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03.01.2020, Jamal Tuschick

Der niederländische Arzt Eddy de Wind begann in Auschwitz zu schreiben. In seiner Muttersprache erschienen die Aufzeichnungen aus der Hölle zum ersten Mal 1946. Sie sind auf den Ton bildungsbürgerlicher Sehnsucht gestimmt. Die Freiheit in der Ferne lockt. „Zwei Reihen Stacheldraht“ trennen de Wind von einer Autonomie, die er als Vorstellung nie aufgibt. Er überlebt auf einem Luftkissen der Hoffnung. Er überliefert die Monotonie des Grauens unter den Vorzeichen der Ohnmacht.

Nachrichten aus der Hölle

Eddy de Winds Alter Ego Hans van Dam registriert die Ordnung an seinem Arbeitsplatz. Er bedenkt eine binnenrassistische Hierarchie, die ihn zunächst leise erstaunt. Er sortiert die Phänomene und drängt das Affektive zurück.

Hans geht das Projekt Überleben strategisch an. Er bemerkt, wie Reichsdeutschen bei allen Gelegenheiten der Vorzug gegeben wird.

„Die Ambulanz … machte einen ordentlichen Eindruck.“

In der Ordnung keimt die Hoffnung, und es ist keinem erlaubt, sie absurd zu finden.

Ein gleichermaßen braver Vermeider von Konfrontationen wie Erfüller gesellschaftlicher Kontributionen gerät in den systematisierten Übergriff. Hans würde sich aus eigenem Antrieb nie eine Überschreitung gestatten. Seine biedere Grundausstattung funktioniert wie ein Überlaufventil. Im Grunde seines Herzens fühlt sich Hans von den Maßnahmen nicht angesprochen. Er ist so weit weg von jedweder Delinquenz, dass die psychischen Terrorviren der 24/7-Folter nicht invasiv werden können. Vielmehr werden sie von einem Empörungsfilter aufgehalten.  

Der Subtext:

Ich habe nichts getan, womit ich das hier verdient hätte. Darin äußert sich eine Antwort auf die überhaupt nicht gestellte Schuldfrage. Individuelle Schuld ist in Auschwitz ein Qualifikationsmerkmal. Damit macht man Karriere im Rahmen der Umstände.

Das Besondere an Hans: er verliert seine bürgerlichen Maßstäbe nicht. Erzählt ihm ein Capo von früher, als die Häftlingsgehilfen der Wachmannschaften Handarbeit noch großschrieben, lässt er den Schrecken dieser Steinzeit im Detail aufmarschieren.

Er erzählt so flüssig, als habe er sich Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ zum Vorbild genommen. Theoretisch wäre das möglich gewesen. Der Roman erschien auf Deutsch 1942 zum ersten Mal in einem mexikanischen Verlag.

Galgenhumorig imitieren bessergestellte Häftlinge den Casinoton der SS.

„Hans gefiel Kalkers munterer Tonfall.“

Das Gelächter auf dem Grat eines Gebirges des Grauens soll ihm Mut machen. Doch bald begreift Hans, dass Friedel von der SS als „Forschungsmaterial“ eingesetzt wird. Im Schatten der Bestien versucht ein Professor Samuel Frauen vor Schlimmerem zu bewahren, indem er an ihnen „die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs untersucht“. Der Mediziner verfolgt keinesfalls nur altruistische Ziele. Er forscht ernsthaft, er nutzt Einrichtungen der Entmenschlichung für eine Parallelschaltung. Er taucht in seinem akademischen Zwecktunnel weg.

Die Geschichte rinnt durch die Maschen der Schleppnetze, die im Fürchterlichen das Spektakuläre herausfischen.

Professor Samuel hofft, „der Ursache dieser Geschwürbildung … auf die Spur zu kommen“. Hans hegt seine Angst um Friedel mit einem Selbstbeschwichtigungszaun ein.

Der Hoffnung gefällt es, da besonders groß zu sein, wo alles gegen sie spricht.

De Wind schreibt auf Effekt. Er will den Leser in Atem halten. Er findet Auschwitz unzivilisiert, so als gäbe es auch nur ein Beispiel für barbarische Gewalt, die sich zum Vergleich heranziehen lässt.

Aufzeichnungen eines Überlebenden

1943 werden der niederländisch-jüdische Arzt Eddy de Wind und seine Frau Friedel nach Auschwitz deportiert. Als Häftling mit der Nummer 150822 erlebt Eddy den Terror der Nationalsozialisten am eigenen Leib: die Appelle in eisiger Kälte, die Zwangsarbeit in sengender Hitze, die Krankheiten, den Hunger, die willkürlichen Erschießungen und die Grausamkeiten, die das Lagerleben prägen. Kurz bevor Russen das Lager im Januar 1945 befreien, wird Friedel aus Auschwitz verschleppt. Eddy versteckt sich und bleibt zurück. Er beginnt zu schreiben.

Auf Niederländisch erschienen die Aufzeichnungen zum ersten Mal 1946. Sie sind auf den Ton bildungsbürgerlicher Sehnsucht gestimmt. Es gibt eine naturlyrische Unterschleife in diesem Bericht aus der Hölle. Die Freiheit in der Ferne lockt. Sie scheint zu atmen. „Zwei Reihen Stacheldraht“ trennen de Wind von einer Autonomie, die er als Vorstellung nie aufgibt. Er überlebt auf einem Luftkissen der Hoffnung. Er überliefert die Monotonie des Grauens unter den Vorzeichen der Ohnmacht.

Eddy de Wind, „Ich blieb in Auschwitz - Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45“, auf Deutsch von Christiane Burkhardt, Piper, 240 Seiten, 20,-

Schreiben hilft als Ermächtigungsübung. Der Autor sieht sich um – in einem Distanzierungsverfahren, das wie eine Annäherung daherkommt. Seine Frau unterliegt im „Versuchsblock“ der Willkür von „Sadisten, die sich Professoren nennen“.

*

Dem Panorama einer unsäglichen Gegenwart folgt eine Rückblende auf das Jahr 1943. Noch haben die Westalliierten „keinen Fuß aufs Festland gesetzt“. In Amsterdam treiben Schergen der deutschen Besatzungsmacht die Deportationen von Juden voran. Die erste Internierungsstation, das Durchgangslager Westerbork, spiegelt ansatzweise zivile Verhältnisse vor. 

Das ist Kalkül. Die Eingesperrten sollen nicht von allzu bangen Erwartungen demobilisiert werden. Fast täglich erscheint ein Bürgermeister im Lager und traut Paare, die von einer gedeihlichen Zukunft ausgehen.  

De Wind gibt dem Geschehen einen romanhaften Anstrich. Er distanziert sich in der Rolle des allwissenden Erzählers. Als Arzt & Autor gehört er zu den Honoratioren. Sein Name steht auf einer Mitarbeiterliste, die wegen privilegierter Nachrücker ständiger aktualisiert werden muss. So namhaft ist der Erzähler vorerst ausgenommen von den wöchentlichen Transporten nach Auschwitz.  

Eines schaurigen Tages verlieren Friedel und Hans van Dam ihre Vorrechte. Ihre Namen werden aus der Kolonne jener Namen gestrichen, die eine trügerische Sicherheit beschirmt.

In Auschwitz verlieren sie erst ihr Gepäck und dann den Zusammenhalt. Friedel und Hans werden auseinandergerissen. Hans findet sofort Verwendung im Tross des Stabsarztes.

De Wind beschreibt die Tortur des Lageralltags, in dem die Funktion der Hoffnung pervertiert wird.

Der Mensch wurde zu dem, was er ist, lange bevor er dazu in Lage war, Höllenmaschinen wie Auschwitz zu bauen. Er hinkt seinem Vernichtungsverstand hinterher. Kein anderer Primat verfällt darauf, der Grausamkeit solche Räume zu errichten. Deshalb stockt die Rede. Hans versucht Friedel vor dem Schlimmsten zu bewahren, er behilft sich mit lauter Hörensagen. Wo er steht und geht, dechiffriert er Andeutungen.

Hans versucht den Kode des Bösen zu knacken.  

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