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13.01.2020, Jamal Tuschick

Die Ölpest als literarisches Sujet - Die unheimlichen Helden in diesem Roman sind Akteure der nigerianischen Ölmafia. Sie gerieren sich als Rebellen und sind doch nur Räuber, die sich mit einem Ermächtigungstext aufspielen.

Faces in my Pocket

Rufus schreibt für den „Reporter“. Das ist sein erster Job. Der Anfänger hat nichts vorzuweisen, als ihm ein Angebot gemacht wird, das er nicht ausschlagen kann. Gemeinsam mit einem Magier seiner Zunft, dem sagenhaft abgesoffenen Zaq, und noch ein paar anderen, die nichts Besseres können, bereist er Nigerias heißeste Zone. Im Nigerdelta herrscht Krieg, seit da Ölmultis im Verein mit der Provinzregierung die größte Umweltsauerei anrichten, die man sich vorstellen kann. Doch ist das nicht das Thema. Rufus sucht die weiße Frau im Dschungel. Die von Rebellen entführte, natürlich bildschöne Isabel, ihres Zeichens britische Staatsangehörige, ist irgendwo da draußen, wo ein Menschenleben keinen Pfifferling wert ist. Schauen wir mal, ob Rufus sie findet.

Koloniale Magistrale

I have so many faces in my pocket. I saw the horror - Apocalypse now

Eingebetteter Medieninhalt

Zweifellos geht Helon Habila in „Öl auf Wasser“ von Joseph Conrads berühmtester Komposition aus, und insofern auch aus von dessen markantestem Helden: einem Mann namens Marlow. Jener Marlow befährt den Kongo (als einer kolonialen Magistrale) auf einer Reise ins Herz der Finsternis. Das Expeditionsgeschehen wird dem Leser als Erinnerung angeboten. Noch unbefleckt von der Erfahrung des Memento mori begegnet der Reisende dem Tod auf Schritt und Tritt und reagiert darauf wie der Gruselkasper im Märchen. Siehe Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Immerhin trifft er jemanden, der das Grauen gesehen hat. Die Adaption der Szene in Francis Ford Coppolas Apocalypse now übertrifft das Original. Marlon Brando erschafft wie ein biblischer Titan (in seiner) Rolle als Colonel Kurtz Literatur, die mit den bewährten Sujets Mangrovensumpf und motorisierter Einbaum operiert. Das archetypische Motiv ist die Konfrontation der Zivilisation mit der Steinzeit. Der Zufall oder eine andere Lappalie drängt einen Agenten der Anglosphäre aus der Eurozentrik und gewährt ihm einen unerhörten Einblick in die menschheitsgeschichtliche Vergangenheit. Das ist die erste Reflexion. Auf der nächsten Stufe erlebt der Weiße unter Schwarzen eine Initiation, die es ihm erlaubt, Außenphänomene als Veräußerlichung seiner Innenwelt zu verstehen. So lernt er, dass wir seelisch in der Steinzeit geblieben sind. Die Ungleichzeitigkeit zwischen technischer Entwicklung & menschlichem Bewusstsein lässt sich in seinem Fall nicht mehr ausbalancieren. Er wird zum Tyrannen eines Volkes, das er gewissermaßen selbst ist. Das Volk kommt auf den Trichter und erschlägt den Tyrannen. Die weißen Referenten in ihren Kenia-Lodges sagen dann: Der hat sich umgebracht. Oder sie sagen: Den hat das Klima umgebracht. Die Verharmlosung hat Methode. Sie soll jedem Herrenmenschen klarmachen, dass es sich nicht rentiert, aus dem Ruder zu laufen und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Helon Habila, „Öl auf Wasser“, Roman, aus dem Englischen von Thomas Brückner, Unionsverlag, 252 Seiten, 12.95 Euro

Marlon Brando als Colonel Kurtz

Das Politische stiftet eine Mode und lädt ein zur Übertünchung krimineller Absichten. Im Ogoni Land* reden Gangster wie Aktivist*innen.

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Entvölkerte Dörfer, verseuchte Sümpfe. Über die Bewohner des Nigerdeltas ist eine Ölpest hereingebrochen. Sie zerstört seit Jahrzehnten Lebensgrundlagen. In ihrem Schlepp hat sich eine kriminelle Struktur herausgebildet, die alle Glieder der Gesellschaft einschließt.

*

Rechts: Port Harcourt, die Hauptstadt der Verschmutzung. Links: Eine typische Ansicht im *Ogoni Land, so benannt nach einer nigerianischen Volksgruppe.

Präsident Obasanjos People‘s Democratic Party (PDP) bildet Allianzen mit bewaffneten Stammesverbänden, Kleinarmeen, deren Führer wissen, was Greenwashing ist. Diese Leute treten als radikale Umweltschützer*innen auf. Journalist*innen locken sie mit Geiselnahmen in den Busch.

Guckt mal, wen wir hier haben.

Die Milizsprecher*innen halten Volksreden im Geist von Climate Justice, während das Fußvolk ohnehin leckende Pipelines anzapft. Die Gangster-Rebellen befinden sich in einer Win-Win-Situation. Entweder kassieren sie Schutzgeld von den Konzernen oder Ölgeld von irgendwelchen Abnehmern ihrer abgezweigten Kontingente.   

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