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21.01.2020, Jamal Tuschick

Kübra Gümüşay hat ein leuchtendes Buch geschrieben. Sie erzählt, was es mit Menschen macht, keinen Schöpfermythos zu kennen und sich ohne Sonderstellung im Universum zu denken. Menschen, die zwischen zwei und vielen Dingen unterscheiden, nicht aber zwischen drei oder sieben. Menschen, deren Orientierung perfekt ist, da sie sich sprachlich navigieren. Ständig bestimmen sie ihre Position im Raum und sind dabei auf äußere Merkmale nicht angewiesen. Ihre Peilungen ergeben sich aus einem Schema, das so einfach ist wie der Unterschied zwischen links und rechts.

Eine Reise zu den Lücken zwischen der Sprache und der Welt - Die Besprechung als Intervention

Was vermag Wahrnehmung ohne Sprache? Das Buch beginnt mit der Antwort auf eine Frage, die sich die Autorin selbst gestellt hat.

Zurzeit lese ich Deborah Lipstadts „Der neue Antisemitismus“ und Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“.

Ich lese über die Seiten: „Deutschland erlebe eine Normalisierung des Antisemitismus wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr“ und fast zugleich „Jede neue Sprache ist ein neuer Existenzraum.“

Das löst eine Phantasie aus:

Inara lebt aktiv in drei Sprachen. Deutsch gleicht in ihrem Fall einem Ausweichquartier. Es ist die Sprache der Marotten; Reviere für archivierte Katzenhaare. Eine Sprache für getrocknete Blumen und manchmal auch für die Stierhaftigkeit grundwütender Männer, die nach Inaras fester Überzeugung gegen die Reiterringer ihrer ersten Heimat chancenlos sind.

Kübra Gümüşay hat ein leuchtendes Buch geschrieben. Sie erzählt, was es mit Menschen macht, keinen Schöpfermythos zu kennen und sich ohne Sonderstellung im Universum zu denken. Menschen, die zwischen zwei und vielen Dingen unterscheiden, nicht aber zwischen drei oder sieben. Menschen, deren Orientierung perfekt ist, da sie sich sprachlich navigieren. Ständig bestimmen sie ihre Position im Raum und sind dabei auf äußere Merkmale nicht angewiesen. Ihre Peilungen ergeben sich aus einem Schema, das so einfach ist wie der Unterschied zwischen links und rechts. 

So stelle ich mir Inara vor – als Fiktion in einer narrativen Analyse.

Eine von Gümüşay befragte Akteurin erklärt dem Sinn nach: In meinen Muttersprachen (Plural) bin ich dreizehn.

Das ist eine großartige Selbstbeobachtung. Ich hatte eine deutschtürkische Freundin, die als Erwachsene zum Studieren nach Istanbul zog und nach zwei Semestern kindlich zurückkehrte. Obwohl damals Kopftücher in der Istanbuler Universität verboten waren, trug sie nun in Deutschland ein Kopftuch. Die Konfrontation mit ihrem kindlichen Selbst hatte sie aus der vorgezeichneten Erfahrungsbahn geworfen. Sie folgte dem Trip der (wie ein Schluckauf nicht einfach abstellbaren) Mädchenhaftigkeit noch ein halbes Jahr, um eines Tages wieder eine erwachsene, in jeder Beziehung unauffällige Deutsche zu sein. Jetzt erst begreife ich den Dreh. Türkisch war ihre Kindersprache, die Sprache ständiger Zärtlichkeiten und erwartungsvoll entgegengenommener, besorgter Fürsorge. Obwohl sie auf Türkisch akademische Stoffe bewältigte, funktionierte die Spaltung. 

Kübra Gümüsay, „Sprache und Sein“, Hanser Berlin, 206 Seiten, 18,-

Phantasie II.

Inara kam erst als Jugendliche ohne kulturelle Ankerpunkte nach Deutschland und brauchte für ihre Distinktion etwas, das sie ihrer Unbeholfenheit als Deutschschülerin entgegensetzen konnte. Ihre Muttersprache gab das nicht her. Sie wich auf Englisch aus, perfektionierte sich mit geringen Mitteln, und behauptete schließlich, in England aufgewachsen zu sein, ohne dass die Legende je in Zweifel gezogen worden wäre. Ich lernte Inara als Britin kennen. Zwar deckte kein Pass ihre Behauptung, aber es fragte auch keiner danach. Erst von einer überlegenen britischen Warte aus konnte sich Inara mit der deutschen Sprache anfreunden. Sie macht daraus ein großes Puppenhaus, in dem die Niedlichkeit durch die Decke geht.

Gümüşay: „Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache.“

Gümüşay zitiert James Baldwin: „And it is the language which controls an experience.“

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