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25.01.2020, Jamal Tuschick

“Politics in a literary work, is like a gun shot in the middle of a concert, something vulgar, and however, something which is impossible to ignore.” Stendhal

Die Babylonische Bibliothek

Yeşilköy Strand - Winter 2015, Basilica Zisterne (Medusenkopf), Sultanahmet, Ausstellung - SALT Beyoğlu

Auch die Binooki-Schwestern gehören zur Istanbul-Connection. Sie sind Agentinnen eines Transfers alten Wissens; Datenträgerinnen mit Informationen aus der Babylonischen Bibliothek.

Baal-Schwur im Opfertempel

In dem Gedicht „Gerstenkorn und Pauken“ besingt der Dichter die seltenen Erden von Mesopotamien. Er verweist auf den Ursprung der Zivilisation als menschlichem Zustand zwischen Euphrat und Tigris (Dicle).

Şafak Sarıçiçek, „Jamsids Spiegelkelch“, Gedichte, mit Illustrationen von Deniz Sarıçiçek, edition offenes feld, 79 Seiten

Sarıçiçek schildert die Geschichte als „Strickfaden“ und erinnert an „Beschwörungen im Tierfell“.

Das Gedicht lässt sich als Liste von Listen lesen; wie man ursprünglich über den fußläufigen Aasfresser hinaus ging, der seine Fieberträume vor Angst zitternd in den Savannen sang. Wie der Mensch sich erhob und aus der Erde schöpfte. Wie er seinen ersten Mythos als Flammenhüter gewann und sich heraldische Botschaften direkt hinter die Ohren auf die Haut schrieb.

Die Dimension ist episch, der Ton lyrisch.  

Die ganze Zivilisation könnte eine bewahrheitete Einbildung sein.

Feudales Mischfranzösisch

Aus dem Briefwechsel mit Şafak Sarıçiçek: Morgen bringe ich Deinen nächsten Beitrag. Könnest Du ein paar lose Notizen im Stil eines Istanbuler Tagebuchs für das Mainlabor aus dem Ärmel zaubern? Vielleicht auch mit Fotos. Im Zweifelsfall reichen die Fotos. Dann setze ich je ein Foto zu einem Vers von Dir.

Eingebetteter Medieninhalt

Ich setze die Fotos den Gedichten auf den Schoss.

So erzeuge ich kooperativ einen Raum der Anschaulichkeit. Wir müssen die Lyrikrezeption verbessern, indem wir Gedichte mit forcierter Selbstverständlichkeit im öffentlichen Raum aufpflanzen wie Lanzen. 

Besonders glücklich wäre ich über eine Kleinigkeit, in der das Türkische mit dem Deutschen fusioniert.

Ich fände es schön, wenn man Türkisch die Bedeutung einer Prestigesprache gäbe.

So wie ja viele deutsch-englische Texte ihrem Wesen nach Statusansagen sind. Außerdem sind sie die armen Verwandten jener Briefe, die einst in einem feudalen Mischfranzösisch abgefasst wurden. 

Türkisch ist die Sprache der Eingecheckten in der Zukunftsschleuse. Sie bezeugt einen Informationsvorsprung. 

Go & get

Şafak Sarıçiçek, „Jamsids Spiegelkelch“, Gedichte, mit Illustrationen von Deniz Sarıçiçek, edition offenes feld, 79 Seiten

Jetset und Ornament

Şafak Sarıçiçek untersucht in neuen Gedichten auch das Verhältnis des Jetlags zum Ornament. In einer Spannung zwischen Rationalität & Aberglauben, so lese ich den Vers „Ornament und o Amulette! Überschallflug“ in dem Gedicht „Machete“, nähern wir uns unter dem Druck der Anpassung einer intelligenteren Lesart im Sinn von Technik & Spiritualität. Man kann die Verknüpfungen kommutativ verwenden, folglich einen Anstieg und einen Abstieg an derselben Achse erkennen.

Exaltation im Sitzen

Der Titel transportiert eine Zeile aus „Berg(en)schlüssel“

„Jamsids Kelch ist Spiegel der Welt“.

Er ist eine „Mikroplastik“.

Einen reitenden Boten entsende ich nach Istanbul, um mir Aufklärung zu verschaffen.

*

Aus dem Nichts der Sprache entsteht eine Welt der gemeinsamen Bedeutungen. Das Interesse des Kindes an sich selbst, rührt her vom Interesse der Mutter. Es unterscheidet nicht zwischen Zärtlichkeit und Fürsorge. Das Gedicht stellt diesen Zustand her. Es bewirkt eine Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Es erlaubt Exaltation im Sitzen. Während der Leser das Gedicht trinkt oder raucht, „erblickt er das Spiegelbild seiner Schönheit“ (Ovid).

Das Gedicht ist Widerstand/Aufklärung aus dem Weltall

Die Agent*innen des Sozialen töten die Spielfreude und verwandeln den Liebenden (seines Lebens) „in einen infantilen, possessiven, hoch neurotischen Sentimentalisten“ (John Burnside). Dem entgeht man im lyrischen Widerstand. Er besitzt die Schönheit des Freiheitskampfes. Er richtet sich gegen die Ordnung und stellt sie zugleich fest. Sarıçiçeks poetischer Kosmos birgt Aufnahmen wie im Überflug aus großer Höhe. Der Dichter als Pilot in der Einsamkeit des Weltraumvorhofs. Ich sehe ihn der *Lockheed U-2 Dragon Lady.

No higher resolution available.

*„Die Lockheed U-2 Dragon Lady ist ein einstrahliges, für den Einsatz in großen Höhen ausgelegtes, strategisches Aufklärungsflugzeug.“ Wikipedia

*

Lieber Şafak, die Bilder (aus Istanbul, Anmerkung der Redaktion) sind sehr gut und das Ganze macht sich hervorragend als work in progress auf beiden Seiten: Produktion und Rezeption gehen Hand in Hand wie turtelnde Teenager. 

In Sarıçiçeks Welt kommen „geköpfte Wahrheiten“ vor. Ein „Henkerwind“ kreuzigt die Tage. Der Dichter erscheint als Argonaut auf Zeitreise. Man vertraut sich ihm skeptisch an – einem Navigator auf Erkundungskurs.

Sarıçiçek untersucht mit den Mitteln des Gedichts mehr als eine Sagbarkeitsgrenze. Er bewegt sich da, wo Kübra Gümüşay in ihrem sagenhaft schönen Buch „Sprache und Sein“ feststellt:

„Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache. Nicht alles, was geschieht, findet seinen Ausdruck darin.“

Ohne zu widersprechen, dementiert Sarıçiçek Gümüşays Ansage mit seinem Projekt. Es muss doch möglich sein, zwischen Baum und Borke zu gelangen und den Ausdruck zu finden. Man kann doch keinen ernstnehmen, der da nicht dabei ist.

*

In „Heilquell“ spielt der Dichter auf ein Griechisch an, das nur für Erlasse taugte.

„Großer Alexander, Imperator!/Deiner Sprache Erlass“.

Hat die Macht im Wort erst einmal Platz genommen, entweicht die Kunst wie Luft aus dem Reifen.

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