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22.01.2020, Jamal Tuschick

George Orwell ist der Prophet unserer Zeit. Sparsam und mit protestantisch zusammengekniffenen Lippen analysiert er das Scherbengericht des Gesellschaftlichen in weit fortgeschrittenen Prozessen der Zivilisation. Vor allen anderen wendet er sich gegen den Nationalismus. Er verwirft ihn als politische Idee.

Der Zweite Weltkrieg ist kaum zu Ende und bestimmt weiter das Geschehen auf allen Kontinenten als George Orwell in singulärer Hellsichtigkeit im Nationalismus ein Übel erkennt. Die Zeitgenossen sind noch lange nicht so weit. Nationalismus wird als Zement des Staatlichen begriffen. Ohne Nationalismus ist nach landläufiger genauso wie nach herrschaftlicher Auffassung kein Staat zu machen. Das muss man bedenken, wenn man Orwells schriftlich niedergelegte Suchbewegung betrachtet. Der Autor fischt lauter Haare aus der Suppe des Nationalismus; es gibt noch keine Umgebung für seine Einsichten.  

George Orwell, „Über Nationalismus“, aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, dtv, 61 Seiten, 8,-

Um den intellektuellen Tiefstand auszuloten, den der Nationalismus voraussetzt, führt Orwell kuriose Beispiele an. Er verweist auf die Abneigung „anglophober Amerikaner“ großbritannische Umgangssprachlichkeit in ihrem Fundus zu dulden.

Er zeigt, wo Nationalismus mit Klassenhass verschmilzt und regionale Eigentümlichkeiten kleine Einheiten idiosynkratisch aus dem Machtgefüge etwa des Commonwealth sprengen. Orwell beschreibt Separationen, mit denen Menschen gegen ihre Interessen handeln. Eine Idee soll sie sattmachen.

Orwell verzichtet weitgehend auf martialische Kategorien; es sind ja gerade einmal wieder Millionen Menschen im Namen ihren Nationen gefallen. Nach wie vor bildet der nationalstaatliche Kanon etwa auch die Grundlage der Unabhängigkeitskämpfe im Zuge einer Dekolonialisierung des globalen Südens. Die neuen Präsidenten begründen ihre Ansprüche mit dem alten Repertoire.

Orwell erklärt die nahezu beliebige Übertragbarkeit des Nationalstolzes. Der Stolz könnte sich auch mit einem Teddybär als Symbol erfüllen. Er benennt eine Reihe von Ausländern, die sich an die Spitze von vom Nationalwahn erfasster Gesellschaften gesetzt haben: Stalin, Hitler, Napoleon, de Valera, Disraeli, Poincaré. Die Statuten des Pangermanismus stammen von einem Engländer. Die literarische Verehrung der Vereinigten Staaten dröhnt aus dem Irrationalismus einer Erweckungsbewegung.

Kommunisten verwandeln sich in Trotzkisten und lehnen fortan das Vaterland der Internationale ab.

„Ein britischer Tory wird die Selbstbestimmung in Europa verteidigen und sie in Indien ablehnen, ohne den Widerspruch zu bemerken.“

Ich liste das so auf wie Orwell es abliefert. Die Beliebigkeit und Unbeholfenheit, die sich in der Reihe von Beispielen für die Absurdität des Nationalismus zeigt, illustriert die Schwierigkeiten, mit denen der Anti-Nationalist zu kämpfen hat. Die politische Rede ist vom Nationalismus geframt. Nationalismus wird selbstverständlich vorausgesetzt.

Orwell sucht ein neues Vokabular im Kleinklein längst vergessener Spielfiguren. Der Kommunismus kann den Nationalismus als Leidenschaft und Momentum der Raserei ersetzen. Dann muss man ihn aber auch begreifen wie das Land, in dem man auch noch seinen letzten Stunt bringen will, um dann doch wieder nur am harten Brot einer Idee zu kauen.

Orwell memoriert den Albtraum Geschichte zum Beleg der Haltlosigkeit von Verbrechen im Namen des Chauvinismus. Der Nationalist verleugnet die Verbrechen seines Staates. Er bejubelt Siege, die Massaker waren, und beklagt Niederlagen in der Konsequenz fehlgeschlagener Invasionen. Alles wird zum Narrativ und steht zur Disposition.

Orwell interessiert sich besonders für den Nationalismus im Unterholz der britischen Intelligenz. Da sind die Träumer von einer glorreichen Vergangenheit, die im Abendglanz des Empire den kleinen Finger abspreizen. Sie eint das Dagegen. Besonders abfällig äußern sie sich über das Land und die Leute, die ihnen die Show gestohlen haben.

Der gekränkte Stolz spricht Bände.

Lohnend wäre es, sich mit den Autoren zu befassen, die zu Herolden eines politischen Anachronismus wurden. Orwell zählt zu ihnen auch T.S. Eliot.

Der „keltische Nationalismus“ richtet sich gegen den englischen. In seinem Licht, ob schottisch, irisch oder walisisch erscheint das Mutterland als Usurpatorin. Orwell findet die Akteure der Verherrlichung des Keltischen rassistisch.

„Der Kelte, so glaubt man, sei dem Angelsachsen spirituell überlegen.“

Sogar Joyce sei von nationalistischen Spurenelementen kontaminiert.

An dieser Stelle breche ich ab, um nachdenken. Mir ist klar geworden, dass Joyce im Schisma katholisch geblieben ist. Sollte er in der Diaspora im British Man auf dem Kontinent einen graswurzelnden Iren matruschkamäßig eingelagert haben?  

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