MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.01.2020, Jamal Tuschick

Migration als anthropologische Konstante - Ai Weiwei definiert die Erfassung weltweiter Flüchtlingsbewegungen als „besonders große künstlerische Herausforderung. Welche Form, welche Sprache, welches Genre eignen sich zur Beschreibung dessen, was wir inzwischen erleben?“

Human Flow

Eingebetteter Medieninhalt

Ai Weiwei stellt fest: Migration ist eine „anthropologische Konstante“. Es gibt keine entwickelten Gesellschaften, die „sich nie bewegen mussten“. In Giuseppe Tomasi di Lampedusas Jahrhundertwerk „Der Leopard“ nennt der Fürst von Salina (und Held des Romans) Gründe für die Rückständigkeit des Mezzogiorno. Sizilien sei in nicht weniger als zweiundeinhalbtausend Jahren ununterbrochen kolonisiert worden von Usurpatoren, die in jedem Fall ihre Kultur fix und fertig im Gepäck hatten. Ob Normannen, Staufer oder Sarrazenen: Wer auch immer sich aufschwang, der nahm nichts auf und gab nichts ab. Er segregierte die ursprüngliche Bevölkerung, die darauf mit Schlaf reagierte. Als der Fürst im 19. Jahrhundert seine Beobachtungen machte, schlief Sizilien seit fünfundzwanzig Generationen.

Diese Sonderstellung ergab sich aus einem Mangel an Befruchtung.

*

Ai Weiwei sieht sich nicht als Helden, der gegen die mächtigste Diktatur der Welt opponiert. Missverständnisse, die sich aus einer verklärten Sicht ergeben, findet er „interessant“. Der Künstler will die Missverständnisse wie Ochsen vor den Karren seiner Produktion spannen.

„Wie schnell geht es, einer Mehrheit einzuimpfen, dass du nicht zu ihr gehörst.“

„Wenn ein Künstler kein Aktivist ist, ist er ein schlechter Künstler. Kunst muss Werte bestimmen und Bedeutung herstellen.“

Klein ist nicht sein Ding. Sein Gegner, so Ai Weiwei, sei „weit größer als irgendeine Diktatur“. Sein Widerstand gilt „allen Ideologien“. Ideologien sind für ihn Instrumente der Strangulation. Sie erscheinen ihm als Ausgeburten bornierter Geister.

Ai Weiwei sagt: „Wir suchen nicht die Themen. Die Themen suchen uns.“ Diese Einsicht variiert das Picasso-Bonmot: Ich suche nicht, ich finde. In seinem „Manifest ohne Grenzen“ verarbeitet Ai Weiwei die Degradierung des verfemten und verbannten, von Maos kulturrevolutionären Kindergardisten beinah hingerichteten, angeblich „rechtsabweichenden“ Vaters als Regression in einer wahnsinnig kindischen Welt, die so falsch eingerichtet ist, dass sich inhumaner Blödsinn zur Staatsräson erheben lässt.

Dummheit zählt Ai Weiwei zu den universellen Gütern. Ihr Gegenteil ist ein evolutionärer Schlüssel. Ai Weiwei erklärt das Wesen der Anpassung zum Transformationsprozessor. Aus einer Flucht wird eine Bewegung. Die Krise der Flucht löst sich in Chancen auf. Bewegung und Leben sind Synonyme.

In dem Konzept der Nationalstaatlichkeit erkennt Ai Weiwei „etwas … Provisorisches“. Er exponiert den destruktiven Charakter von Nationalstaaten. Dazu bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen