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22.01.2020, Jamal Tuschick

Im ausgehenden 19. Jahrhundert führt die Melancholie zwar nicht mehr nach einer Mode, so doch noch nach einem Habitus mitunter zum Tod. Wieder geht es um Exzellenz und Geschmacksvortrefflichkeit. Wer das Leben erträgt, ist ein Bauer so stumpf. Das will man nicht sein. Nach dem Selbstmord eines Bruders hält Isabelle Eberhardt nichts mehr in Europa. Sie trennt sich nicht nur von dem Kontinent, sondern auch von ihrem Verlobten, einem Diplomaten des Osmanischen Reichs. Die Zivilisationsmüde eilt nach Tunis, erwirbt den Hengst „Souf“ und reitet allein durch die Wüste nach Algerien. Born to be wild in einer polyglotten Variante.

Melancholie & Morphium

Rechts sehen Sie Mathilda May als Abenteuerin Isabelle Eberhardt in dem Film gleichen Namens.

Eberhardt gelingt das ganze Bild der aktiven Träumerin ohne Vorbild und Umgebung. Die Liebhaberin des müßigen Streifs beobachtet sich und erkennt vor allen den ikonografischen Charakter ihrer sozialen Gebärden. Ein filigranes, genderfluides Geschöpf „versteift“ sich darauf, „der Säufer, der Verderbte, der Scherben stiftende Rohling zu bleiben“.

Sie schließt sich einem französischen Militärkonvoi an und wechselt die Begleitung, weil der Kommandant des Expeditionscorps ihr sexuell nachstellt. Mit muslimischen Pilgern dringt Eberhardt immer weiter in die Sahara vor. Die Namen der Oasen haben einen „mythischen Klang“ für die Reisende.

Die Wüste als Seelenlandschaft

Raoul Schrott beschreibt die Erfahrung der Wüste als Schauplatz einer Offenbarung wie vor ihm Paul Bowles. Aber Eberhardt setzt sich dieser Sonderschau des Daseins ohne Netz und doppeltem Boden aus. Sie geht volles Risiko. Eine „magische Anziehungskraft“ zieht sie in die glühende Leere, die auch einmal fruchtbar war. Siehe „Schwimmer in der Wüste“.

Die Initiierte ernährt sich von Datteln und Zigaretten. Sie zeichnet und schreibt wie im Fieber. Das Atlasgebirge schiebt sich in weiter Ferne wie eine schroffe Küstenlinie vor den Horizont.

Immer tiefer gelangt sie in die Sahara. Sie erreicht Touggourt …

Der Auftrag

Dann ist Eberhardt wieder in Paris und weist die Avancen der feministischen Skandalschriftstellerin Caroline Rémy de Guebhard zurück. Sie verkehrt in ersten Häusern, rockt mit den Morganatischen; jenen Irrlichtern des Hochadels, die niemals königliche Hoheit werden können und ihren Kummer mit Champagner tränken und die Orchideen der Epoche freihalten. Eberhardt wird Privatermittlerin. Die Witwe eines im Maghreb von Nomaden umgebrachten Magnaten erteilt ihr den Auftrag, die Mörder zu jagen.  

Wieder in Algerien nimmt sie Quartier in El-Oued. Sie verliert ihr Business aus den Augen, da sie sich in Slimène Ethnni verliebt.

Der einheimische Leutnant öffnet Türen. Eberhardt gelingt es, die einzige Schwester in einer Moslembruderschaft zu werden, die in dem Ruf steht, die Bevölkerung gegen die französische Kolonialmacht aufzuwiegeln.  

Man geht die Außenseiterin von allen Seiten hart an. Ein Assassin verletzt Eberhardt lebensgefährlich. Im Weiteren zieht sie sich den Status einer unerwünschten Ausländerin zu. Es sieht nicht gut aus für Isabelle Eberhardt. Bleiben Sie dran. Nach einer kurzen Unterbrechung erzähle ich weiter.

Unfassbare Existenz

Ihrer Zeit erscheint sie unbegreiflich. Hans Christoph Buch nannte sie viel später „Rimbauds Tochter“ und überschrieb so eine Versammlung von Vermutungen. Buch hatte 1977 einen von Paul Bowles übersetzten Band der in Europa vergessenen Schriftstellerabenteuerin Isabelle Eberhardt (1877-1904) in der Buchhandlung von Lawrence Ferlinghetti „auf der Grant Avenue in San Francisco“ entdeckt, und sich mit dieser Entdeckung ein Feld erschlossen.

„Was mich zum Kauf bewogen hatte, war vor allem das Photo der Autorin auf dem Frontispiz: (eine männlich wirkende Europäerin) in tunesischer Tracht ... die mit einer Mischung aus Stolz und Verachtung über den Photographen hinwegsah.“

Buch las die „Vergessenssucher“, magnetisch angezogen von den Begleitumständen.

„Kein Zweifel, Isabelle Eberhardt hat wirklich gelebt.“

Aktive Träumerin

Auf mich wirkt sie wie eine Romanfigur von Albert Camus und vielmehr noch als Akteurin eines verfrühten Existenzialismus. Im ersten Jahr des schwarzen Jahrhunderts beginnt sie eine Serie von Eintragungen mit der Bemerkung:

„Ich bin allein.“

Und zwar nicht vorübergehend, sondern von jeher und für immer.

Die Pionierin der Selbstbestimmung (als einer seelennautischen, navigatorischen Leistung) verbessert ihre Technik des Träumens. Das werden nach ihr viele projekthaft betreiben.

Eberhardt gelingt das ganze Bild der aktiven Träumerin ohne Vorbild und Umgebung. Die Liebhaberin des müßigen Streifs beobachtet sich und erkennt vor allen den ikonografischen Charakter ihrer sozialen Gebärden. Ein filigranes, genderfluides Geschöpf „versteift“ sich darauf, „der Säufer, der Verderbte, der Scherben stiftende Rohling zu bleiben“.

„Wer gibt mir je die Streifzüge zurück, zu Pferde, mit fliegenden Haaren, durch die Berge und Täler der Sahel.  

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