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11.01.2020, Jamal Tuschick

Claire Adam schildert in „Goldkind“ ein Worst-Case-Szenario auf Trinidad und Tobago.

Luftwurzelfulminanz

Der verlorene Sohn - Es läuft nicht gut für Clyde Deyalsingh. Seine Frau Joy und die Zwillingssöhne Paul und Peter wurden Opfer eines Raubüberfalls. Die Täter besaßen besorgniserregende Ortskenntnisse. Offensichtlich gehörten sie nicht zu einer Jugendbande, sondern zu einem mit Polizei und Justiz verzahnten Verbrecherring. Die Gewaltverdichtung nährt ein Gefühl von Ohnmacht. Hohl vor Sorge bewältigt der Held in Claire Adams Romandebüt „Goldkind“ einen gefährlich-beschwerlichen Alltag. In seiner Nachbarschaft hält man Hunde und diskutiert die Vorzüge und Mängel von Alarmanlagen. Sicherheitsschleusen trennen die Anwesen von kläglichen Straßen und üppigem Busch. Stabil gebaute und beneidenswert achtsame Rottweiler genießen besonderes Ansehen. --- Eines Tages verschwindet der schwerfällige Paul, genannt Tarzan. Seine Einschränkungen garantieren ihm staatliche Fürsorge. Joy und Clyde wollen dem Pubertierenden jedoch eine heimfreie Jugend schenken. Pauls genetisch identischer, intellektuell aber antagonistischer Bruder Peter bietet sich als leuchtendes Beispiel an. Das Goldkind geht seiner Generationskohorte voraus, weist ihr den Weg, zeigt sich jederzeit überlegen. So baut Claire Adam einen märchenhaften Gegensatz auf.

Der verlorene Sohn

Stabil gebaute und beneidenswert achtsame Rottweiler genießen besonderes Ansehen. Ihre pfeilspitze Aufmerksamkeit weckt auch der im Unterholz von Trinidad und Tobago heimische Iguana.

Es gibt ein gutes Baby und es gibt das andere. Das schwierige Kind krampft und erschöpft sich und seine Eltern als Gegenstand der Sorge. Peter wächst heran, Paul bleibt zurück. Die von kräftigem Eigensinn regierten Zwillinge teilen sich ein Bett auch noch als Pubertierende. Ihre Schulsachen fliegen unter dem Rost herum. Ihr Schulweg ist lang und gefährlich. Unterwegs lauern die Anwerber der Homie-Gangs. Sie agieren nach der Devise: Willst du nicht mein Bruder sein, schlage ich dir den Schädel ein.

Claire Adam, „Goldkind“, Roman, aus dem Englischen von Marieke Heimburger und Patricia Klobusiczky, Hoffmann und Campe, 270 Seiten, 23,-

Clyde hadert mit sich. Er kriegt zu wenig auf die Reihe. Er müsste seinen Knaben bessere Verhältnisse bieten, um sie gesellschaftlich auf der richtigen Seite heimisch werden zu lassen. Sie brauchen ein Regal für ihre Bücher und Refugien für die erwachte Sexualität. Der von besonderem Geburtsstress verlangsamte Paul sucht sein Glück in der Natur. Nachts bricht er aus der Enge. Er vermählt sich mit der Erde und hat wilde Empfindungen beim Anblick der Luftwurzelfulminanz.

Vor der Tür ist der Busch und lockt Paul mit seinen Verheißungen. Die Reaktionen auf seine Defizite haben ihn scheu werden lassen. Er irrlichtet an der Peripherie des Gängigen, während sein Bruder Peter allen vorauseilt. Peter bleibt bei den Büchern. Vom Lesen kriegt er breite Schultern. Seine Intelligenz und Strebsamkeit entfremden ihn dem elterlichen Milieu. Clyde ist ein bekehrter Tunichtgut, ein fleißiger Schulabbrecher; ein in der Verwandtschaft kaum für voll genommener Niemand, der untergebracht wurde. Ein Onkel verschaffte Clyde einen Job bei American Oil Company (Amoco). Das bringt viele Vorteile. „Joy muss nicht mehr in aller Herrgottsfrühe ein Lunchpaket machen, weil er jetzt in der Amoco-Kantine alles Mögliche zu essen bekommt: Dhalpuri Roti und Buss-up-shut.“

Existenz auf der Kippe

Mutter Joy bewährt sich als konstant Fürsorgliche. Sie wehrt sich mit einer Kombination von Lässigkeit und Indifferenz gegen Widrigkeiten einer Existenz auf der Kippe. Doch dann kommen gut informierte Gangster in ihr Haus. Paul bäumt sich gegen die Eindringlinge auf und gefährdet so das Leben seiner Mutter. Zweifellos gehören die Räuber nicht zu der Sorte Strauchdiebe, die von ihrer Dummheit direkt ins Gefängnis geleitet werden.

Locked and loaded - Von jetzt auf gleich ist alles anders im Leben der Familie Deyalsingh. Organisierte Verbrecher greifen in das Leben harmloser Leute ein und verändern die Koordinaten mit dem Kampfmittel Angst. Sie sind so verzahnt mit der Regierung und ihren administrativen Gliederungen, dass man sie nicht treffen kann, ohne wichtige Leute zu verdrießen.

Claire Adam schildert in ihrem Romandebüt ein Worst-Case-Szenario auf Trinidad und Tobago. 

Eingebetteter Medieninhalt

Der Schauplatz ist ein Biodiversitäts-Hotspot. Trinidad und Tobago sind keine aus dem Meer geschossenen Vulkaninseln, sondern isolierte Trockenpunkte am äußersten Rand einer überspülten Festlandmasse. Es gibt annährend hundert einheimische Säugetier- und über sechshundert Schmetterlingsarten. Zu den endemischen Tierarten zählt der Trinidad Guan.

Clyde hat eine von Tropenwald bestandene Bergkette vor seiner Haustür. Für ihn ist das abenteuerliche Gelände nur trivialer Busch voller „nachtaktiver Tiere … Geister und Banditen“. Eines Nachts irrt er durch die Gegend: auf der Suche nach dem verlorenen Sohn.

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