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16.01.2020, Jamal Tuschick

Tränen stehen ihr nicht. Das weiß die Erzählerin, seit ihr in der fünften Klasse „ein umschwärmter Junge“ auf den Kopf zu sagte, verheult „sähe (sie) aus wie ein Junkie“.

Traurigkeit als Tätigkeit

Ihr Tränenpalast ist die Küche. Das sei, so Heather Christle, der beste Ort, um traurig zu sein.

„Eine Metapher fürs Gebären“ ist in der Christle-Matrix ein vor hundert Jahren „bei dichtem Nebel gerammtes“ und auf den Grund gesunkenes Schiff. Das Weinen bietet der Autorin Anlässe zu solchen Ausblicken. Überall wirkt die Poesie ihr Brokat ein.

Heather Christle „Weinen“, aus dem Englischen von Sabine Hübner, Hanser, 190 Seiten, 19,-

Regenwasser in einem Kalksteinrelief lässt Christle an Tränen denken. Shirley Temple kommt ihr in den Sinn. Dem Kinderstar fiel es schwer, nach dem Mittagessen zu weinen. Der Tag hatte Temple dann schon zu sehr aufgenommen, um den Tränenmehrwert der morgendlichen Melancholie noch verfügbar machen zu können.  

Christle behauptet, der Astronaut Alan Shepard habe auf dem Mond geweint. Bis zu dieser Stelle lese ich über den Text hinweg, doch die Weltraumepisode projiziert ein starkes Bild an meine innere Zimmerdecke. Ich sehe das von Bill Anders auf der Apollo-8-Mission am 24. Dezember 1968 aufgenommene Foto.

„Wir machten uns auf den Weg, den Mond zu erforschen, und das Wichtigste war, dass wir die Erde entdeckt haben.“ Bill Anders

Shepard kam als Kommandant von Apollo 14 später zu einer Aussicht auf die Verletzlichkeit und Einsamkeit unseres Planeten. Ob der Astronaut beim Anblick der winzigen Erde in den Weiten des Alls tatsächlich weinte?  

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