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10.01.2020, Jamal Tuschick

Im September 1964 empfing Martin Luther King die Ehrendoktorwürde der Theologischen Hochschule Berlin. Der Baptistenprediger mit dem Millionenpublikum folgte einer offiziellen Einladung des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. Willy Brandt hatte ein ähnlich gelagertes Charisma. Beide verkörperten den Typus des nicht-martialischen Volkstribuns und waren insofern mustergültige Friedensfürsten mit viel Sex-Appeal. King tourte durch das Schaufenster des Westens, trug sich unter anderem in das Goldene Buch ein, eröffnete die ihm zu Ehren erstmals ausgerichteten „Berliner Jazztage“ und predigte in der Waldbühne vor zwanzigtausend Christ*innen. Die Predigt las er dann noch zweimal auf der anderen Seite der Mauer. Da durften ihn insgesamt dreitausend handverlesene Berlin*innen live erleben.

Mann mit Mumm

Er war ein Mann mit Mumm. Generalsuperintendent Gerhard Schmitt (1909 - 2000) knickte vor der DDR-Nomenklatura nicht ein. Er widerstand dem Druck und übernahm die Verantwortung für einen historischen Gottesdienst. Er garantierte Martin Luther Kings Auftritt als Prediger in der Ostberliner Marienkirche 1964. Es gab da keine geistliche Führung. Propst Heinrich Grüber war als Westberliner unerwünschter Außenseiter, ein zur Seelsorge vor Ort bestellter Pfarrer hatte rübergemacht, ein Kollege studierte als Fluchthelfer das Gefängniswesen im neuen Deutschland.

Gerhard Schmitt neben dem Stargast Martin Luther King

Anneliese Kaminski, die als Autorin auf ihren Mädchennamen Vahl zurückgriff, war seit 1961 Redakteurin bei „Zeichen der Zeit“. --- Unter der Lizenznummer 54 der Sowjetischen Militäradministration wurde 1946 die Evangelische Verlagsanstalt GmbH mit Sitz in Berlin gegründet.1953 ergab sich die Gründung einer Leipziger Dependance. In der Johannes R. Becher-Ära wurde Friedrich Bartsch Anstaltschef. In der EV erschien schließlich auch Kaminski-Vahls Martin Luther King-Biografie „Stationen auf dem Wege“.  

Anneliese Vahl hält sich lediglich mit den gedeihlichen Umständen des King-Besuchs in der DDR-Hauptstadt auf. Ihre Kompilation ist nur zum DDR-Gebrauch bestimmt. Kritische Randbemerkungen waren nie vorgesehen. Als aktive Christin muss sich Vahl ohnehin unter Vorbehalt betrachten lassen. Die Laufbahn der (in evangelischen Zusammenhängen publizierenden) Autorin und Redakteurin entspricht einem Kompromiss-Geschwurbel in der Enge zwischen Baum und Borke und so auch einem Eiertanz um das goldene Kalb der Partei, für die Religion Opium fürs Volk ist.

Sie erfindet ihrem Publikum die reine Anschauung vom Elend des amerikanischen … .

„Allein 470 N…kinder pferchte man in einem Lager außerhalb der Stadt zusammen.“

„Dr. King erklärte, er wolle solange in der Gefängniszelle bleiben, bis die Diskriminierung der 28000 … der Stadt beseitigt sei.“

Vahl lädt ihre Leser*innen zu gemeinsamen Besteigungen amerikanischer Gemeinheitsgipfel ein. Sie vergleicht King mit dem radikalen Malcolm X. Der andere Megaaktivist fand seinen stärksten Gegenspieler zu soft. Mit seiner Einschätzung stand er nicht allein. Kings Gewaltverzichterklärungen passten auch nicht zu dem in der DDR gepredigten Klassenkampf und offensiven Anti-Imperialismus im Geist einer kommunistischen Internationale. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Politbürokraten wünschten sich den mehrheitsfähigsten Führer der amerikanischen Schwarzen radikaler.

*

Albert Norden, Journalist und Politiker, kam aus dem amerikanischen Exil zurück, um den Aufbau der DDR voran zu treiben. Vermutlich fungierte er als Experte für die Auswirkungen des Schwarzen Protests auf die Vereinigten Staaten. Die DDR suchte im Ausland politische Kooperationspartner. Im Fall von King hätte das radikale Solidarität mit der Southern Christian Leadership Conference bedeutet. Ich stelle mir gerade vor, wie alte Haudegen, darunter fluchtversierte Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs, jeder für sich über seinen atheistischen Schatten springt, um The Voice die Hand zu reichen.

Der King auf der Kanzel

Viele fühlten sich aufgerufen, aber nur wenige waren auserwählt. Am 13. September 1964 machten auserwählte Ostberliner (linientreue Protestanten) große Augen. Auf der Kanzel der 1713 geweihten Sophienkirche stand leibhaftig ein „N…führer“, um ein Lieblingswort der MLK-Biografin Anneliese Vahl anzubringen. Der afroamerikanische Volkstribun Martin Luther King „berichtete über das Wesen und die Motive der gewaltlosen Direktaktionen im Kampf der (Schwarzen) um ihre Gleichberechtigung“.

Vahl weiter:

„Nicht alle … haben sich zur gewaltlosen Aktion entschieden.“

Noch ist gar nichts entschieden. 1964 „verwerfen viele …führer das langsame Vorgehen Kings und seiner Anhänger“. Zumal die Aktivist*innen des Black Muslim Movement argumentieren action-orientiert. Sie suchen den offenen Kampf mit einem aus der Lava gewaltiger Eruptionen modellierten Staat. Sie ignorieren den Sieg des Mahatma Gandhi auf der Gewaltverzichtschiene.

Gewaltverzicht ist kein Pazifismus. Kings Predigerduktus erzeugt einen Sound, manche sagen Salbader, der Akteure der White Supremacy bis zu ihrer Hornhaut an den Füßen verstimmt.

King kalkuliert die Machtverhältnisse. Die Schwarzen Feuerreiter auf seiner Stufe der Leiter betrachtet er als die potentesten Gefährder der Schwarzen Emanzipation.

Malcolm X - Der andere Megaaktivist fand Martin Luther King zu soft. Mit seiner Einschätzung stand er nicht allein. Kings Gewaltverzichterklärungen passten nicht zu dem in der DDR gepredigten Klassenkampf und offensiven Anti-Imperialismus im Geist einer kommunistischen Internationale. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Politbürokraten wünschten sich den mehrheitsfähigsten Führer der amerikanischen Schwarzen radikaler.

Albert Norden, Journalist und Politiker, kam aus dem amerikanischen Exil zurück, um den Aufbau der DDR voran zu treiben. Vermutlich fungierte er als Experte für die Auswirkungen des Schwarzen Protests auf die Vereinigten Staaten. Die DDR suchte im Ausland politische Kooperationspartner. Im Fall von King hätte das radikale Solidarität mit der Southern Christian Leadership Conference bedeutet. Ich stelle mir gerade vor, wie die alten Haudegen, darunter fluchtversierte Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs, jeder für sich über seinen atheistischen Schatten springt, um The Voice die Hand zu reichen. 

Am 13. September 1964 kreuzte Martin Luther King in der DDR-Hauptstadt auf. Er kam ohne Papiere. Noch am selben Abend predigte King in Ostberlin.

An einem Sonntag im September

Er ist kein ganz so bescheidener Apostel. Der große Bahnhof entspricht dem kleinen Dienstweg. Was heißt schon Jetset, wenn man eine Mission hat und im Namen des Herrn reist. Nobelpreisträger Martin Luther King passiert Checkpoint Charlie an einem Sonntag im September 1964. Kurz zuvor fielen Schüsse am Todesstreifen. Ein junger Mann auf dem Weg in den Westen musste als Schwerverletzter von Westberlinern geborgen werden. Das gehört zum innerdeutschen Alltag. Die DDR hat Legitimationsprobleme, macht aber mit rauchenden Colts einen auf dicke Hose. Heiner Müller spricht von den Geburtsschmerzen einer werdenden Nation im Geist des Sozialismus. Er begrüßt den antifaschistischen Schutzwall vermutlich auch nicht jeden Morgen mit der gebotenen Begeisterung. It’s all over now taucht in den deutschen Singlecharts auf. Mit dem Liedchen machen sich The Rolling Stones in der Bundesrepublik zum ersten Mal auf einem ersten Platz bemerkbar. 

Der Mann des Jahres reist ohne Pass ein

King fährt in einer amerikanischen Limousine vor. Er ist der Mann des Jahres, allerdings ohne Ausweis. Den hat das US-Department of State kassiert. In der Hochzeit des Kalten Krieges grenzt die subversive Popularität des Grandmasters of Black Empowerment an Hochverrat.   

*

1964 ist das Jahr des Civil Rights Act. Die gesetzliche Aufhebung der Rassentrennung ist noch nicht lange in trockenen Tüchern. Entscheidend ist aber, dass man offen dagegen, das heißt für Segregation votieren kann, ohne stigmatisiert zu werden. Das entspricht der gesellschaftlichen Temperatur. Im Tonfall des DDR-Protestantismus klingt das so:

MLK „rief die … auf, den begonnenen Weg der Freiheit weiterzugehen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen.“

Auch schön:

„Am 1. Dezember 1955 stieg eine gutaussehende … die Näherin Mrs. Rosa Parks … in den Cleveland-Avenue-Bus.“

Shake Hands mit einer künftigen Kanzlerin

Ungefähr dreitausend Gläubige werden vor der Kirche in der Spandauer Vorstadt abgedrängt. Alle wollen den Bürgermeister des farbenblinden Rechts sehen, viele sehnen sich nach einer Berührung. Das meldet das „Evangelische Sonntagsblatt“ unter Berufung auf Zeug*innen. Chef der deutschen Begrüßungsdelegation ist Generalsuperintendent Gerhard Schmitt. In Abstimmung mit der Regierung hat er 1500 Leute zum Erlebnisgottesdienst zugelassen. Unter den Erwartungsvollen tummelt sich auch die zwölfjährige Angela Merkel. Sie darf dem „N…führer“ (DDR-Jargon) nach der Predigt sogar die Hand reichen. 

Anneliese Vahl schreibt in ihrer nur für den DDR-Gebrauch publizierten MLK-Biografie: King „sprach in zwei ökumenischen Gottesdiensten in der Marien- und in der Sophienkirche … zu (insgesamt) dreitausend Gliedern der evangelischen Gemeinden und Freikirchen.“

Wie alles anfing - Steel in Black Satin

Die Weigerung der Afroamerikanerin Rosa Parks, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen führte erst zu ihrer Festnahme und dann zu einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startete 1955 das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung war die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wurde 1964 Friedensnobelpreisträger. Seine aktivistischen Gegenspieler fanden den promovierten Dreamer zu soft und suchten ihr Heil in der Radikalisierung. Inzwischen weiß man, dass King effektiver war als seine Antagonisten. Er erschien der Welt nachgiebig, war aber von diamantener Härte.

„Stationen auf dem Wege“ schildert Anneliese Vahl in ihrer 1970 in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienenen und „nur zum Vertrieb in der Deutschen Demokratischen Republik“ bestimmten Martin Luther King Biografie.  

In den Tagen vor seiner Ermordung im April 1968 versah King seine Todesahnungen mit den Ventilen dunkler Andeutungen. Er war dem weißen Establishment so gefährlich geworden wie vor ihm noch kein Schwarzer Repräsentant. King verkörperte eine Revolution, die sich im wachsenden Schwarzen Selbstbewusstsein offenbarte. Alle Versuche, das Rad zurückzudrehen, und der Segregation eine neue Widerstandskraft einzuimpfen, scheiterten seit Jahren wie am Fließband. Die Fürsten Amerikas steckten in einer Klemme. Auf der einen Seite drückte der Vietnamkrieg und auf der anderen das Schwarze Empowerment. Die Kräfte der Restauration, die in den Fünfzigerjahren triumphiert hatten, erlahmten.

Das wurde auch in der DDR gesehen und selbstverständlich als Schwächung eines Riesen begrüßt. In diesem Geist entstand Vahls Biografie des „N…führers“ gewiss nicht mit der Aussicht, als Nischenprodukt zu verkümmern.

In der DDR gab es eine Gospel-Politik. Man betrachtete die amerikanischen Schwarzen als natürliche Verbündete mit dem Vorzug, dass sie weit weg waren. Die Internationale der Werktätigen kannte jede Menge Vorurteile. Auch die sozialistischen Bruderstaaten begegneten sich auf dem soliden Sockel des Ressentiments.

Mit King aber konnte man nichts verkehrt machen. Der Mann war tot, als Vahl dessen Laufbahn vermaß. Die Sprengkraft der Worte eines Predigers entfaltete ihre Wirkung auf einem anderen Kontinent.   

Die Leuchtfeuer der Bewegung - „Open wide the Freedom Gates“ – Rosa Parks machte den Anfang in Alabama, Diane Nash war eine „Freedom Rider“ der ersten Stunde und Dorothy Irene Height organisierte u.a. „Wednesdays in Mississippi“. Sie schuf Anlässe, bei denen Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und Religion aus dem Norden in Mississippi Frauen aus dem Süden trafen. Die Aktivistinnen lebten die Hoffnungen von Millionen auf Gerechtigkeit, die MLK aka The Voice of Black America 1963 in Worte fasste, indem er der Welt von seinem Traum erzählte: I have a dream.

March on Washington 1963 - Die größte Kundgebung, die Amerika je sah, war eine Schwarze Performance. --- Seht her, auf der Kanzel steht ein Natural Born Boxer. Er zerbricht sich nicht den Kopf wegen all der Sachen, die ihm zustoßen können. Seine Entourage ist allemal besorgter um den King als der King um sich. Was auch immer die „kranken weißen Brüder“ ihm antun können, es betrifft ihn kaum noch. Zwei Gründe verantworten die Nonchalance des Charismatikers mit der Wirkung eines Apostels und der Aura eines Natural Born Boxers. Erstens gab es der Drohungen zu viele. Zweitens wog die Sendung zu schwer für jeden irdischen Zwist.

I’m not your N…

An dieser Stelle empfehle ich wieder James Baldwins „Nach der Flut das Feuer“. Der 1963 erstmals erschienene Essayband atmet Widerstand und Spiritualität.  

James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“ Essays, aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow, Dtv, 124 Seiten, 18,-

Wer behauptet, Baldwin habe einen versöhnlichen Ton angeschlagen, weiß nicht, wovon er spricht. Baldwin war so unversöhnlich wie Martin Luther King, aber auf eine anders smarte Tour.  

„Die Erfahrung des Schwarzen mit der weißen Welt kann in ihm keinen Respekt für die Normen wecken, nach denen die weiße Welt zu leben vorgibt.“

Meiner Brüder Hüter/ Shereos Schwarzer Selbstermächtigung

James Baldwin traf in der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung, die von einem institutionalisierten und gleichzeitig tief empfundenen, aus einer Riesenangst geborenen Rassismus gekontert wurde, mit „Nach der Flut das Feuer“ mehr als einen Nerv. In Baldwins Mensch in der Revolte, um einen Titel von Camus anzubringen, begegnen sich die Positionen von Malcolm X und Martin Luther King wie in einem Kampf schierer Schönheit, den Muhammad Ali in der Verfassung des Goldmedaillengewinners von Rom mit sich selbst bestreitet.

Nie sahen sie besser aus als in den frühen Sechzigern: die Shereos Schwarzer Selbstermächtigung. 

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