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17.01.2020, Jamal Tuschick

#EliltaMesmer #MeToo #blackfeminism #intersectionality #feminismus #boomerbeat #socialjusticewarrior #WomenEmpowerment

Noch einmal zu den Grundlagen. Von Äthiopien aus gingen befreiungstheologische Impulse um die Welt. Die Schlacht von Adua 1896 führte Kaiser Menelik II. mit einer landesweit mobilisierten Miliz, die sich selbst versorgte. Auf der anderen Seite gab der Tiroler Oreste Baratieri die Befehle. Das Scheitern der italienischen Invasion garantierte die äthiopische Unabhängigkeit als eine Regierungssonderform im kolonisierten Afrika. Freiheitsbewegungen schöpften von daher Mut. Die Sache hatte einen Haken. Der Haken hieß Eritrea. Die äthiopische Provinz konnte vor der Kolonialisierung nicht bewahrt werden. Es bieten sich verschiedene Lesarten der Preisgabe Eritreas an. Das ist heute nicht das Thema. Italien erlebte die Niederlage von Adua als Schmach. Der afrikanische Sieg war ein Schock für Europa. Illustrationen in französischen Magazinen zeigen Kaiser Menelik als Weißen im Strahlenkranz. Die Tatsache, dass Schwarze Weiße schlagen, schien so abwegig, dass man sie in Darstellungen ignorierte.

Natur als Spielplatz

Mutter und Tochter - Lula Gherezghiher, Elilta Mesmer

Kinder im Krieg - Die Erzählerin als Beschützerin der kleinen Schwester. Rechts sehen sie Elilta Mesmer. Neben ihr staunt Segen in die Kamera.

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Die Flucht geht weiter. Längst ist sie Alltag geworden. In den Hauptsiedlungspunkten der Peripherie von Asmara leben Verwandte, die der viel zu früh verwitweten Lehrerin Lula und ihren beiden Kindern Elilta und Segen Unterschlupf gewähren. In der Aufnahme steckt die Bereitschaft, gegen Gesetze der äthiopischen Besatzungsmacht zu verstoßen, um dem Gastrecht zu genügen. Nicht alle Gastgeber*innen sind einverstanden mit der militanten Verve der steckbrieflich gesuchten Widerstandskämpferin, die seit der Ermordung ihres Mannes seelisch bezugspunktlos ist. Ihre Idee vom Leben erschöpft sich im Kampf gegen die Usurpatoren und in der Versorgung ihrer Töchter.  

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

Herzzerreißend! Ich möchte eine Ausgabe. Mika San 

Wieder einmal logiert man bei Bauern, deren Klan man abgehört. Das sind von Angst gedämmte Leute, von der Rollkommandopolitik fremder Landesherren zusammengestaucht bis zur restlosen Harmlosigkeit. Sie verlassen sich auf die Verschwiegenheit der Dorfgemeinschaft und sollten es doch besser wissen.

Klatsch ist die Währung funktionierender Gesellschaften.

Elilta Mesmer schreibt:

In G. haben wir Verwandte, die uns selbstverständlich, aber nicht begeistert aufnehmen. Der jüngste Sohn, fast noch ein Baby, hängt wie eine Klette an mir. Ich schleppe ihn herum, gerührt und genervt zugleich. Ich spüre eine Spannung, die mir neu ist.

Seit Eliltas Mutter in Asmara denunziert wurde und die halbierte Familie auf der Flucht ist, befanden sich die Entwurzelten in der Obhut nächster Angehöriger. Elilta erlebte sie als von Herzen mitfühlende, dem eritreischen Freiheitskampf aufgeschlossene Akteure. Vier Geschwister ihrer Mutter sind gefallen, ein Onkel steht noch und kämpft weiter.

Jetzt bewegt sich Elilta zum ersten Mal in einem weiteren Kreis der Zugehörigkeit. Die Leute in G. sind nicht so mutig wie es das Mädchen gewohnt ist.

Kampfflugzeuge überfliegen täglich das Dorf, um die nächsten Lager des Widerstands zu bombardieren. Es gibt keinen Schutz für die Bevölkerung. Die Verhaltensmaßregel für Kinder lautet: Legt euch flach auf die Erde und lasst den Feind über euch hinwegdonnern. Im Übrigen flieht man ständig in die Berge, hält sich mal Stunden, mal Tage so gut wie möglich verborgen und kehrt dann zurück. Die Lebensgrundlagen dürfen nicht aufgegeben werden. Präsenz muss gezeigt werden, auch wenn es schwerfällt. Elilta verspürt ein Unbehagen, das sie nicht benennen kann. Die von Held*innen Erzogene kennt sich mit dem blassen Durchschnitt nicht aus.

Trotzdem erlebt Elilta eine unbeschwerte Zeit. Sie ist gern draußen. Zum Spielzeug wird alles, was die Natur bietet. Die kleine Städterin schließt ihren ersten Pakt mit der zukünftigen Dorfjugend, während sich Segen distanziert. Die jüngere Schwester gibt einer häuslichen Lebensweise den Vorzug: ganz aus eigenem Antrieb. Was Elilta wenigstens manchmal paradiesisch erscheint, ist für Segen als Spielplatz viel zu dreckig.

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

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