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09.01.2020, Jamal Tuschick

Der ethische Furor, den Aktivist*innen in die Debatte um Klimagerechtigkeit tragen, kontert den neoliberalen Marktradikalismus von Leuten, die sich fragen, welcher Nutzen sich synergetisch aus dem Treibhauseffekt ziehen lässt. Schmelzende Polkappen begreifen sie als

Invitatio ad offerendum der Natur

Seine Verführungskraft und politische Potenz bezieht der „Green New Deal“ aus der Ansage, dass wir zwar alles umstellen, jedoch unseren Lebensstil nicht ändern müssen, um auf dem Ticket der Klimagerechtigkeit in Generationen noch zu überleben. „Green New Deal“ spielt auf Franklin Roosevelts „New Deal“ an – einem als politisches Antidepressivum eingesetzten Arbeitsbeschaffungsprogramms. Planetarische Sozialpolitik - Auf einer Gegengerade Wälder fressender Marktradikalität formieren sich seit Jahren Aktivist*innen der Klimagerechtigkeit. Ihnen bietet „The Green New Deal“ (GND) eine Hoffnung darauf an, dass wir die Weltwirtschaft in dieser Dekade im Geist ökologischer Verträglichkeit umbauen können, ohne auf dem Zahnfleisch der Vernunft unsere lieben Gewohnheiten opfern zu müssen. Die Aktivistin Naomi Klein exponiert in ihrer alle Motoren des Grand Changement hochfahrenden GND-Interpretation den engen Zusammenhang zwischen Umwelt- und Sozialpolitik. Klein fordert eine Planetarische Sozialpolitik. Im Stil narrativer Geschichtsschreibung resümiert die Kanadierin die explosive Progression des Grève climatique Movement. Sie zitiert eine Schätzung, nach der an einem Freitag im März 2019 rund „2100 Klimastreiks in 125 Ländern mit insgesamt 1.6 Millionen (mehrheitlich jugendlichen) Teilnehmer*innen“ stattfanden.

How dare you?

Eingebetteter Medieninhalt

Auf einem Gipfel von Davos und in einem Konferenzregime, das gewöhnlich alles Störende vor der Tür standfinden lässt, kontert Greta Thunberg die Routinen der Strateg*innen mit einem Aufschrei:

„Ich will Ihre Hoffnung nicht … ich will, dass Sie in Panik geraten.“

Daran erinnert Naomi Klein in ihrem Klimagerechtigkeitstraktat „Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann“, aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Barbara Steckhan, Hoffmann und Campe, 351 Seiten, 24,- 

Die Aktivistin begrüßt Thunbergs Diskursemotionalisierung. Klein exponiert ein Detail, dass in der Berichterstattung selten herausgestrichen wird. Thunberg hadert nicht mit Generationen gedankenloser Energieverschwender*innen, die gedankenlos handelnd in das „sechste große Massenaussterben“ hineingeraten sind. Vielmehr stellt Thunberg eine Lobby von Profiteuren an den Pranger der Geschichte. Ihnen wirft sie nicht allein moralisches Versagen vor. Sie wirft ihnen vor, ihre Intelligenz in der Errichtung Potemkin’scher Greenwashing-Villages zu erschöpfen. Sie wirft ihnen vor, nach den Maximen der schrankenlosen Ausbeutung fossiler Energieträger Kapital aus der Klimaerwärmung zu schlagen.

Der ethische Furor, den Aktivist*innen in die Debatte um Klimagerechtigkeit tragen, kontert den neoliberalen Marktradikalismus von Leuten, die sich fragen, welcher Nutzen sich synergetisch aus dem Treibhauseffekt ergibt. Schmelzende Polkappen begreifen sie als Invitatio ad offerendum der Natur.  

Aus Greta Thunbergs Wutrede

You have stolen my dreams and my childhood with your empty words. And yet I'm one of the lucky ones. People are suffering. People are dying. Entire ecosystems are collapsing. We are in the beginning of a mass extinction, and all you can talk about is money and fairy tales of eternal economic growth. How dare you!

Das Verbrennen fossiler Materialien im denkbar größten Stil hört nicht auf, da alles darauf aufbaut. Wir, die wir von gestern sind und morgen tot sein werden, bestimmen in einem Stonehenge-zeitlich anmutenden Selbstherrlichkeitsfestival über unsere Perspektiven hinaus, anstatt jene in die Bütt der Partizipation steigen zu lassen, die mit der Zukunft ins Geschäft kommen müssen.  

In semi-fiktiven Bereinigungsprozessen erlösen wir uns von Widersprüchen, die zu kognitiven Dissonanzen führen, und streben konsistente Zustände von der Qualität fauler Schecks an. Wir „teilen Artikel über die Insektenapokalypse und Videos (über) Walrosse“, deren Habitate von der globalen Erwärmung bedroht sind, „während wir durch unseren Twitter- oder Instagram-Account scrollen“.  

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