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27.01.2020, Jamal Tuschick

Die Geschichte ist oft über qualmenden Aschenbechern erzählt worden. Wie Rolf Dieter Brinkmann (1940 – 1975) als Star von Gestern und uferloser Widerpart aller Möchtegerns sich selbst aus dem Literaturbetrieb schloss,

„verstummte“, wie ein Pathetiker sagte, um kaum beachtet weiterzuschreiben.

Fünf Jahre veröffentlichte Brinkmann kein Buch, dann wurde er in London überfahren. Die Auslieferung seiner „Westwärts“-Gedichte an den Handel erlebte er nicht mehr. Die Angst vor einem Unfalltod geistert durch Gedichte. Brinkmann war der erste Petrarca-Preisträger, die Witwe ließ sich die Ehrung gefallen. Handke schlug in der Feierstunde Purzelbäume, Bazon Brock lief auf den Händen. Das wissen wir von Jörg Schröder, der als Privatdetektiv ermittelte.

Bis Neunundsiebzig der Nachlass unter die Leute kam, galt Westwärts 1 & 2 als Brinkmanns Vermächtnis.

Die Wellen rollen heran.

Ich hau die Zinken ins/ Blau!

In den Gedichten überlebt ein jugendlicher Ton, die helle amerikanische Freude des O’Hara-Fans Brinkmann, (auch O’Hara starb bei einem Verkehrsunfall) zugleich alle Düsternis, mit der man ihn heute in Verbindung bringt – infolge einer massiv von den Veröffentlichungen aus dem Nachlass gesteuerten Rezeption.

1974 war Brinkmann Gastdozent in Austin, Texas. Sekretärinnen flohen vor ihm. Brinkmann freundete sich mit einem deutschen Studenten an, man schrieb sich. Hartmut lockte den Dichter mit Interesse. Brinkmann nutzte die Chance zu einer Poetologie. Zwar behauptete er: „Zu Gedichten habe ich nichts zu sagen“, aber das stimmte nicht. Er zog die Gewinne aus seiner Biografie – Biografie als Material – mit unmethodischen Verlängerungen Richtung Hirnforschung und amerikanischer Kulturtheorie. Philosophie lehnte er ab, Politik war wurscht. Ihn beschäftigte, wie sich das „Rolling Stone-Magazin“ entwickelte. Er schnitt Bilder aus Zeitungen, schoss Fotos für einen Fotoroman. Seine Städte Vechta/Essen/Köln/London/Rom/Austin kamen in den Gedichten vor. Eine windregierte Landschaft ohne Menschen war ein Ideal.

„Stereo-Texte“ nannte Heinrich Vormweg Brinkmanns parallel laufende Gedichte. Sie erlauben Mehrstimmigkeit.

Erst im Gegenlicht von „Rom Blicke“ wurden die Vereinzelungsphantasien und das elitäre Gemurmel an Stellen ruchbar. In seinen Briefen an Hartmut taucht der sozial gepresste Brinkmann als unzufriedener Wahlkölner auf, dem es manchmal richtig an den Kragen geht. Ein irrer Ton herrscht: „Lieber Hartmut, heute ist ein ganz mieser Tag draußen, bleich und regnerisch und dazu noch einer dieser absolut öden und verwahrlosten Feiertage auf deutsch … wo die ganze Öde der Umgebung … zum Vorschein kommt, so verrottet doof und brav-bürgerlich.“

Brinkmann schildert seine renovierungsbedürftige Wohnung, in der er dreizehn Jahre zubrachte. Schließlich war das Elend vollständig. Am 15. März 1975 schreibt er: „Wir müssen von Sozialhilfe leben, vorübergehend.“ Vorübergehend ist prophetisch. Am 23. April war das Elend vorüber. Wellershoff, der Brinkmanns Begabung früh gesehen hat, charakterisierte die „Westwärts-Gedichte“ im laufenden Jahr Fünfundsiebzig als „Zeugnisse eines verfehlten Lebens“.

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