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21.01.2020, Jamal Tuschick

Şafak Sarıçiçek untersucht in neuen Gedichten* auch das Verhältnis des Jetlags zum Ornament. In einer Spannung zwischen Rationalität & Aberglauben, so lese ich den Vers „Ornament und o Amulette! Überschallflug“ in dem Gedicht „Machete“, nähern wir uns unter dem Druck der Anpassung einer intelligenteren Lesart im Sinn von Technik & Spiritualität. Man kann die Verknüpfungen kommutativ verwenden, folglich einen Anstieg und einen Abstieg an derselben Achse erkennen.

Jetlag und Ornament

*Şafak Sarıçiçek, „Jamsids Spiegelkelch“, Gedichte, mit Illustrationen von Deniz Sarıçiçek, edition offenes feld, 79 Seiten

Großer Basar, Hagia Sophia (verschiedene Perspektiven)

Lieber Şafak, die Bilder sind sehr gut. Das Ganze macht sich hervorragend als work in progress auf beiden Seiten: Produktion und Rezeption gehen Hand in Hand wie turtelnde Teenager.

In Sarıçiçeks lyrischem Kosmos kommen „geköpfte Wahrheiten“ vor. Ein „Henkerwind“ kreuzigt die Tage. Der Dichter erscheint als Argonaut auf Zeitreise. Man vertraut sich ihm skeptisch an – einem Navigator auf Erkundungskurs.

Sarıçiçek untersucht mit den Mitteln des Gedichts mehr als eine Sagbarkeitsgrenze. Er bewegt sich da, wo Kübra Gümüşay in ihrem sagenhaft schönen Buch „Sprache und Sein“ feststellt:

„Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache. Nicht alles, was geschieht, findet seinen Ausdruck darin.“

Ohne zu widersprechen, dementiert Sarıçiçek Gümüşays Ansage mit seinem Projekt. Es muss doch möglich sein, zwischen Baum und Borke zu gelangen und den Ausdruck zu finden. Man kann doch keinen ernstnehmen, der da nicht dabei ist.

Bücher, die zueinander passen wie Liebende: das sind Kübra Gümüsays „Sprache und Sein“ und Şafak Sarıçiçeks „Jamsids Spiegelkelch“.

Feudales Mischfranzösisch

Aus dem Briefwechsel mit Şafak Sarıçiçek: Morgen bringe ich Deinen nächsten Beitrag. Könnest Du ein paar lose Notizen im Stil eines Istanbuler Tagebuchs für das Mainlabor aus dem Ärmel zaubern? Vielleicht auch mit Fotos? Im Zweifelsfall reichen die Fotos. Dann setze ich je ein Foto zu einem Vers von Dir.

Ich setze die Fotos den Gedichten auf den Schoss.

So erzeuge ich kooperativ einen Raum der Anschaulichkeit. Wir müssen die Lyrikrezeption verbessern, indem wir Gedichte mit forcierter Selbstverständlichkeit im öffentlichen Raum aufpflanzen wie Lanzen. 

Besonders glücklich wäre ich über eine Kleinigkeit, in der das Türkische mit dem Deutschen fusioniert.

Ich fände es schön, wenn man Türkisch die Bedeutung einer Prestigesprache gäbe.

So wie ja viele deutsch-englische Texte ihrem Wesen nach Statusansagen sind. Außerdem sind sie die armen Verwandten jener Briefe, die einst in einem feudalen Mischfranzösisch abgefasst wurden. 

Türkisch ist die Sprache der Eingecheckten in der Zukunftsschleuse. Sie bezeugt einen Informationsvorsprung. 

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