MenuMENU

zurück zu Main Labor

02.01.2020, Jamal Tuschick

André, ein sephardischer Jude aus Frankreich, und Eva, eine Katholikin aus Bayern, lernen sich in einer amerikanischen Unternehmensberatung kennen. In einer Welt scheinbar grenzenloser Möglichkeiten verlieren beide den Boden unter den Füßen. Während Eva in Russland die nächste Kohorte von zur unterwandernden Nachahmung westlicher Plutokratie-Moves befähigter Akteure auf Vordermann bringt, macht sich André Sorgen wegen einer zu geringen Sex-Rate. Dreimal pro Woche: das verlangt die Gesundheit.

Delirierende Selbstsucht - Von Ute Cohen

Delinquente Arroganz oder Sex nach den Devisen der Gewinnmaximierung

Nächsten Monat erscheint ein wegweisendes Buch im Septime Verlag: „Poor Dogs“. Im Mainlabor machen wir Ihnen darauf jetzt schon Lust. In dem neuen Roman von Ute Cohen werden Lebensentwürfe der neoliberalen Selbstoptimierung auf die Spitze getrieben, überzeichnet und in Champagner gebadet. Die Protagonist*innen kommen einer maschinenhaften Veräußerlichung entgegen. Sie arbeiten hart an ihrer Entfremdung.

Poor Dogs“ überzieht an allen Ecken und Enden, ohne dem Ernst in eine Persiflage zu entkommen. Im zeitlichen Vorspann der Veröffentlichung äußert sich die Autorin im Mainlabor. Ihre Kritik an einem im Fun*-Furor wie in der australischen Feuerhölle verglühenden Welt reißt Krater auf.  

*Fun ist ein Stahlbad. T.W. Adorno

Wer weder die Welt der Unternehmensberatungen noch die Finanzwelt kennt, mag POOR DOGS als grenzgängerisch empfinden, als Ausgeburt einer wahnwitzigen Autorin, die den Kapitalismus aufs Korn nimmt. Die Wahrheit aber ist: Reality sometimes exceeds fiction. Während sich Eva Illouz noch an der Vereinnahmung der Romantik durch den Kapitalismus abarbeitet, sind die Protagonisten in POOR DOGS auf ihre hündische Natur zurückgeworfen: Friss oder stirb, leck mich oder krepier, die Kehle zeigen oder die Gurgel durchbeißen. Romantik ist längst Teil eines Systems, in dem es nur noch um Unterwerfung und Dominanz geht. Macht ist der Schlüssel zum Handeln aller Figuren; der Kapitalismus gibt den Handlungsrahmen vor, reduziert sich auf Matrizen, die alle Figuren erfassen, umklammern, hin- und herrücken wie Spielfiguren. Sieger in diesem tödlichen Spiel ist derjenige, der die Matrix beherrscht und es schafft, sich von einem namenlosen Fragezeichen zum Star aufzuschwingen, der Cashcows für sich instrumentalisiert und der vor allem nicht in die Ecke der Elenden, der Poor Dogs abdriftet. Die permanente Angst, zur Spielfigur degradiert zu werden, einer ungreifbaren Macht ausgesetzt zu sein, führt dazu, dass Liebe nur noch als Tool, als Hilfsmittel für einen bestimmten Zweck begriffen wird. Der Zweck kann sexuelle Lusterfüllung sein, gesellschaftlicher Aufstieg, Befriedigung einer neurotischen Kontrollsucht oder – ganz biologistisch gesehen – Fortpflanzung und Erhalt der als überlegen geglaubten Spezies. Super, hyper, ultra, mega – POOR DOGS ist eine Biographie der Größenwahnsinnigen.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen