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01.01.2020, Jamal Tuschick

#FridaysforMigration - Eines Abends wechselte ich die Veranstaltung mit einem Gang über die Gasse. Ich kam aus einer „Fridays for Migration“-Performance im Foyer der Schirn-Kunsthalle und ging zu einer Cafélesung von Uwe Kolbe. Er hatte in „Sinn und Form“ debütiert. Über ihn war ein Publikationsverbot verhängt worden. Seit Dreiundachtzig veröffentlichte er bei Suhrkamp. Er schwankte zwischen Ironie und Pathos.

Die dünne Haut der Wünsche

Eines Abends wechselte ich die Veranstaltung mit einem Gang über die Gasse. Ich kam aus der Schirn und ging zu einer Cafélesung.  

Die Dinge hingen so zusammen, dass sie im Betonguss zu schweben schienen. Es gab viel Agitprop, Volksfest, Volkshochschule. Vor dem Hintergrund der Maximalforderungen von „Fridays for Migration“ fiel auf, wie sehr traditionelle Instrumente (Gewerkschaftsarbeit, Schulpolitik) im Fokus eines Widerstands standen, der seine Legitimation nicht zuletzt aus einer Abstimmung mit den Füßen bezog. „Fridays for Migration“ nahm der von Bedenken eingemauerten Mehrheitsgesellschaft Denk- und Drecksarbeit ab. Das war der Witz dabei.

„Wir sollten der Gesellschaft Aufgaben stellen, nicht Aufgaben abnehmen“, sagte unsere Vorsitzende Désirée Horowitz.

Brechts Motorenwerk

Es ging mal wieder um die Ausweitung der Kampfzone. Warum nicht Michel Houellebecq auf die Brechtlokomotive setzen? Mit seinen Allgemeinplätzen der Vitalität (dem Brecht’schen Motorenwerk) konnte der alte Augsburger die traurige Karre des Franzosen einfach anschieben. Houellebecq attestierte seinen Protagonisten, „den Verlierern der sexuellen Revolution“ … „genetisches Pech“. Bei ihm rieb eine dürftige Wirklichkeit wie mit Sandpapier die dünne Haut der Wünsche auf, die alle zieren, solange das Skelett der Hoffnungen sie gerade hält.

Houellebecq tat so, als sei er über Hoffnung hinaus. Wäre es so gewesen, hätte er nicht schreiben können. Da war also noch so ein Schauspieler mit echter Depression.

„Platten hören war mal eine Lösung. Basteln könnte immer noch ein Weg sein“, sagt der Ich-Erzähler in der Kampfzone. „Verbitterung“ ist sein Wort für die Epoche.

„Scheußliches Wetter. Crawled out after I to Stadtschänke. Sülze. Grässlich“. Samuel Beckett 1936 in Hamburg

Houellebecqs lächerliche Misogynie - Bei erstklassigem Service kann Traurigkeit Spaß machen. Horowitz hatte solche Anwandlungen, ich verdächtigte sie, Batailles „Blau des Himmels“ nachstellen zu wollen. Aber nicht mit mir. Ich war der Kumpel, den man stehenlassen konnte, sobald sich eine Zufallsbekanntschaft zur Entgleisung anbot.

Nun spielte auf jedem Fest einer Knopfakkordeon. Eines Abends wechselte ich die Veranstaltung mit einem Gang über die Gasse. Als etwas zwischen Hommage und Persiflage auf Raoul Schrotts polyglotten Kennzeichnungsfimmel bezeichnete Uwe Kolbe die schlichten Ortsangaben vor seinen Gedichten. Eine Frau begeisterte sich. Ihre Ohrläppchen lösten Beißlust aus. Der Wunsch, einer fremden Frau ins Ohr zu beißen, war mir neu. Ich überwand eine kleine Scheu, da war wirklich wenig Reserve. Die Frau schlug die Hände vors Gesicht, bevor sie sich mir zuwandte. Sie sah durch das Gitter ihrer Finger, kaum erschrocken.

„War das nötig?“ fragte sie. Die Neugier hatte sie schon am Wickel.

„Es gab dazu keine Alternative“, erklärte ich präzise.

„Ja, dann.“

Die Frau war unschlüssig, sie wollte den Kontakt nicht aufgeben, wusste aber nicht, was angebracht war. Ich hielt sie für eine in die Stadt pendelnde Lehrerin. Tatsächlich war sie neu bei ... Sie zahlte mit später ihre flüchtige Faszination heim. Sie hatte mir aus Versehen eine Ahnung gestattet, die in ihrem anschaubaren Leben als Lektorin kein Mensch haben sollte.  

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