MenuMENU

zurück zu Main Labor

26.01.2020, Jamal Tuschick

Grandioser Abstieg

Er habilitiert sich mit der Hoffnung auf eine Professur in Wien. Doch schickt ihn seine Behörde als „wirklichen Lehrer“ und dürftig ausgestatteten Beamten nach Opava (Troppau) an die Staats-Oberrealschule. Die Autorin spekuliert über eine „Art Strafversetzung … und einen grandiosen Abstieg“ nach Zwischenspielen in europäischen Metropolen. Der mit Anna (geborene Weiß) verheiratete und aus Galizien gebürtige Anglist Leon Kellner tritt nicht nur als Vater seiner zweiten Tochter in die Geschichte ein. Er ist auch ein zeitiger Herold Herzls.  

„Ich bin ein guter Österreicher … ein deutscher Schriftsteller (die deutsche Sprache erscheint Kellner als „zweites Vaterland“) und mit Leib und Seele Zionist.“

Dora Sophie K. kommt im Januar 1890 zur Welt, gerade als „täglich vierzig bis fünfzig Wienerinnen und Wiener“ an der Grippe sterben. Jahrzehnte später wird Dora nach einem unschönen Ende ihrer Ehe mit Walter Benjamin vorübergehend ihren Mädchenmädchen wieder annehmen. Die Scheidung heftet das Liebesaus wie eine Fata Morgana falsch an den Horizont beständiger Zuneigung und Fürsorge bis zu Benjamins Tod.

Ein Jahr bleibt man überkreuz; dann gesteht man sich die Zusammengehörigkeit mit billigt den Abstand.

Eva Weissweiler, Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe, 364 Seiten, 24,-

Er gehört zu ihr, auch wenn er seine Wege allein oder mit anderen geht; wie gut beraten auch immer.

Ich lasse den Vorgriff wie eine Klippe im Raum stehen.

Um dem österreichischen Antisemitismus zu entgehen, weicht die Familie Kellner unter einem akademischen Vorwand nach London aus. Anna trägt zum Familieneinkommen mit Übersetzungen bei. Weissweiler führt zum Beispiel Leonard Merricks „One Man‘s View“ an.

Um dem österreichischen Antisemitismus zu entgehen, weicht die Familie Kellner unter einem akademischen Vorwand nach London aus. Anna trägt zum Familieneinkommen mit Übersetzungen bei. Weissweiler führt zum Beispiel Leonard Merricks „One Man‘s View“ an.

Der Familie gelingt es nicht, in London Fuß zu fassen. Wieder in Wien macht Leon Kellner vor allem als Propagandist des Zionismus weiter. Er überwirft sich mit Theodor Herzl, der 1904 vierundvierzigjährig (erloschen nach Jahren im Zustand der Sendungsverzückung) stirbt. Kellner obliegt die Herausgabe des Nachlasses, darunter „Keime zu Feuilletons“. Der halb unwillige Editor erhält einen Ruf nach Czernowitz, dem „Wien des Ostens, Hauptstadt der Bukowina“.

„Krawalle und Schlägereien (sind) an der Tagesordnung.“

Sieben Tageszeitungen kursieren in der Stadt. Dora besucht das Lyzeum und gerät in den Taumel der inspirierten Existenz. Die angehende Schriftstellerin trifft ihr Material. 

Sie singt und gibt den Zweifeln an ihrer Stimme literarisches Volumen:

„Nicht tief und dunkel, nicht groß, aber warm und lebendig“ klingt Doras Romanheldin Camilla.

Leon Kellner gewinnt in Czernowitz die Statur eines Gestalters. Er genießt seinen Ruhm und fühlt sich potent mit seinem politischen Auftrag.

„Sie selbst sagen, dass wir nicht Rumänen, nicht Deutsche und nicht Ruthenen sind; wir sagen ihnen, wir sind Juden!“

„Als Jude (verteidigt) er den Alleinanspruch seines Volkes auf das Alte Testament, das sich die Christen wie Räuber in der Nacht angeeignet hätten.“

Das kommt in der Öffentlichkeit gut an, nicht aber daheim, wo Kellners Gattin eine persönliche Perspektive entbehrt. Sie kehrt nach Wien zurück und verfolgt da eigene Wege. Dora übersteht die Auswüchse einer verbotenen Pädagogik. Die Herrin des Geschehens behält sie als „infames Luder“ in Erinnerung.

Obwohl sie in einem musischen Milieu sozialisiert wurde, studiert Dora Chemie. 1912 heiratet sie Max Pollak. Die gesellschaftlich avancierte Verbindung kann auch mit dem „Misstrauen (gegenüber) der romantischen Liebe“ nicht abbruchsicher gemacht werden. Die Ehe wird einvernehmlich nicht vollzogen. Das distanzierte Paar verändert sich nach Berlin und quartiert sich in einer japanischen Pension an der Motzstraße ein. 

Weissweiler schildert einen superdiversen Kiez, in dem allenfalls der Prinz von Theben aka Else Lasker-Schüler auffällt.

Else Lasker-Schüler

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen