft beflügelt den Geist. Sie ist eine leuchtende Heimsuchung. Das Studium flutscht. Die richtigen Ansichten für einen Nachkommen von Kolonisierten haften sich wie Staub an den Studierenden. Kailash schätzt sich glücklich, einen Ahnen vorweisen zu können, der Achtzigjährig noch nicht zu alt war, um in Begegnungen mit Agenten der Ostindien-Kompanie effektiv zu agieren. Kunwar Singh ist eine historisch verbürgte Erscheinung im Abwehrkampf gegen das Jahrtausendverbrechen Kolonialismus.

Soziales Immunsystem

Kailash stellt seine Herkunft so hin, als sei er in einer unter Feuer gehaltenen Bratpfanne gezeugt worden. Seinem amerikanischen Date präsentiert er sich als Flachlandinder, der noch nie die Apfelblüte in Kaschmir zu erleben das Vergnügen hatte.

Eingebetteter Medieninhalt

Erotisch instabil

Aus Obst macht Kailash eine große Sache. Als er von Jennifer zum Apfelpflücken herangezogen wird, gesteht ihr der aus „glühend heißem Flachland“ stammende, zum Studium nach New York gekommene Inder, „nie nördlich von Delhi“ gewesen - und folglich den indischen Apfelgebieten stets fern geblieben zu sein.

Amitava Kumar, „Am Beispiel des Affen“, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 318 Seiten, 23,-

Kailash ignoriert den Vorwandcharakter der Landpartie. Grundsätzlich delegiert er sein Erstaunen an Zurückgebliebene, so wenn er der Großmutter, einer Analphabetin, schreibt, in Amerika besäßen sogar die Müllsammler Lastwagen.

Der Roman spielt in den Neunzigerjahren. Raghu Rai ist der Fotograf des historischen Augenblicks. Der globale Süden drängt in den Fokus. Jennifer betrachtet Kailash als Quelle. Sie verspricht sich von ihm einen Wissensvorsprung.

Soziales Immunsystem

Kailash extrapoliert wie am Fließband. Er verrechnet den im Fitnessbusiness angekommene US-Gandhi-Hype mit dem pietätlosen Marktplatzmarketing in Indien.

„Lang lebe das Mahatma-Markensenföl.“

Amitava Kumar beschreibt Mechanismen der Vereinnahmung – die Fortsetzung der Ausbeutung mit anderen Mitteln. Da sein erotisch instabiler Held aber keine Anstalten macht, den privilegierten Status seiner Klasse aufzugeben, veröden die Marken der politischen Abrechnung zwischen dem kritisch Absolvierten. Dabei geht es um Gewinne und Verluste eines Landwechsels.

Ziemlich schnell übernimmt Kailash eine Reiseführerperspektive. Er verschweigt Jennifer seine Reaktionen auf ihre Impulse. Das Verschwiegene kultiviert er als Intimität. Weder die Herkunftsgesellschaft noch das aufnehmende Amerika generieren eine Erkennungssoftware für die sozialen Mutationen, die Kailashs soziales Immunsystem mit Resistenz versorgen.

Der Roman spielt in den Neunzigerjahren. Raghu Rai ist der Fotograf des historischen Augenblicks. Der globale Süden drängt in den Fokus. 

Highway of Death/Highway to Hell

Einmarsch in den Irak - „Zwei Tage nach Inkrafttreten des Waffenstillstands bombardierten … Flugzeuge von der USS Ranger Tausende von irakischen Kämpfern, die in ihren Fahrzeugen flohen. Die Straße, auf der sie fuhren, bekam den Namen Highway des Todes.“

... the bombing of Baghdad continues and we will go on with music. Grace dedicated Highway to Hell to her husband in Saudi Arabia. AFN-O 

Zum ersten Mal hat Kailash Sex. Er erwägt den Beziehungsstatus. Ist er nun „liiert“? In der Retrospektive, die dem Roman den Rahmen gibt, wird daraus eine Fußnote:

„*Orgasmen, die zwanzig Jahre zurückliegen, hinterlassen keine Erinnerung, schreibt Elisabeth Hardwick in Schlaflose Nächte.“

Kailash zweifelt an der Aussage. Doch auch seine Erinnerungen sind viel mehr Streifzüge in der Umgebung der Erregung und deren Stifterin. Jennifers alte Bude „mit dem L-förmigen Grundriss“ über einem Drugstore in einer Nebenstraße von Harlem* spielt sich zu einer Evokation auf und macht Staat, während der Sex selbst, die Körper und ihre vulkanischen Aktivitäten im Futteral einer keuschen Formulierung das verschrumpelte Aussehen eines Extrakts annehmen.

*“Holländische Pioniere bildeten im 16. Jahrhundert die erste europäische Siedlung im heutigen Harlem; 1658 formalisierte man den Namen des neuen Weilers als „Nieuw-Haarlem“ nach der holländischen Stadt Haarlem. Mit afrikanischen Sklaven baute die Dutch West India Company eine Landstraße in die üppigen Wiesen von Harlem, die sich allmählich zur berühmten Boston Post Road entwickelte.“ Wikipedia

*

Etwas, das sich wiederholt, sind Trink-Séancen.

Wieder und wieder. „Wir (trinken) Wein aus Plastikbechern.“

Sie lesen Edward Saids „Gedanken zum Exil“ in der Manier bourgeoiser Befreiungstheoretiker*innen. Kailash ist in einem Alter, das von den Zahltagen des Lebens noch nichts weiß. Jennifer wird schwanger, doch der Kelch einer Verpflichtung passiert den Novizen. Wie gesagt, Kailash sitzt da, trinkt Wein aus Plastikbechern und hört sich den Schmerztext anderer Leute an.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen