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04.01.2020, Jamal Tuschick

#EliltaMesmer #MeToo #blackfeminism #intersectionality #feminismus #berlinboomerbeat #socialjusticewarrior #WomenEmpowerment

Auch Flucht ist eine anthropologische Konstante. Siehe den aktuellen Beitrag zu Ai Weiweis Human-Flow-Philosophie.

Die Besatzungssoldaten klebten an den Freiheitskämpfer*innen. Sie durchkämmten die Dörfer und verbreiteten Terror. Meine Oma fürchtete um uns und bat ihre Älteste das Dorf zu verlassen.

Im Widerstand

Mutter und Tochter - Lula Gherezghiher, Elilta Mesmer

Elilta Mesmer erzählt ihr Leben. „Steingebet“ heißt der erste Roman der eritreischen Schriftstellerin, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Ehrgeizige Hingabe

Eine Schlüsselszene der Flucht bleibt ein Abend voller Vorahnungen in der Sphäre meines Großvaters Gherezghiher, dessen Namen meine Mutter noch trägt. (In Eritrea tragen die Kinder den Vornamen des Vaters als Nachnamen.) Opa Gherezghiher war ein fürsorglicher Patriarch, stattlich noch im Alter. Er hatte eine kindlich-diebische Freude an meinem Vergnügen. Meine Selbstvergessenheit trieb ihm den Schalk in die Augen. Ich sah, wie jung er im Herzen geblieben war, all den Schrecken, der sich mit dem äthiopischen Besatzungsregime verband, zum Trotz. Ihn beglückte meine ehrgeizige Hingabe an das unvertraute Landleben. Ich war ein Hauptstadtkind, Tochter von Gelehrten. Meine Eltern hatten sich über Traditionen hinweggesetzt und sowohl Stammes- als auch Geschlechterschranken überwunden.

Sie waren really tough.

Daraus ergab sich schon in meiner Kindheit eine Verpflichtung. Ich konnte nicht einfach so ignorant sein wie ich es oft gern gewesen wäre und zum Schein auch war. Aber hinter der Blende wusste ich ganz genau, dass meine Eltern als Herausforderer der Bequemen auf der Welt waren.

Sie waren die personifizierte Action, auch wenn mein Vater gern, vorgeblich konventionell, auf dem Boulevard der Distinktion den Freiheitskämpfer als hyperkorrekten Gentleman auftreten ließ.

Meine Eltern, ich weine, sobald ich, so wie gerade jetzt an sie denke: an ihren Glanz, diesen sehr persönlichen Glamour, der die Kraft hatte, stilbildend zu wirken.

Sie waren so autonom und urban, bis mein Vater ermordet wurde - und meine Mutter sich nach einem Verrat zur Flucht gezwungen sah – mit ihren kleinen, vor Angst und Ratlosigkeit dreieckigen Töchtern. Ihren Schmerz hätte nur der offene Kampf gegen die Usurpatoren eindämmen können. Zu gern hätte sich meine Mutter dem bewaffneten Widerstandskampf der EPLF angeschlossen.

Aber da waren ja wir, Segen und ich, schutzbedürftig und bis in die letzten Winkel unserer Innenwelten verwirrt.

*

Aus dem Nichts unfassbar vielfältiger Naturerscheinungen schälte sich plötzlich mein Onkel Rezene. Er hatte den Weg vom Aktivisten zum Kombattanten hinter sich gebracht und war im Geist von Hit & Run noch einmal getauft worden. Stolz zählte sich Rezene zu den Krieger*innen Eritreas. Nun bat er meine Mutter inständig zurück nach Asmara zu gehen, sich aus allen politischen Aktivitäten herauszuhalten und uns Halbwaisen in Ruhe großzuziehen.

Vier Geschwister hatte das Feuermaul des Krieges verschlungen. Rezene rechnete nicht unbedingt mit seinem Überleben. Er erklärte es zur Pflicht meiner Mutter, den Abriss des Lebensbandes unserer Familie nicht zu riskieren.

Die Organisation des Überlebens unserer Familie war unter den gegebenen Umständen eine Kampfaufgabe.

Biblische Bedingungen

Zwei Tage später trieb uns die äthiopische Shock & Awe-Strategie aus Bodenkampf und Luftschlägen in die Berge. Die Evakuierung des Dorfes glich einem Exodus. Natürlich fehlte mir das Vokabular. Doch war in meiner Wahrnehmung schon ein Begreifen des Archetypischen. Flucht ist eine anthropologische Konstante. Ihre biblischen Bedingungen sind uns eingeschrieben. Sie gehören zu unserem Programm, so wie die Fähigkeit den Freund vom Feind auf Abstand zu unterscheiden. In eine nomadische Lebensform gerissene Kinder konnten äthiopische Gefechtsbeiträge von eritreischen Entgegnungen unterscheiden. Die Besatzer fahndeten nach Einheimischen, die sich lediglich im Selbstverteidigungsmodus befanden. Sie pflügten die Weiler mit ihrer deplatzierten Anmaßung. Ihre Interventionen dienten der zersetzenden Einschüchterung. Doch Frauen vom Kaliber meiner Mutter kann man weder zersetzen noch kann man sie einschüchtern. Sie werden nur immer stärker.  

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

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