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12.01.2020, Jamal Tuschick

„Madrid hingegen scheint es eilig zu haben, alles zu sagen“, als wüsste die Stadt in ihren Eingeweiden, dass sich ihr Reiz in der Überwältigung erschöpft. - Keine Stadt erscheint dem Erzähler, einem spanischen Opernsänger mit erstklassigen Engagements, „einsamer und trauriger als Madrid“. Vielleicht ist es aber auch so, dass er in keiner Stadt trauriger sein kann als eben da. In eskapistischer Manier vergleicht er die spanische Metropole mit „Städten in Ostdeutschland, in denen eine solche Disziplin und eine solche Gedämpftheit herrscht, dass jemand, der pfeifend auf der Straße geht, einen Kataklysmus heraufbeschwört“. Javier Marías schildert so die untergegangene DDR-Welt. Auch daran erkennt man, was Zeitgebundenheit bedeutet. Nachkommende Leser werden sich über die Hervorhebung ostdeutscher Städte im Text wundern. Ihr historisches Sonar tastet die Stelle ab, ohne eine Unregelmäßigkeit festzustellen. Die Valeurs der Öde des gescheiterten und 1989 wie eine in die Pleite gefallene Firma aufgegebenen Staats haben keine Aussicht auf Verlängerung im kulturellen Gedächtnis. Der Erzähler beweist die Flüchtigkeit förmlich, indem er das Beispiel so heranzuzieht wie man jemanden am Ärmel zupft: so dass er sich in Bewegung setzt und weitergeht.

Menschlicher Beistelltisch

Der Erzähler neigt zu trivialisierenden Vergleichen. So vergleicht er seinen überwältigenden Beruf und das damit verbundene Nomadentum mit der lächerlichen Umtriebigkeit verkrachter, Zoten reißender, in Hotels um sich schießender und Einrichtungen zerlegender Handlungsreisender, deren zum Himmel schreiende, hoch-triste Stillosigkeit ein eigenes Genre darstellt.  

Eine Madrider Straßenszene – „Madrid hingegen scheint es eilig zu haben, alles zu sagen“, als wüsste die Stadt in ihren Eingeweiden, dass sich ihr Reiz in der Überwältigung erschöpft.

„Der Gefühlsmensch“ erschien erstmals unter dem glänzenden Titel „Der sentimentale Mann/ El hombre sentimental“ 1986 in Spanien. Faber & Faber würdigt nun den Roman in einer Prachtausgabe.

Die Frau im Zug

Der Erzähler wähnt sich im Besitz einer „ordentlichen Seele“. Er erwacht jeden Tag zwei Mal. Das erste Mal wie jedermann; das zweite Mal am Frühstückstisch. Im unveräußerlichen Kerngehäuse seiner Existenz steckt die Binse: Wer das Frühstück ignoriert, schlägt den Tag aus.

Javier Marías, Der Gefühlsmensch“, Roman, aus dem Spanischen von Elke Wehr, mit Illustrationen von Stefhany Y. Lozano, Faber und Faber, 192 Seiten, 36,-

Nach der Überwindung seiner Flugangst reist er zwar regelmäßig schneller als mit maximaler Zuggeschwindigkeit, aber den in einem wiederkehrenden Traum verankerten Erzählanlass bietet ihm ein verspätetes, das 19. Jahrhundert feierndes Erlebnis im Zug.   

„Der Gefühlsmensch“ erschien erstmals unter dem glänzenden Titel „Der sentimentale Mann/ El hombre sentimental“ 1986 in Spanien. Faber & Faber würdigt nun den Roman in einer Prachtausgabe.

Ein Gefeierter macht seine Abteilbeobachtungen wie jedermann; wie wer guckt und seine Locken auf einer Glatze dreht. Zuerst auf fällt ihm eine Person, deren „mächtiger Kopf einen dramatischen Gegensatz zu „auffallend kleinen Händen“ formuliert. Die Hände sind explizit „so klein, dass es schien, als könnten sie keinem echten menschlichen Körper angehören“.

Keine Frage, der Erzähler steht im Begriff eine hervorragende Persönlichkeit zu dechiffrieren – eine „fast magische Erscheinung, die den Eindruck erweckt, als widerstünde sie über Gebühr dem Druck der Zeit“. Dem Titan (wie ein menschlicher Beistelltisch auf halber Höhe) zur Seite gestellt, ist eine zum Adlatus geronnene parasitäre Dimension. Ein tyrannischer Feigling. Die Null als lackierter Schnurrbart. Befähigt nur zu ausbeuterischen Glanzleistungen.

Diese „präpotente Person“ heißt Dato. Dato dient dem „magischen Individuum“ als merkwürdiges Faktotum. Er organisiert das Damenprogramm für die Natalia des Moguls und erfüllt damit eine Funktion des Auftragskillers Vincent Vega, der in Pulp Fiction die Frau seines Chefs Marsellus Wallace ausführen und ihr nach der Devise, mich zu langweilen ist gefährlicher als deine alltägliche Brotaufgabe, die Zeit vertreiben muss. Die beiden kehren bei Jack Rabbit Slim’s ein und beweisen ihre retro-ikonografische Klasse auf der Tanzfläche.

Natalia weckt im Erzähler den Wunsch, sich in einem „engen und dunklen Hotelzimmer … mit nackten Wänden“ zu offenbaren.

Sie geht fremd und er geht mit.  

Der Erzähler gesteht der Geliebten:

„Ich will nicht wie ein Idiot sterben.“

Uma Thurman spielt die Frau des Schwarzen Paten Marsellus Wallace. Einem Killer von der Stange, der sie einen Abend lang unterhalten soll, verdreht Mia gelangweilt den Kopf. An der Stelle des Billigmörders Vincent Vega reüssiert in Javier Marías‘ Roman „Der Gefühlsmensch“ eine „präpotente Person“ namens Dato.

Uma Thurman als Mia Wallace

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