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23.01.2020, Jamal Tuschick

In seinem Essay „Über Nationalismus“ interessiert George Orwell die Diversität im Spektrum zwischen walisischen, irischen und schottischen Spielarten des „keltischen Nationalismus“ wenig. Er kapriziert sich auf die Antagonistin aller Differenz: die gemeinsame „anti-englische Stoßrichtung“.

Kaledonische Antisyzygy

Eingebetteter Medieninhalt

George Orwell assoziiert den „Glauben an eine vergangene und zukünftige Größe der keltischen Völker“ mit Rassismus. Gegenüber einschlägigen Autonomiewünschen zeigt er sich reserviert.

Ist es nicht chauvinistisch zu schreiben:

„Ein Symptom dafür ist der Irrglauben, Irland, Schottland und Wales könnten ihre Unabhängigkeit ohne Hilfe bewahren und hätten dem britischen Schutz nichts zu verdanken.“

In der Hauptsache lese ich gerade

George Orwell, „Über Nationalismus“, aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, dtv, 61 Seiten, 8,-

und

John Burnside, „Über Liebe und Magie - I Put a Spell on You“, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Penguin Verlag, 279 Seiten, 20,-

Rechtschaffende Wildheit

… und bemerke die separatistische Note des Schotten Burnside, der, ausgehend von dem Wort thrawn, einen oppositionellen Ton anschlägt. Burnside beruft sich auf keltische Nationalisten, ich möchte sagen, er beruft sich auf sie in aller Unschuld. Da, wo der Konformitätsdruck einen individuellen Ausdruck zulässt, etabliert sich ein Thrawn-Regime. Burnside, der seine Hauptsachen als Abschweifungen deklariert und in einem Nebensachenjargon verhandelt (mit viel Ernst & Freud in den Fußnoten) …

„Abschweifungen sind unleugbar der Sonnenschein – das Leben, die Seele der Lektüre.“ Laurence Sterne

… ergänzt die geläufigen Konnotationen von thrawn mit „verdreht, krumm, verzerrt“. Das „Durchgedrehte“ hört er in der Musik Galiziens und der Bretagne, nennt es „rechtschaffende Wildheit“ und erkennt darin einen „typisch keltischen Wesenszug, um den sich das schottischste aller geistigen … Unterfangen rankt, die sogenannte kaledonische Antisyzygy“. In der Übersetzung erscheint der schwierige, von G. Gregory Smith geprägte Ausdruck nicht genauso wie hier wiedergegeben. Er überflutet ein akademisches Unwerturteil, demzufolge die schottische Literatur ein unbeachtliches Provinzgeschehen sei. Smith postulierte das Gegenteil.

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