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20.01.2020, Jamal Tuschick

Immer wieder scheiterte der Versuch, am Beispiel von Bernward Vesper den Riss zu kartografieren, der die Nachkriegsdeutschen zu Doppelagent*innen zwischen (der neuen Zeit) Angepassten und (der alten) Verhafteten machte. Man hat zum Zweck der Bestimmung geografische Begriffe verwandt und den Topos der Seelenlandschaft strapaziert. Dieses Gebiet wurde aufgeforstet oder der Verödung preisgegeben: in den sehr unterschiedlichen Darstellungen und Interpretationen der Zeug*innen. Der größte Fehler bestand darin, dass man die Zukunft als Häckselwerk und Müllschlucker betrachtete, mit der Potenz, die falsche Vergangenheit zum Verschwinden zu bringen. Roswitha Schieb beschreibt in „Risse – Dreißig Deutsche Lebensläufe“ die Wirkung einer fatalen Kontinuität in der Aufbruch-Ära vor Achtundsechzig.

Goethe im Knobelbecher

Bernward Vesper (1938 – 1971) gibt die Ordnung seiner Geschichte an: „Der eine Teil ist an meinen Vater gebunden, der andere beginnt mit seinem Tod.“ Will Vesper (1882 – 1962) war Leiter der NS-Reichsschrifttumskammer. Nach dem Krieg bemühte er sich, ganz gravitätischer Verlierer, um zügige Fortsetzung der hochbürgerlichen Existenz. Der Sohn erinnert eine ländlich-niedersächsische Kindheit.

Es gab ein großbürgerliches Programm der Restauration und nicht wenige Akteure der Zeitgeschichten begingen frohgemut den Boulevard des Hier-und-Da. Die Fortsetzung des Nationalsozialismus mit bundesrepublikanischen Mitteln war, wie Roswitha Schieb beschreibt, nichts, womit man sich an einen gesellschaftlichen Rand manövrierte. Der Spielraum ergab sich aus dem kalten Krieg. Der Feind definierte das Sagbare. Deshalb setzten sich Sozialdemokrat*innen, die in die DDR fuhren, härteren Vorwürfen aus, als Autor*innen vom Schlag des alten Vesper.

Gudrun Ensslin wollte ihre Doktorarbeit über Hans Henny Jahn in Berlin schreiben. Doch dann kam Andreas Baader und drehte ihr Leben auf links. Bernward Vesper protestierte mit langen Haaren. Wie angepasst Vesper blieb, bemerkte er nicht.

Hans Henny Jahn/Andreas Baader/Haare

Autoritärer Kode

Bernward Vesper beginnt seine publizistische Laufbahn mit der Edition des nationalsozialistischen Werks seines Vaters. Er tummelt sich auf der rechten Republikseite. Er studiert bei Walter Jens und begegnet der Pfarrerstochter Gudrun Ensslin; am Sonntagstisch erklärt sich Ensslins Vater zum Widerstandskämpfer. Insofern erscheint er als Antagonist zu Vespers Vater, diesem avancierten Bauernsohn, der Hitler im Gedicht verherrlicht und seinen Sohn dem Führer geschenkt hatte. In Dresden hatte er ein Loblied auf die Bücherverbrennung gesungen.

Roswitha Schieb, „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“, Lukas Verlag, 299 Seiten, 24.90 Euro

Gudrun und Bernward streben aus ihren Provinzen nach Berlin. Ensslin ist akademisch mit Hans Henny Jahn befasst. Auch Bernward Vesper geht von Jahn aus, wie übrigens auch Rolf Dieter Brinkmann.

Gudrun und Bernward verloben sich, 1967 wird der gemeinsame Sohn Felix geboren. Im selben Jahr radikalisiert sich Ensslin, angefeuert von Andreas Baader. Der Verlobte bleibt als im Herzen kleinbürgerlich zurück. Daraufhin bricht er mit sich selbst und tritt in ein haderndes Verhältnis zu sich selbst ein. Er macht sich die Vorwürfe, die ihm gemacht werden. Ensslin verlässt ihn und das Kind. Der Revolutionärin bleiben noch zehn Jahre. Vespers Spanne ist kürzer.

Ich will heute nicht über Vespers „Reise“ reden, die als „Vermächtnis einer ganzen Generation“ kursierte.

Schieb spricht von einem schwierigen Buch. Vesper kommt mit dem inkorporierten, bis zum Tod herrenmenschlich gebliebenen Vater nicht klar. Für die Kombattant*innen der RAF und ihre Unterstützer*innen ist er ein heillos in seine bürgerlichen Widersprüche Verstrickter. Schieb hebt zutreffend hervor, dass die Hinwendung an die antiautoritäre Praxis der Achtundsechziger den autoritären Kode nicht knacken konnte.

Das Problem teilt Vesper mit Akteuren seiner Kohorte, die ihre Nazi-Impfung anders autoritär transformieren. Da wird Baader zum unerreichten Vorbild. Vom unerreichbaren Vater zum omnipotenten Baader: das ist die heimliche, noch nicht ausreichend aufgeklärte Karriere, deren Stationen Schieb antippt. In seinen letzten Jahren erkennt Vesper, dass man, sobald man damit angefangen hat, bei jeder deutschen Gelegenheit „eine Verbindung zu Auschwitz herstellen“ kann.

Bernward Vesper protestiert mit langen Haaren. Wie angepasst er bleibt, bemerkt er nicht.

„Wer Haare abschneiden will, will im Grunde Köpfe abschneiden.“

Schieb bemerkt, wie sehr der Wunsch des Sohns den Vater zu hassen, den Schreibfluss dynamisiert. Dabei fließt er im alten „autoritär-nazistischen“ Bett. Er verrät so etwas, was oft besser verschwiegen wurde.

Dem Ungeist pappt man politisch opportune Etikette auf:

„Die Söhne und Töchter der Mörder“ erkannten überall „faschistoide Tendenzen“, nur in ihren Kreisen nicht.

Schieb und ich sind uns einig: „Die Reise“ taugt nicht als Vermächtnis einer Generation. Sie ist das Dokument einer Nachtfahrt mit zersprungener Charaktermaske.

Sie nannten ihn den Irren von Triangel - Bernward Vesper bemühte sich um die Veröffentlichung der Schriften seines NS-Vaters, während er zugleich „Schriftsteller gegen den Atomtod“ mobilisierte. Gudrun Ensslin gab es damals auch noch als Braut in Weiß.

Ein Mann fährt heim. Auf der Strecke von Jugoslawien nach Deutschland überlässt er den Beifahrersitz seines Volvos einem amerikanischen Sonntagsmaler. Man bekifft die Lage. In München nimmt der Reisende LSD, während „die Nebel der Isarwiesen“ steigen. Stoned sickert er in die Boheme. Am fahlen Morgen besucht er Uschi Obermeier. Rainer Langhans kommt dazu. Vesper ist nicht willkommen.

„LSD reißt den Schleier von der Wirklichkeit.“

Das Tripjournal ätzt die Schau einer Kindheit, in der das Vorkriegsdeutschland exotisch erscheint.

B. Vesper memoriert nicht nur zur Begründung der Abwehr „den Faschismus der Seele“ seines Vaters. Der Dreck ist in ihm, er wird ihn nicht los. Der Alte hat ihn geimpft, das weiß der Flagellant: „Und am Abend schloss ich mich ins Badezimmer ein und schlug mich mit dem Ledergürtel.“

Am 28. März 1963 zeigen Gudrun Ensslins Eltern die Verlobung ihrer Tochter mit B.V. an: ein Ereignis im Kurparksaal.

Das Paar treibt im linken Lager Prominententourismus. Gleichzeitig bemüht sich Vesper um eine Edition des diskreditierten väterlichen Œuvres.

„Die Reise“ beginnt er Neunundsechzig. In der Gegenwart des Romans, der Fragment blieb, bemerkt Vesper latenten Faschismus in der Verbohrtheit der Betrachter seiner langen Haare. Er sieht sich umstellt von „Vegetables“. Agitierte und Säureköpfe sind hingegen (gute) „Typen“. Im Klub der Kommunarden kommt Vesper zu „Menschen“. In den Formulierungen schlummern umgemünzte Wertungen. Kein kritischer Reflex sichert dieses Denken, obwohl sonst alles zerlegt wird.

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