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03.01.2020, Jamal Tuschick

Aus einem Briefwechsel mit Ute Cohen: „Lieber Herr Tuschick, soft ist nicht mein Genre und auch nicht der Tenor der Consultants. Rassismus, Sexismus, Moral sind Kategorien, die keinen Platz haben in der Denke Andrés und seiner Compagnons. Pc-Fassade und innerlich rotten to the bones ...“

Soft ist nicht mein Genre

André, ein sephardischer Jude aus Frankreich, und Eva, eine Katholikin aus Bayern, lernen sich in einer amerikanischen Unternehmensberatung kennen. In einer Welt scheinbar grenzenloser Möglichkeiten verlieren beide den Boden unter den Füßen. Während Eva in Russland die nächste Kohorte von zur unterwandernden Nachahmung westlicher Plutokratie-Moves befähigter Akteure auf Vordermann bringt, macht sich André Sorgen wegen einer zu geringen Sex-Rate. Dreimal pro Woche: das verlangt die Gesundheit.

Delinquente Arroganz oder Sex nach den Devisen der Gewinnmaximierung

Nächsten Monat erscheint ein wegweisendes Buch im Septime Verlag: „Poor Dogs“. Im Mainlabor machen wir Ihnen darauf jetzt schon Lust. In dem neuen Roman von Ute Cohen werden Lebensentwürfe der neoliberalen Selbstoptimierung auf die Spitze getrieben, überzeichnet und in Champagner gebadet. Die Protagonist*innen kommen einer maschinenhaften Veräußerlichung entgegen. Sie arbeiten hart an ihrer Entfremdung.

Poor Dogs“ überzieht an allen Ecken und Enden, ohne dem Ernst in eine Persiflage zu entkommen. Im zeitlichen Vorspann der Veröffentlichung äußert sich die Autorin im Mainlabor. Ihre Kritik an einem im Fun*-Furor wie in der australischen Feuerhölle verglühenden Welt reißt Krater auf.  

*Fun ist ein Stahlbad. T.W. Adorno

Ich schreibe:

André rockt die Realität nach seinen Begriffen, und begreift nicht, dass er sich außerhalb des Systems befinden müsste, um aus der Rolle eines Unterworfenen schlüpfen zu können.

Die Spieler*innen treffen sich in Hotels, hypen ihren Status, täuschen Geschäftstätigkeit vor, um Spesen zu rechtfertigen, und sind mit diesem Programm Lichtjahre von jedem Master of the Universe-Horizont entfernt.

Ute Cohen antwortet:

„Master of the Universe“ ist der Strippenzieher im System, einer, der nicht nach unten treten, aber auch nicht nach oben buckeln muss, der Game Changer, der den Spielregeln nicht folgt, sondern sie setzt. Der „Master of the Universe“ ist Macht an sich. Davon ist André Quantensprünge entfernt, ja, aber kann man von einem Systemabkömmling verlangen, dass er den Ast, auf dem er sitzt, absägt, dass er das System in die Luft jagt und Alternativen erschafft? Wohl kaum. Wir unterschätzen allzu oft die Konditionierung, weil wir den freien Willen abgöttisch lieben und verehren, dabei aber die Wirklichkeit ausblenden. Wir bewegen uns in unserem endkapitalistischen Gesellschaftssystem wie Pavlov’s Dogs. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen, wenn allein das Glöckchen ertönt, das uns die Erfüllung unserer Wünsche verheißt. Wir sind näher dran an Skinner und seinem Behaviorismus, als wir glauben. Augen auf! Was wäre, wenn menschliches Verhalten in erster Linie gelernte Reaktionen auf Umweltreize wären? Was wäre, wenn die inneren Prozesse in einer immer schneller sich drehenden Welt nicht mehr in Gang gesetzt werden können? Was wäre, wenn sie die Protagonisten abtöten ­aus zeit- und aufmerksamkeitsökonomischen Gründen? Dann breiten sich Andrés aus, vervielfältigen und klonen sich selbst. Das wäre der Sieg über die Arbeiter und die Produzenten; die nächste Stufe zum Schöpfergott in einem untergehenden Abendland wäre erklommen. Habe ich Sympathie mit diesen Figuren? Nein, ich betrachte sie wie Laborratten, wohl wissend, dass es kein Entkommen gibt.

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