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08.01.2020, Jamal Tuschick

Am 13. September 1964 kreuzte Martin Luther King in der DDR-Hauptstadt auf. Er kam ohne Papiere. Noch am selben Abend predigte King in der Ostberliner Sophienkirche.

Subversive Popularität

An einem Sonntag im September

Er ist kein ganz so bescheidener Apostel. Der große Bahnhof entspricht dem kleinen Dienstweg. Was heißt schon Jetset, wenn man eine Mission hat und im Namen des Herrn reist. Nobelpreisträger Martin Luther King passiert Checkpoint Charlie an einem Sonntag im September 1964. Kurz zuvor fielen Schüsse am Todesstreifen. Ein junger Mann auf dem Weg in den Westen musste als Schwerverletzter von Westberlinern geborgen werden. Das gehört zum innerdeutschen Alltag. Die DDR hat Legitimationsprobleme, macht aber mit rauchenden Colts einen auf dicke Hose. Heiner Müller spricht von den Geburtsschmerzen einer werdenden Nation im Geist des Sozialismus. Er begrüßt den antifaschistischen Schutzwall vermutlich auch nicht jeden Morgen mit der gebotenen Begeisterung. It’s all over now taucht in den deutschen Singlecharts auf. Mit dem Liedchen machen sich The Rolling Stones in der Bundesrepublik zum ersten Mal auf einem ersten Platz bemerkbar.  

Martin Luther King predigt am 13. September 1964 in der Ostberliner Sophienkirche.

Der Mann des Jahres reist ohne Pass ein

King fährt in einer amerikanischen Limousine vor. Er ist der Mann des Jahres, allerdings ohne Ausweis. Den hat das US-Department of State kassiert. In der Hochzeit des Kalten Krieges grenzt die subversive Popularität des Grandmasters of Black Empowerment an Hochverrat.   

*

1964 ist das Jahr des Civil Rights Act. Die gesetzliche Aufhebung der Rassentrennung ist noch nicht lange in trockenen Tüchern. Entscheidend ist aber, dass man offen dagegen, das heißt für Segregation votieren kann, ohne stigmatisiert zu werden. Das entspricht der gesellschaftlichen Temperatur. Im Tonfall des DDR-Protestantismus klingt das so:

MLK „rief die … auf, den begonnenen Weg der Freiheit weiterzugehen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen.“

Auch schön:

„Am 1. Dezember 1955 stieg eine gutaussehende … die Näherin Mrs. Rosa Parks … in den Cleveland-Avenue-Bus.“

„Open wide the Freedom Gates“ - Dorothy Irene Height – Die Aktivistin war die einzige Frau auf der Tribüne, als die Hoffnung von Millionen Menschen auf Gerechtigkeit 1963 von einem Traum erzählte - „I Have a Dream“.

Shake Hands mit einer künftigen Kanzlerin

Ungefähr dreitausend Gläubige werden vor der Kirche in der Spandauer Vorstadt abgedrängt. Alle wollen den Bürgermeister des farbenblinden Rechts sehen, viele sehnen sich nach einer Berührung. Das meldet das „Evangelische Sonntagsblatt“ unter Berufung auf Zeug*innen. Chef der deutschen Begrüßungsdelegation ist Generalsuperintendent Gerhard Schmitt. In Abstimmung mit der Regierung hat er 1500 Leute zum Erlebnisgottesdienst zugelassen. Unter den Erwartungsvollen tummelt sich auch die zwölfjährige Angela Merkel. Sie darf dem „N…führer“ (DDR-Jargon) nach der Predigt sogar die Hand reichen.  

Anneliese Vahl schreibt in ihrer nur für den DDR-Gebrauch publizierten MLK-Biografie: King „sprach in zwei ökumenischen Gottesdiensten in der Marien- und in der Sophienkirche … zu (insgesamt) dreitausend Gliedern der evangelischen Gemeinden und Freikirchen.“

Dazu bald mehr.

Giganten unter sich - Martin Luther King und Muhammad Ali

Steel in Black Satin

Die Weigerung der Afroamerikanerin Rosa Parks, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen führte erst zu ihrer Festnahme und dann zu einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startete 1955 das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung war die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wurde 1964 Friedensnobelpreisträger. Seine aktivistischen Gegenspieler fanden den promovierten Dreamer zu soft und suchten ihr Heil in der Radikalisierung. Inzwischen weiß man, dass King effektiver war als seine Antagonisten. Er erschien der Welt nachgiebig, war aber von diamantener Härte.

„Stationen auf dem Wege“ schildert Anneliese Vahl in ihrer 1970 in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienenen und „nur zum Vertrieb in der Deutschen Demokratischen Republik“ bestimmten Martin Luther King Biografie.  

In den Tagen vor seiner Ermordung im April 1968 versah King seine Todesahnungen mit den Ventilen dunkler Andeutungen. Er war dem weißen Establishment so gefährlich geworden wie vor ihm noch kein Schwarzer Repräsentant. King verkörperte eine Revolution, die sich im wachsenden Schwarzen Selbstbewusstsein offenbarte. Alle Versuche, das Rad zurückzudrehen, und der Segregation eine neue Widerstandskraft einzuimpfen, scheiterten seit Jahren wie am Fließband. Die Fürsten Amerikas steckten in einer Klemme. Auf der einen Seite drückte der Vietnamkrieg und auf der anderen das Schwarze Empowerment. Die Kräfte der Restauration, die in den Fünfzigerjahren triumphiert hatten, erlahmten.

Das wurde auch in der DDR gesehen und selbstverständlich als Schwächung eines Riesen begrüßt. In diesem Geist entstand Vahls Biografie des „N…führers“ gewiss nicht mit der Aussicht, als Nischenprodukt zu verkümmern.

In der DDR gab es eine Gospel-Politik. Man betrachtete die amerikanischen Schwarzen als natürliche Verbündete mit dem Vorzug, dass sie weit weg waren. Die Internationale der Werktätigen kannte jede Menge Vorurteile. Auch die sozialistischen Bruderstaaten begegneten sich auf dem soliden Sockel des Ressentiments.

Mit King aber konnte man nichts verkehrt machen. Der Mann war tot, als Vahl dessen Laufbahn vermaß. Die Sprengkraft der Worte eines Predigers entfaltete ihre Wirkung auf einem anderen Kontinent.   

March on Washington 1963 - Die größte Kundgebung, die Amerika je sah, war eine Schwarze Performance.

Sieht her, auf der Kanzel steht ein Natural Born Boxer

Eingebetteter Medieninhalt

Er zerbricht sich nicht den Kopf wegen all der Sachen, die ihm zustoßen können. Seine Entourage ist allemal besorgter um den King als der King um sich. Was auch immer die „kranken weißen Brüder“ ihm antun können, es betrifft ihn kaum noch. Zwei Gründen verantworten die Nonchalance des Charismatikers mit der Wirkung eines Apostels und der Aura eines Natural Born Boxers.

Erstens gab es der Drohungen zu viele. Zweitens wog die Sendung zu schwer für jeden irdischen Zwist.

James Baldwin - Wer behauptet, Baldwin habe einen versöhnlichen Ton angeschlagen, weiß nicht, wovon er spricht. Baldwin war so unversöhnlich wie Martin Luther King, aber auf eine anders smarte Tour.  

I’m not your N…

An dieser Stelle empfehle ich wieder James Baldwins „Nach der Flut das Feuer“. Der 1963 erstmals erschienene Essayband atmet Widerstand und Spiritualität.  

James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“ Essays, aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow, Dtv, 124 Seiten, 18,-

Wer behauptet, Baldwin habe einen versöhnlichen Ton angeschlagen, weiß nicht, wovon er spricht. Baldwin war so unversöhnlich wie Martin Luther King, aber auf eine anders smarte Tour.  

„Die Erfahrung des Schwarzen mit der weißen Welt kann in ihm keinen Respekt für die Normen wecken, nach denen die weiße Welt zu leben vorgibt.“

Meiner Brüder Hüter/ Shereos Schwarzer Selbstermächtigung

James Baldwin traf in der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung, die von einem institutionalisierten und gleichzeitig tief empfundenen, aus einer Riesenangst geborenen Rassismus gekontert wurde, mit „Nach der Flut das Feuer“ mehr als einen Nerv. In Baldwins Mensch in der Revolte, um einen Titel von Camus anzubringen, begegnen sich die Positionen von Malcolm X und Martin Luther King wie in einem Kampf schierer Schönheit, den Muhammad Ali in der Verfassung des Goldmedaillengewinners von Rom mit sich selbst bestreitet.

Nie sahen sie besser aus als in den frühen Sechzigern: die Shereos Schwarzer Selbstermächtigung. 

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