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23.01.2020, Jamal Tuschick

In ihren ersten eigenen vier Wänden spielt die schöne Madeleine in der Prinzessinnenrolle einer frisch Vermählten dem pubertierenden Cousin John „I Put a Spell on You“ in einer Version von Nine Simone vor. Viele „I Put a Spell on You“-Versionen später kommt Burnside zu der Überzeugung, „in einer vorwiegend gestohlenen Kultur zu leben“.

Gestohlene Kultur

„I Put a Spell on You“ in der Version von Nine Simone  

Eingebetteter Medieninhalt

„I Put a Spell on You“ in der Version von Screamin' Jay Hawkins

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Die Liebe erschließt sich ihm in der Gegenwart einer erfahrenen Cousine. Madeleine ist schöner als jede TV-Zelebrität. Sie hat noch mehr auf Lager. In ihren ersten eigenen vier Wänden spielt sie in der Prinzessinnenrolle einer frisch Vermählten dem Grünschnabel „I Put a Spell on You“ in einer Version von Nine Simone vor. Der Gast wähnt sich jenseits irdischer Barrieren in einem Himmel voller Bluesgeigen; wenn auch nur für die Dauer von zweiundeinhalb Minuten.  

John Burnside, „Über Liebe und Magie - I Put a Spell on You“, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Penguin Verlag, 279 Seiten, 20,-

Die Szene liefert dem unsteten Start ins Leben einen fragilen Fixpunkt. Das Schöne steckt im Vagen. In Dunfermline geboren, wächst John Burnside erst im schottischen Cowdenbeath auf, um nach burlesk abgeklapperten Stationen in Australien und Kanada im englischen Corby die volle Körpergröße zu erreichen.

„Corby is the unhappiest place in the UK.“ Northamptonshire Telegraph

Corby wird als „Reißbrettort“ der Landschaft aufgezwungen. Anderswo spricht man in diesem Kontext von Retortenstädten. Der Bausündencharakter steriler Siedlungen mit vom Lastwagen gehievter Infrastruktur ist noch kein soziologischer Gegenstand.

„Corby (ist) in jeder Hinsicht eine Enttäuschung“, aber eben auch Burnsides Pubertätsspielplatz. Die Arbeiterjugend trifft sich im „Charolais“, einem dem Einkaufszentrum inkorporiertes Billigrestaurant. Der Debütant probt mit einer verheirateten Frau. Die beiden verdrücken sich und finden Plätze im Verborgenen. Allein darin scheint viel Romantik und Gestern auf.

Die Liebe im Betonquadrat/am Saum der Kotstreifen/Neben den Mülltonnen/

Betonplattenwege zwischen Rabatten, die von enttäuschten Liebesbegehren erzählen/In einer beliebigen Reihe/Mit klebrigen Händen …

Schon ist Verrat das Interessanteste an der Sache.

Noch mal

John gelangt im Schlepp seiner vor den Zumutungen einer soliden Lebensführung fliehenden, ihrem Wesen nach gesellschaftsflüchtigen Familie (diesem Ausbund der Verzweiflung und des Ungenügens) nach Corby und wird da als Idiot gehandelt. Heimlich steigt er zum Liebhaber einer Frau auf, deren Gatte Patrick höchstes Ansehen in der Gemeinde genießt. Karen weiht ihre beste Freundin ein. Kay ist mit Patricks bestem Freund verheiratet. Karens Betrug verwandelt die Gruppenaufstellung in einen Hexenkessel der falschen Normalität.

Und der größte Depp weit und breit tritt als Verursacher auf; so als könne er für irgendetwas geradestehen.

Burnside offenbart eine Topografie „spezieller Orte“ in einer Stadt, die so unwirtlich wie der Mond ist. Mitscherlich hat sie nicht gekannt, sonst hätte er für seine Unwirtlichkeitssuada nicht an Frankfurt Maß genommen.

Da gibt es „die Lichtung“ als sicheren Rahmen eines verbotenen Stelldicheins.

Burnside schildert Karen fern jeder Affektiertheit. Hingerissen beobachtet er eine belustigte Erforscherin der Niederungen. Noch beflügelt sie eine Ahnung davon, dass es auch anders laufen könnte, nicht ganz so kleinkariert wie die Küchentischdecke.

Karen spielt mit John, aber auch mit ihrer Existenz, die von einer Gemeinschaft ausgeht, in der sie Patricks Frau ist und Anspruch auf Unterstützung der sozial Stämmigsten weit und breit hat.

Sie hat eine Menge mehr zu verlieren als John.

Zu gut für Corby

Burnside spricht von einer „überdurchschnittlich intelligenten Fabrikarbeiterin“, die sich mit einem „Kneipenhocker“ eingelassen hat und mit „einem ganz und gar enttäuschenden Ehemann“ einbetoniert wurde.

Viele „I Put a Spell on You“-Versionen später kommt Burnside zu der Überzeugung, „in einer vorwiegend gestohlenen Kultur zu leben“.

Das ist doch schon mal ein Anfang.

„Corby is the unhappiest place in the UK.“ Northamptonshire Telegraph

Das Stadtzentrum von Corby

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