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10.01.2020, Jamal Tuschick

Die polyglotte Naturschutzmanagerin und Nautikerin war an Polarexpeditionen beteiligt. Sie lenkte einen deutschen und einen britischen Eisbrecher und fuhr auf dem Greenpeace-Forschungs- und Kampagnenschiff „Arctic Sunrise“. Als Verantwortliche auf der „Sea-Watch 3“ traf Carola Rackete eine weltweit diskutierte Entscheidung. Sie setzte sich über ein Verbot des italienischen Innenministeriums hinweg, indem sie ihr Schiff mit vierzig aus dem Mittelmeer geretteten Geflüchteten an Bord (und einundzwanzig Crewmitgliedern) in den Hafen von Lampedusa steuerte.

Am Weltabend

„Wo sind denn die Männer?“ Das fragt Hindou Oumarou Ibrahim in einem Vorwort zu Carola Racketes Handlungsaufforderung. Auf der Suche nach Arbeit wurden die Männer zu Nomaden. Viele existieren in der Armut von Tagelöhnern an den Rändern afrikanischer Mega-Agglomerationen. Nicht wenige erdulden das Schicksal von in die Sklaverei Verschleppten. Die Wenigsten befinden sich auf Rettungsbooten im Mittelmeer oder in den Flüchtlingslagern auf dem europäischen Festland. Die Aktivistin verschränkt die Nöte der Chancensucher mit Folgen des Klimawandels. „Unsere fruchtbaren Felder verwandeln sich in Wüste.“ Stets war die Natur eine Verbündete indigener Gemeinschaften. Sie ist nun zur Feindin jener geworden, die sie am meisten achten. Tagelang anhaltende Temperaturen über 50 Grad töten Menschen und Tiere. Hindou Oumarou Ibrahim nennt den Klimawandel „eine Krankheit, die Seen auslaugt, aber auch die Herzen“ der Anrainer. Kaum jemand verstünde den Zusammenhang zwischen dem luxuriösen Lebensstil des globalen Nordens und der Dürre im Süden.

Weil wir gerade anonymen Hass im Netz diskutieren. Hier ein passendes Beispiel für rassistische, menschheitsfeindliche Lyrik:

"die mission

oder wie der bürger mitgenommen wird der für seelen in not kerzen anzündet

 

von einem schlauchboot in seenot gerettet von unserer stolzen bundesmarine

das ist der sommerhit

ein schlauchboot

in seenot

gerettettet

an einem strang gezogen

in den sicheren hafen der ehre gelenlenkt

schiffe versensenkt

schlepper festgesetzt ätzt

besser wärs andersrum

sonst sind’s mehr schlepper die bleiben müssen als geflüchtete die dürfen

unter den leistungserschleichern diesmal keine balkanzigeuner

auch keine kurden armenier assyrer aramäer aus syrien

gerettet nur zahlende neger und ein paar schwarzfahrende berber

ina müller mit tocotronic singen den shanty dazu

hooray und auf gehts wieder

zum lebensmittelgutscheinball

schwager edeka reibt sich schon die hände

und der backpacker die augen

warum schwarze in deutschland

fahrscheine zum vorzugspreis anbieten können

den verwaltungsaufwand lassen wir uns doch was kosten

damit die schmarotzer nicht unser gutes bares in die finger kriegen

dann schon besser ein gediegenes deutsches nepperkonsortium zockt ab ..."

 

„Handeln statt Hoffen. Aufruf an die letzte Generation“ - Der Titel könnte in seiner ganzen Komplexität auf einen Vers von Hölderlin anspielen: „Wir sind am Abend unsrer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und taten wenig. Wir wagten lieber, als wir uns besannen. Wir waren gerne bald am Ende und …“

Wir sind am Abend unserer Welttage. Wir hofften zu oft und taten zu wenig. Nun lasst uns handeln statt hoffen. Wir sind die letzten, die in das Rad der Klimageschichte mit Erfolg greifen können.

Das ist die Botschaft. Ihr zu folgen, bedeutete für Carola Rackete sich über geltendes Recht hinwegzusetzen.

Carola Rackete, „Handeln statt Hoffen. Aufruf an die letzte Generation“, Droemer Knaur, 170 Seiten, 16,-

Sechzehn Tage wartete Rackete auf die Erlaubnis, einen Hafen der Europäischen Gemeinschaft anlaufen zu dürfen. Die Kapitänin schildert, wie die Bojen der Hoffnung sich von ihren Ankern lösen und davontreiben. Es ist glühend heiß an Bord, die Geborgenen sind entkräftigt und mutlos.  

Jeder Notfall könnte nun tödlich verlaufen. Die Küstenlinie von Lampedusa schimmert wie ein Schmucksaum.   

Die Rückkehr der Wolfsbarsche

„In Süditalien herrscht ein gewissen Unvermögen zu kommunizieren, Frucht einer jahrhundertealten Kultur, in der das Schweigen ein Ausdruck von Männlichkeit war.“

Das Gesetz des Schweigens, die Omertà, wird mitunter gebrochen. Alle Bewohner*innen von Lampedusa sind mit dem Tod einer neuen Boatpeople-Generation vertraut. Die Dauerschleife des Sterbens auf See wirkt sich auf das Inselklima aus. Das berichtet Davide Enia in seiner Recherche „Schiffbruch vor Lampedusa“.

Bevor das Mittelmeer zum Massengrab wurde, gab es vor Lampedusa keine Wolfsbarsche mehr. Die Rückkehr des Branzino, sein starkes Aufkommen in Küstennähe, zeigt an, was auf Lampedusa keinem entgehen kann: dass ein paar Kilometer vor dem europäischen Festland Menschen ertrinken und diese Ernte einige Kreisläufe beschleunigt.

Davide Enia, „Schiffbruch vor Lampedusa“, aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth, Wallstein, 238 Seiten, 20,-

Keine Leidenschaft verbindet Rackete mit der Seefahrt. Doch nun trägt sie die Verantwortung einer Kapitänin. Die Sea-Watch 3 ist ein altes Offshore-Versorgungsschiff … sie wurde von der Ölindustrie genutzt, und diente der Seenotrettung von Ärzten ohne Grenzen.

Der Kahn ist ein Pflegefall. Rackete sehnt sich nach schottischer Ursprünglichkeit; nach dem Geruch nasser Wiesen und harzender Bäume. „Abends die langgezogenen Laute der Sterntaucher über dem nebligen See.“

Ghost landings continue in Italy

Während die Sea-Watch 3 in einer bürokratischen Quarantäne liegt, gelangen bei Geisterlandungen dreihundert Migrant*innen auf Lampedusa an Land. Es gibt sogar ein amtliches Procedere für die illegalen Landungen. Die Erhebungen erfolgen unter dem Schirm einer gewissen Diskretion. Die Sea-Watch 3 ist aber zum Politikum geworden. Deshalb bleiben die in der Mehrzahl „durch Gewaltanwendung in (libyschen) Lagern“ traumatisierten Passagiere weiter unversorgt.

„Keinem Europäer, keiner Europäerin würden unsere Regierungen das zumuten.“

„Es ist Rassismus, nichts anderes.“

Heinrich Böll 1981: „Das ist ganz einfach. Ich bin der Meinung, daß man Menschenleben retten soll, wo man sie retten kann. Und keine Institution, die Leben zu retten vermag, darf auf offener See Selektion betreiben. Das hieße ja, Menschen willkürlich zum Tode zu verurteilen.“

„Wer zu ertrinken droht, dem muss geholfen werden.“ Böll, der die Wiederkehr des Nationalsozialismus so sehr fürchtete, dass zu seinen häuslichen Verhältnissen auch eine solide Fluchtperspektive gehörte, förderte den Rettungsbetrieb der „Cap Anamur“. Mit der Aufnahme tausender vietnamesischer Boatpeople begann Ende der 1970er Jahre die Geschichte des Kölner Vereins „Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte“.

*

Es ist müßig, Racketes Entschlossenheit in einer Besprechung aufzubereiten. Sie zieht alles in die Klammer der kolonialen Verbrechen, die nicht aufhören:

„Unser Elektroschrott wird … nach Ghana exportiert, unsere T-Shirts kommen aus … Billiglohnländern … die Rohstoffe für unsere Handys aus dem Kongo, wo Kobalt und Coltan unter unmenschlichen Bedingungen teils von Kindern geschürft werden.“

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