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24.01.2020, Jamal Tuschick

Tracy Chevalier erzählt in „Violet“ von einem Frauenleben zwischen Kirche und Romanen. Sie schildert die Luftspiegelungen eines alltäglichen Unglücks. Ihre Heldin hat im I. Weltkrieg den Mann verloren, den zu heiraten ihr bestimmt schien. Nun sucht sie Trost in einer ungläubigen Nähe zu der sakralen Praxis in einer jener Kathedralen Europas, die in epochalen Dimensionen zugleich Säule und Fundament waren. Wieder verknüpft Chevalier ein kleines Leben mit großer Geschichte. Sie beschreibt die schleichenden Prozesse einer Emanzipation aus Notwendigkeit. Violet Speedwell verdient zu wenig als Schreibkraft einer Versicherungsgesellschaft. Die Autorin vergleicht Violets dürftigen Lohn „mit einem Paar schlechtsitzender Schuhe: Man konnte sie zwar tragen, doch sie drückten und rieben und hinterließen Blasen“. Chevalier beschreibt beides genau: die Zersetzung und den Widerstand.

Tranceartiger Frieden

Oft unzufrieden mit dem, was sie schreibt: Tracy Chevalier. Dabei behauptet sie einen Spitzenplatz unter den Historienmalerinnen der Literatur. 

Eingebetteter Medieninhalt

„Der Stil reflektiert das Subjekt. Die Form folgt der Funktion.“

Das lernt die siebzehnjährige Griet als Hausmädchen des Malers Jan Vermeer im Delft des 17. Jahrhunderts. Griet ist das Mädchen mit dem Perlenohrring. Tracy Chevalier wurde mit einem Roman gleichen Namens weltberühmt. Wesentlich unauffälliger erscheint die Heldin in „Violet“. Wieder markiert die größte Überschrift das Zentralgestirn des Geschehens. Die Geschichte beginnt am 19. Mai 1932. Violet sucht Anschluss an die Broderinnnen (Broderie) ihrer Kirchengemeinde. Die Neue begegnet einer Gemeinschaft eifernder Kniekissenbestickerinnen. Der fromme Fleiß erfüllt die Kathedrale von Winchester, einem der größten Kirchenbauten in Großbritannien und in der Handlungsgegenwart beinah neunhundert Jahre alt.

Winchester war die erste Hauptstadt Englands. Sogar William the Conqueror fand es nötig, sich da krönen zu lassen. Die Stadt in der Grafschaft Hampshire war lange vor dem normannischen Siegeszug Königsstadt des angelsächsischen Wessex-Reiches.

Winchester ist die Stadt, in der Jane Austen starb.  

Tracy Chevalier, „Violet“, Roman, aus dem Englischen von Anne Rademacher, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 348 Seiten, 16,-

Noch bewegt sich Violet touristisch in den Seitenschiffen. Jeder ihrer Schritte wird argwöhnisch beobachtet.

Violet arbeitet als Schreibkraft in einer Versicherungsagentur: einem Ableger. Das Hauptquartier in dem zwölf Meilen entfernten Southampton ist einem scharfen Regime unterworfen, aber in Winchester gehen die Uhren anders.

Violet genießt Freiheiten. Sie raucht, um ihren Hunger zu unterdrücken. „Zum Abendessen (gibt) es oft Sardinen auf Toast … statt eines Koteletts, denn Fleisch (ist) zu teuer“.

Chevalier schildert eine (mit achtunddreißig noch tragisch) ledige Angestellte in puritanischen, von einem gewaltigen Frauenüberschuss unter Druck gesetzten Verhältnissen. Die immer noch kriegsbeschädigte Gesellschaft bewacht ihre potentiellen Bräute. In den möblierten Untermietzimmern dürfen sie keine Männer empfangen. Ältere Frauen übernehmen die Aufsicht auf Tuchfühlung und interpretieren ihr Mandat drakonisch.

Violet rebelliert und resigniert wie in einem Atemzug. Sie ist eine Gefangene ihrer Zeit. Ihr Verlobter fiel im Weltkrieg, der in Violets Register noch singulär ist.

Ihre Affären nennt sie „Eskapaden“. In den Begleitumständen triumphiert die Trostlosigkeit. Zwar ist die Kathedrale ihr Lebensmittelpunkt, „das Gebet ist (aber) für sie im Krieg gestorben“.

Bald unterwirft sich Violet der Stick-Diktatur von Mrs Biggins.

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