MenuMENU

zurück zu Main Labor

14.01.2020, Jamal Tuschick

Helon Habila erzählt in „Öl auf Wasser“ von Kriminellen, die sich als Umweltschützer neu erfinden.

Guerilla Bulletin

Im Reich der Delta Rächer

Sie nennen sich „Niger Delta Avengers“ und halten Pressekonferenzen im Dschungel ab, zu denen Journalisten aus Lagos anreisen. Ihr Stil changiert zwischen maskiert serviertem Guerilla Bulletin und NGO-Green-Techno-Sprech. Die falschen Aktivist*innen präsentieren sich als besonders illustres Chapter in der Phalanx neuer sozialer Bewegungen. Öldiebstähle deklarieren sie als außerparlamentarischen Kampf gegen Umweltangriffe von Shell und Konsorten auf nigerianischem Boden. Sie sabotieren das Pipeline-Netz des Konzern-Mammuts und schaffen so Facts on the Ground im Ogoni Land, so genannt nach dem Volk der Ogoni. Das beschädigt die Exploitationsraten der legalen Spieler erheblich. Verluste definieren Perspektiven. Für die bewaffneten Delegationen der Gliedstaatregierung sind die Delta Rächer bloß Verbrecher.

Vogelkadaver auf Ästen drapiert/ erinnern an unglücklich gelandete Drachen

Den Standpunkt der Macht vertritt im Roman ein Major, der das Grauen gesehen hat. Gefangene macht er ungern. Sie müssen unterhalten werden, das kostet Geld. Der Offizier spricht den Rebellen die Menschenwürde ab. Am liebsten lässt er sie in dem ausufernden Mangrovensumpf verschwinden, der sein Arbeitsplatz ist. Ihm sieht sich der junge Reporter Rufus ausgesetzt, der außerdem mit ansehen muss, wie sein Freund und Vorbild, die Reporterlegende Zaq, an einer Krankheit ohne Namen stirbt. Der Arzt im Dschungelcamp diagnostiziert „so etwas Ähnliches“ wie Denguefieber.

„Ich habe das hier in der Gegend erst ein oder zwei Mal erlebt.“   

In einer Rückblende auf bessere Tage erinnert sich Rufus an einen Abend im Wohnzimmer. Die Hitze ist unerträglich und im Fernseher läuft „Waterworld“. Die Geschichte spielt auf einer landlosen Erde. Alle Hoffnungen richten sich auf Land. „Kriege und Kulturen (werden) einzig vom Mythos festen Bodens befeuert“.

Rufus, der ins Nigerdelta gekommen ist, um eine weiße Frau zu finden, die von Rebellen-Banditen gekidnappt wurde, um sich seine ersten Sporen als Investigativer zu verdienen, versinkt immer tiefer in einem Seelensumpf. Die literarischen und cineastischen Vorbilder sind unübersehbar. Die Zustände des an der Zivilisationsgrenze zum Borderliner werdenden Gemäßigten bilden ein eigenes Genre. Jemand überschreitet eine rote Linie ohne relevante Qualifikation: das ist der Dreh dabei. Daher kommt die Spannung. Das ist kein Navigator, kein Argonaut, der in einen unbekannten Raum vorstößt, sondern ein Dutzendpopler ohne Zugangsberechtigung.  

Nigeria ist der weltweit achtgrößte Erdölproduzent  

Rings um Rufus sterben Menschen, die meisten an Nebeneffekten einer Ölpest, die wie ein Leichentuch die Atemwege der Landschaft blockiert. So unaufhaltsam wie in jeder Tragödie bewegt sich Rufus an lauter Toten und lebenden Toten vorbei auf den Antagonisten des Majors zu. Die Gegenstimme der Rebellion materialisiert sich im „Professor“.

„Diese Menschen ertragen die schlimmsten Bedingungen aller Ölförderländer … die Regierung weiß das, die Ölgesellschaften wissen es ebenfalls, aber weil es der Regierung nichts ausmacht, macht es ihnen auch nichts aus.“

Trotzdem zeigt Habila keinen Ausweg Richtung Menschlichkeit. Die vom Pech geächtete Bevölkerung im südlichen Nigeria steckt in einer Klemme zwischen staatlicher und alternativer Gewalt. Sie hat drei Möglichkeiten im Spektrum der Immobilität. Sie kann an Ort und Stelle duldungsstarr aushalten. Sie kann sich den Rebellen anschließen. Sie kann auf der Regierungsseite mitmischen. Jenseits der Unbeweglichkeit bleibt ihr noch die Migration.   

Kevin Costner als Mutant in Waterworld

Rufus schreibt für den „Reporter“. Das ist sein erster Job. Der Anfänger hat nichts vorzuweisen, als ihm ein Angebot gemacht wird, das er nicht ausschlagen kann. Gemeinsam mit einem Magier seiner Zunft, dem sagenhaft abgesoffenen Zaq, und noch ein paar anderen, die nichts Besseres können, bereist er Nigerias heißeste Zone. Im Nigerdelta herrscht Krieg, seit da Ölmultis im Verein mit der Provinzregierung die größte Umweltsauerei anrichten, die man sich vorstellen kann. Doch ist das nicht das Thema. Rufus sucht die weiße Frau im Dschungel. Die von Rebellen entführte, natürlich bildschöne Isabel Floode, ihres Zeichens britische Staatsangehörige, ist irgendwo da draußen, wo ein Menschenleben keinen Pfifferling wert ist. Schauen wir mal, ob Rufus sie findet.

Koloniale Magistrale

I have so many faces in my pocket. I saw the horror - Apocalypse now

Eingebetteter Medieninhalt

Zweifellos geht Helon Habila in „Öl auf Wasser“ von Joseph Conrads berühmtester Komposition aus, und insofern auch aus von dessen markantestem Helden: einem Mann namens Marlow. Jener Marlow befährt den Kongo (als einer kolonialen Magistrale) auf einer Reise ins Herz der Finsternis. Das Expeditionsgeschehen wird dem Leser als Erinnerung angeboten. Noch unbefleckt von der Erfahrung des Memento mori begegnet der Reisende dem Tod auf Schritt und Tritt und reagiert darauf wie der Gruselkasper im Märchen. Siehe Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Immerhin trifft er jemanden, der das Grauen gesehen hat. Die Adaption der Szene in Francis Ford Coppolas Apocalypse now übertrifft das Original. Marlon Brando erschafft wie ein biblischer Titan (in seiner) Rolle als Colonel Kurtz Literatur, die mit den bewährten Sujets Mangrovensumpf und motorisierter Einbaum operiert. Das archetypische Motiv ist die Konfrontation der Zivilisation mit der Steinzeit. Der Zufall oder eine andere Lappalie drängt einen Agenten der Anglosphäre aus der Eurozentrik und gewährt ihm einen unerhörten Einblick in die menschheitsgeschichtliche Vergangenheit. Das ist die erste Reflexion. Auf der nächsten Stufe erlebt der Weiße unter Schwarzen eine Initiation, die es ihm erlaubt, Außenphänomene als Veräußerlichung seiner Innenwelt zu verstehen. So lernt er, dass wir seelisch in der Steinzeit geblieben sind. Die Ungleichzeitigkeit zwischen technischer Entwicklung & menschlichem Bewusstsein lässt sich in seinem Fall nicht mehr ausbalancieren. Er wird zum Tyrannen eines Volkes, das er gewissermaßen selbst ist. Das Volk kommt auf den Trichter und erschlägt den Tyrannen. Die weißen Referenten in ihren Kenia-Lodges sagen dann: Der hat sich umgebracht. Oder sie sagen: Den hat das Klima umgebracht. Die Verharmlosung hat Methode. Sie soll jedem Herrenmenschen klarmachen, dass es sich nicht rentiert, aus dem Ruder zu laufen und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Helon Habila, „Öl auf Wasser“, Roman, aus dem Englischen von Thomas Brückner, Unionsverlag, 252 Seiten, 12.95 Euro

 

Das Politische stiftet eine Mode und lädt ein zur Übertünchung krimineller Absichten. Im Ogoni Land* reden Gangster wie Aktivist*innen.

*

Entvölkerte Dörfer, verseuchte Sümpfe. Über die Bewohner des Nigerdeltas ist eine Ölpest hereingebrochen. Sie zerstört seit Jahrzehnten Lebensgrundlagen. In ihrem Schlepp hat sich eine kriminelle Struktur herausgebildet, die alle Glieder der Gesellschaft einschließt.

*

Präsident Obasanjos People‘s Democratic Party (PDP) bildet Allianzen mit bewaffneten Stammesverbänden, Kleinarmeen, deren Führer wissen, was Greenwashing ist. Diese Leute treten als radikale Umweltschützer*innen auf. Journalist*innen locken sie mit Geiselnahmen in den Busch.

Guckt mal, wen wir hier haben.

Die Milizsprecher*innen halten Volksreden im Geist von Climate Justice, während das Fußvolk ohnehin leckende Pipelines anzapft. Die Gangster-Rebellen befinden sich in einer Win-Win-Situation. Entweder kassieren sie Schutzgeld von den Konzernen oder Ölgeld von irgendwelchen Abnehmern ihrer abgezweigten Kontingente.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen