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18.01.2020, Jamal Tuschick

Kann man sich totstellen, um der sicheren Erschießung zu entkommen? Einen Fluch unschädlich machen, indem man die Tür verriegelt? Den Abschied vergessen und Gefühle auf Leinwand bannen? Kira erzählt ihre Familiengeschichte. Eine Geschichte von Aufbrüchen und Verwandlungen, von Krokodilen und Papierdrachen.

Marina Frenk liest am 29. Januar ab 20 Uhr im Roten Salon der Berliner Volksbühne

Marina Frenk © Martin Prskawetz

Pressetext

Die junge Künstlerin Kira lebt mit Marc und dem gemeinsamen Sohn Karl in Berlin. Sie gibt Malkurse für Kinder, hat lange nicht ausgestellt, lange nichts gemalt – und zweifelt. Ihre      Beziehung zu Marc ist sprach- und berührungslos. Ihre leicht verrückte Freundin Nele fragt manches, versteht viel und lacht gern, während Kira glaubt, in die Zukunft zu sehen und die Vergangenheit zu erfinden.

In den neunziger Jahren ist sie mit ihren Eltern aus Moldawien nach Deutschland gezogen, irgendwo angekommen ist aber keiner in ihrer russisch-jüdischen Familie. Kira betrachtet nicht nur  das eigene Leben, mitunter zynisch und distanziert, sondern auch das ihrer Vorfahren, die sie teilweise nur von Fotos kennt. Sie reist nach New York, Israel und Moldawien, versucht, die Geschichten zu begreifen und in ihren großformatigen Bildern zu verarbeiten.

Marina Frenk findet eine frische, bilderreiche und sehr körperliche Sprache. Ihr eindrückliches, raffiniert gebautes Debüt ist ein Buch über Familie und Herkunft, über Eltern- und Kindschaft.      Es ist ein heutiger Künstlerinnenroman und vor allem auch der Roman einer Liebe.

Leseprobe

(Berlin, Deutschland, Jetzt)

Das kalte Wasser schwappt über den schwarzen Lack, etwas Wasser läuft mir in die Stiefel, ich ziehe einen Handschuh aus und befülle ihn mit der Ostsee, sie tropft aus den Wollfingerspitzen auf meine Hose, meine Knie werden nass. Ich werde jeden Tag wach, ich stehe auf, ich tue etwas, ich fühle, ich denke, ich esse, ich liebe immer noch. Wen? Ich bin wieder einmal verloren gegangen. »Kira, was machst du hier? Es ist kalt«, spricht eine männliche Stimme hart auf mich ein.

»Ich wollte das Meer heute noch sehen.«

»Das kannst du auch aus dem Fenster. Komm, steh auf. Wir wollten doch essen. Ich habe dich gesucht überall, wenn wir uns jetzt beeilen, kriegen wir noch etwas im Hotel …« Marc zieht mich hoch wie eine ausgeblutete Ziege. Ich wünsche mir, dass er mich über die Schulter wirft und davonträgt. »Auf Kamchatka, da schlachten sie ihre Tiere nicht mit dem Messer, sondern durch Ersticken, wusstest du das? Das ist so ein Ritual, damit die Geister nicht angelockt werden«, fällt mir ein.

»Was?«

»Es darf kein Tropfen Blut auf den Schnee fallen. Deshalb wickeln sie dem Tier Seile um den Hals und ersticken es. Das verläuft langsam und quälend. Aber das finden sie immer noch besser, als Geister anzulocken. Die sind gefährlich. Die Geister.«

»Ich denke, du solltest etwas Warmes trinken, Kira. Komm, was … was machst du?« Ich falle in seine Arme und dann auf die Knie und er kniet sich zu mir in den Sand und hält mich an den Schultern fest.

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